Schnaps und Argumente: Demokraten-Debatte als Bar-Event | Amerika - Die aktuellsten Nachrichten und Informationen | DW | 27.06.2019
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US-Präsidentschaftswahlkampf

Schnaps und Argumente: Demokraten-Debatte als Bar-Event

Kandidaten-Kür bei den US-Demokraten Teil 1: Die ersten zehn Bewerber haben live im Fernsehen debattiert - unter den kritischen Augen von Barbesuchern beim Public Viewing im "Red Derby". Von Carla Bleiker, Washington.

Mittwochabend, 19:30 Uhr. Die "Red Derby" Bar in Washingtons Columbia Heights Viertel ist für einen Wochentag gut gefüllt. Es ist laut, im Hintergrund läuft Rockmusik, und die Gäste unterhalten sich bei Pommes, Burgern und Bier.

Die Stimmung ist wie vor der Übertragung eines Footballspiels. Aber die Gäste im "Red Derby" sind an diesem Abend nicht zusammengekommen, um ihre Mannschaft anzufeuern, sondern um den ersten Showdown der Bewerber um den Posten des demokratischen Präsidentschaftskandidaten zu verfolgen. Ungewöhnlich? Nicht in Washington, DC.

"Das ist so ein DC-Ding", sagt Sandra, eine afroamerikanische Studentin, die gemeinsam mit drei Freundinnen gekommen ist, um sich die Übertragung der Debatte in Miami anzuschauen. Selbst Kongressanhörungen würden in Bars ausgestrahlt. "Mit einem großen Publikum macht es auch Spaß, sich die Reaktionen der anderen anzuschauen."

10 Präsidentschaftsbewerber der US-Demokraten bei der TV-Debatte am Mittwoch (picture-alliance/newscom/K. Dietsch)

Die ersten 10 Präsidentschaftsbewerber der Demokraten bei TV-Debatte: Alle wollen Trump schlagen

Für gute Stimmung soll auch das Getränkeangebot sorgen. Die Bar-Besitzer David und Sasha Leven haben spezielle Drinks auf die Karte gesetzt: Es gibt den "Blue Wave Punch", eine tropische Mischung mit Rum, benannt in Anspielung auf die Parteifarbe der Demokraten und ihre "blaue Welle", die im November 2020 Trump aus dem Weißen Haus und eine demokratische Mehrheit in den Senat spülen soll. Außerdem im Angebot: Der "Miami Mix Up", der unter anderem Wodka und Pfirsich Schnaps enthält und der Cocktail "Closing Argument", zu deutsch "Abschlussplädoyer".

Die Drinks zeigen Wirkung: Als um 21 Uhr das Logo der Demokraten Debatte auf den Videoleinwänden in der Bar erscheint, bricht Jubel aus. Jetzt geht's los - jedenfalls halbwegs. Der Ton will noch nicht so richtig, niemand kann hören, was Moderatoren und Kandidaten sagen. "Lauter!"-Rufe kommen von mehreren Seiten. Hauptstadt-Journalist Brandon muss lachen. "Das passt zum 'Red Derby'", sagt der junge Mann, der häufig in die Bar kommt. Nach wenigen Minuten ist die Lautstärke dann hoch genug und die Gäste können die Debatte mitverfolgen.

Zwanzig Debattierende in zwei Runden

Zehn Kandidaten treten an diesem Abend an, 10 weitere Kandidaten haben am Donnerstagabend ihre Chance. Debattiert wird jeweils zwei Stunden lang. Die 20 Bewerber, und noch weitere, die nicht genügend Stimmen oder Spenden gesammelt haben, um sich für die Debatten diese Woche zu qualifizieren, haben eines gemeinsam: Jeder und jede von ihnen will bei der Präsidentschaftswahl im November 2020 Donald Trump schlagen.

Elizabeth Warren bei TV-Debatte von zehn Präsidentschaftsbewerbern der US-Demokraten (picture-alliance/newscom/K. Dietsch)

Bewerberin Warren: Lautester Jubel

In Umfragen liegt aktuell Obamas ehemaliger Vizepräsident Joe Biden vorne. Auch Bernie Sanders, der 2016 die Kandidatur an Hillary Clinton verlor, tritt wieder an. Beide Herren können sich aber erst in Runde zwei am Donnerstag beweisen.

