Schreckgespenst Jugendknast? | Deutschland | DW | 04.11.2013
  1. Inhalt
  2. Navigation
  3. Weitere Inhalte
  4. Metanavigation
  5. Suche
  6. Choose from 30 Languages

Deutschland

Schreckgespenst Jugendknast?

Mehr Sozialarbeit, weniger Haftstrafen: So wird der Staat zum zahnlosen Tiger, meint ein Jugendrichter. Doch die Statistiken zeigen etwas anderes, entgegnen ihm Sozialarbeiter. Eine Debatte.

In der Talkshow von Günther Jauch landet man nicht so einfach. Doch wenn einer in den orangefarbenen Sesseln der Sonntagabend-Sendung im Ersten Deutschen Fernsehen sitzt, dann hat er alle Augen auf sich gelenkt. Genau in dieser Show stellte Andreas Müller - der "härteste Jugendrichter Deutschlands", wie ihn der Boulevard gerne nennt - sein neues Buch vor. Unter dem Titel "Schluss mit der Sozialromantik!" fordert er das Ende der "blinden Milde" im Jugendstraffrecht. Diese Milde schaffe seit Jahrzehnten neue Täter und neue Opfer, so der Richter aus Bernau bei Berlin.

"Manchmal ist Gefängnis notwendig"

Jugendrichter Andreas Müller (Foto: Siegfried Pielken)

Plädiert für eine harte Linie: Jugendrichter Andreas Müller

"Im Grunde genommen möchte ich gar nicht, dass ein junger Mensch in den Knast geht. Manchmal ist das aber notwendig", sagt Müller im DW-Interview. Der Staat dürfe sich im Verhältnis zu gewaltbereiten Jugendlichen nicht als zahnloser Tiger erweisen. In seinem Gerichtsaal besteht er auf bestimmten Spieregeln: Müller trägt die Robe, lässt die Anwesenden bei seinem Erscheinen aufstehen, und Springerstiefel, ein Muss für viele Neonazis, verbietet Müller während der Verhandlungen. "Den Tätern muss man klipp und klar sagen: 'Wenn du eine bestimmte Grenze überschreitest, dann fährst du ein.' Wenn diese Ansage sich herumspricht, wissen auch andere Jugendliche: Dieser Richter meint es ernst!"

Gefängnis als erfolgreiches Mittel der Abschreckung? Wohl kaum, meint Christian Pfeiffer vom Kriminologischen Forschungsinstitut Niedersachsen. "Die Gefängnisse sind eine Hochschule der Gewalt und nicht Einrichtungen für Prävention", mahnt Pfeiffer gegenüber der DW. Für eine Studie befragte sein Team 6.000 junge Gefangene und stellte fest, dass jeder dritter in den vorangegangenen vier Wochen Opfer von Gewalt war. "Einzelne profitieren zwar von Therapien, die sie dort bekommen - die Mehrheit wird hingegen negativ beeinflusst", betont der Kriminologe.

Buchcover Schluss mit der Sozialromantik von Jugendrichter Andreas Müller. (Foto: Herder-Verlag)

Buchcover "Schluss mit der Sozialromantik" von Jugendrichter Andreas Müller.

Christian Pfeiffer zitiert eine Statistik: Laut Bundeskriminalamt gab es im vergangenen Jahr knapp 400.000 Tatverdächtige im Alter zwischen 14 und 21 Jahren. "Fakt ist, dass Deutschland den stärksten Rückgang an Jugendgewalt von allen europäischen Ländern hat. Die brutalsten Delikte, beispielweise Tötungsdelikte unter Jugendlichen, sind seit der Wiedervereinigung um 46 Prozent zurückgegangen. In den letzten 15 Jahren haben in den deutschen Schulen die Fälle in denen jemand krankenhausreif geschlagen wurde, um 56 Prozent abgenommen", listet Pfeiffer auf. Sein Schluss: Jugendliche in Deutschland waren nie friedfertiger als heute.