Zu den bekanntesten Teilnehmern der Debatte an diesem Mittwochabend zählen New Yorks Bürgermeister Bill de Blasio; Elizabeth Warren, Senatorin aus Massachusetts, deren Slogan "Warren has a plan for that" darauf beruht, dass sie bereits viele konkrete Politik-Ideen präsentiert hat; und Beto O'Rourke, der bis vor Kurzem die texanische Stadt El Paso und Umgebung im Repräsentantenhaus vertrat und 2018 im Rennen um einen Senatorensitz beinahe Republikaner Ted Cruz geschlagen hätte - eine Sensation im erzkonservativen Texas.

Cool oder anbiedernd?

Auch bei der Debatte am Mittwochabend sorgt O'Rourke für Gesprächsstoff. Gleich zu Beginn beantwortet er eine Frage auf Spanisch. Mit Cory Booker und Julian Castro werden es ihm im Laufe des Abends noch zwei Kandidaten gleichtun. Bewerberin Marianne Williamson, die in Runde 2 am Donnerstag Abend debattieren wird, scherzte auf Twitter, dass sie dringend noch schnell Spanisch lernen sollte.

"Das zeigt, wie wichtig die Stimmen der Latinos sind", sagt Journalist Brandon. Aber der Spanischauftritt kommt nicht bei allen Barbesuchern gut an. "Wir fanden, das war nicht authentisch und hat anbiedernd gewirkt", sagt Sandra.    

Favoritin: Elizabeth Warren

Aber Beto O'Rourke ist sowieso nicht der Star bei den Gästen in der Bar in Washington. Diese Rolle fällt Elizabeth Warren zu. Als die Teilnehmer zu Beginn der Debatte vorgestellt werden, ist Warren die Kandidatin, bei deren Nennung der Jubel im "Red Derby" eindeutig am lautesten ausfällt. Sandra sagt, Warren sei ihre Favoritin. Und Becca, eine junge Frau, die bei einer Hilfsorganisation im Bildungsbereich arbeitet, mag zwar eigentlich die kalifornische Senatorin Kamala Harris am liebsten - aber die ist ja erst in Runde 2 dran. Also sind Becca und ihre Freundin Kensey bei dieser Debatte ebenfalls "Team Warren".

Auf die Frage, ob die meisten Gäste an diesem Abend die Kandidatin mit den für US-Verhältnisse ziemlich linksgerichteten Ideen unterstützen, sagt Kensey mit einem Grinsen: "Yeah, das hier ist eine sozialistische Bar!"

Videoleinwand im der Red-Derby-Bar in Washington, DC (DW/C. Bleiker)

Videoleinwand im der Red-Derby-Bar: Fische als meditatives Alternativprogramm

Richtig bei Laune halten kann allerdings auch Bewerberin Warren die Gäste nicht. Nach und nach wenden sich immer mehr Leute von den Videoleinwänden im "Red Derby" ab und ignorieren die Debatte. Es hilft sicherlich nicht, dass Ton und Bild immer mal ausfallen. Irgendwann geben die Organisatoren bei einem Video-Beamer komplett auf und zeigen statt der streitenden Demokraten ein meditatives Alternativprogramm: Fische in einem Aquarium.

Sandra und ihre Freundinnen haben zwar ein Trinkspiel angefangen, bei dem sie jedes Mal, wenn ein Kandidat Trump erwähnt oder mit den Augen rollt, einen Schluck ihres Cocktails nehmen. Aber auch das will nicht wirklich die Stimmung heben. Vielleicht hätten sie doch eine Regel ändern sollen: "Wir trinken, wenn eine Frau einen Mann unterbricht", sagt die Studentin. "Umgekehrt wären wir zu schnell betrunken."

Als die Debatte um 23 Uhr zu Ende ist, sind viele Gäste bereits gegangen. "Es war sehr zahm", findet Becca. Aber sie und andere Politik-Junkies können sich ja noch auf die zweite Runde mit Bernie, Biden und acht anderen Bewerbern am Donnerstag freuen.

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