Zahlen sind Fakten. Oder?

Rückläufige Zahlen bei Jugenddelikten bezeichnet Andreas Müller in seinem Buch hingegen ironisch als "rosarot" eingefärbt. Gewalt sei immer noch allgegenwärtig, sagt er. Der Jugendrichter glaubt, dass auch dieser Rückgang der Jugendkriminalität nicht zuletzt einer neuen Generation von härteren Kollegen zu verdanken sei. "In den vergangenen zwei Jahrzehnten war der Gedanke in den Köpfen der Jugendrichter, möglichst weich zu urteilen. Das ändert sich langsam. Dadurch, dass wir ab und zu hart sein müssen, leeren wir auch die Knäste", so Müller.

Sein Kritiker Pfeiffer sieht die Lage völlig anders. Jugendgefängnisse, die nicht überfüllt sind, seien Folge milderer Strafen und pädagogischer Arbeit. Seit dem Jahr 2000 ist die Zahl von Gefängnisstrafen um ein Fünftel zurückgegangen. Diese Entwicklung sei auch mit neuen Gesetzen und der wirtschaftlichen Lage zu erklären. "Der Gesetzgeber hat im Jahr 2000 das Recht der Eltern abgeschafft, ihre eigene Kinder zu schlagen", sagt er und erklärt, dass verprügelte Kinder eher gewaltbereit seien. "Außerdem ist Alkoholismus unter Jugendlichen rückläufig, sowie Jugendarbeitslosigkeit und Akzeptanz von Gewalt", nennt Pfeiffer weitere Tendenzen.

Yin und Yang

Christian Pfeiffer vom Kriminologischen Forschungsinstitut Niedersachsen. (Foto: (AP/Eckehard Schulz)

Gefängnisse - eine "Hochschule der Gewalt", meint Kriminologe Christian Pfeiffer

Derzeit kann ein Jugendrichter ziemlich kreativ urteilen: Du musst jeden Tag spätestens um 20 Uhr zuhause sein, darfst nicht in deine Stammkneipe gehen und das Konzert der Gruppe Rammstein am Samstag darfst du auch nicht besuchen - all das können Auflagen sein. Wenn es um klassische Strafen geht, sind die Möglichkeiten der Richter jedoch beschränkt: Sie können Jugendarrest von bis zu vier Wochen verhängen oder eine Gefängnisstrafe von mindestens sechs Monaten. Dazwischen gibt es nichts. Müller würde gerne mehr Werkzeuge als Richter haben - etwa eine Gefängnisstrafe von zwei Monaten.

Kurzen Freiheitsentzug, vor allem Jugendarrest, sieht Pfeiffer dagegen als überflüssig an. "Das ist nur eine Prügelstrafe vom Richter, wenn der jemanden für ein Wochenende oder für drei Wochen hinter Gitter bringt", so der Kriminologe. Längere Haftstraffen bezeichnet er als nötig, aber nur bei besonders brutalen und exzessiven Tätern. "In diesem Fall können wir hoffen, dass der Alterungsprozess oder Therapien und Ausbildungen im Gefängnis irgendwann den Täter erreichen werden."

Beide Ansprechpartner der DW saßen in den letzten Jahren oft nebeneinander auf Podiumsdiskussionen oder in TV-Sendungen. Einig waren sie sich dabei selten. "Professor Pfeiffer macht die Theorie", sagt Müller. "Wir Jugendrichter sind aber täglich im Gerichtsaal." Und umgekehrt meint Pfeiffer wenig zimperlich: "Er liest nicht in den Tabellen, was die Wirklichkeit ist, sondern gestaltet sich die Wirklichkeit so, wie er sie für seine Thesen braucht, zur Rechtfertigung seiner Strafen. Seine Thesen sind schlicht Quatsch."

Die Redaktion empfiehlt