Schloss Reinhardsbrunn in Thüringen und das sibirische Geld | Europa | DW | 16.07.2018
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DENKMALSCHUTZ

Schloss Reinhardsbrunn in Thüringen und das sibirische Geld

Einem historischen Schloss drohte der Verfall, die russischen Eigentümer kamen ihren Pflichten nicht nach. Nun hat Thüringen die Besitzer enteignet. Doch das Schloss war Schauplatz zweifelhafter Machenschaften.

Es ist bundesweit eine einmalige Entscheidung: Die Landesregierung in Thüringen hat das vom Verfall bedrohte Schloss Reinhardsbrunn nach dem Denkmalschutzgesetz enteignet. Die bisherigen russischen Eigentümer sind das Schloss damit los. Thüringens Ministerpräsident Bodo Ramelow nannte den Beschluss des Landesverwaltungsamtes eine "wegweisende Entscheidung". Thüringen hatte die Enteignung im Frühjahr 2017 beantragt, um den Verfall des bedeutenden Kulturgutes aufzuhalten.

Das Schloss hat für Thüringen eine besondere geschichtliche Bedeutung. Die neugotische Anlage entstand Mitte des 19. Jahrhunderts an der Stelle eines Klosters. Nach Kriegsende 1945 wurde es in der ehemaligen DDR als Hotel genutzt. Nach 1990 ging die Anlage durch die Hände verschiedener Reise- und Hotelunternehmen, bis 2006 eine kleine Baufirma aus Weimar, die BOB Consult GmbH, das Schloss für 25.000 Euro kaufte. Zwei Jahre später ging das Unternehmen samt Schloss an Investoren aus Russland, die aus dem Anwesen angeblich ein Luxushotel machen wollten.

 (DW/K. Ivanova)

Die russischen Eigentümer überließen Schloss Reinhardsbrunn dem Verfall

Daraus wurde jedoch nichts. 2009 stieg Igor Chartschenko, Inhaber eines russischen Bauunternehmens, in die Firma BOB Consult ein. Zwölf Millionen Euro bezahlte er für das Unternehmen, dem das Schloss Reinhardsbrunn immer noch gehörte. Bei der Investition kam bei der Staatsanwaltschaft Thüringen jedoch schnell der Verdacht der Geldwäsche auf: Denn der Umsatz von Chartschenkos Firma in Russland im Jahr 2008 war gleich Null. Das ergaben Recherchen im russischen Handelsregister.

Komplizierte Verbindungen nach Russland

Aber auch die Kaufsumme für Firma und Schloss in Höhe von zwölf Millionen Euro warf Fragen auf. Chartschenko nahm dafür - bereits im Namen der BOB Consult GmbH - einen Kredit bei einer Offshore-Firma im mittelamerikanischen Belize auf. Diese Offshore-Firma, "Albany Property S.A.",  gehörte der Familie Ostrijagin. Familienvater Anatolij Ostrijagin war zu dem Zeitpunkt übrigens Abgeordneter der Duma-Partei "Einiges Russland" von Vladimir Putin.

Ostrijagin kommt aus der Region Jamal im nördlichen Sibirien. Die Region ist reich an Öl und Erdgas und Ostrijagin pflegte schon immer gute Kontakte in die Politik. Auch heute hat er offenbar gute Verbindungen bis in die engsten Machtzirkel Moskaus. Kürzlich bekam einer seiner langjährigen Vertrauten aus der Regionalregierung in Jamal einen Ministerposten in der Hauptstadt.

Ostrijagins Kinder pflegten bereits in Russland Geschäftsbeziehungen zu Chartschenko. Dass er den Kredit schon im Namen der BOB Consult aufnehmen konnte und damit die Firma und das Schloss bezahlen konnte, zeigt, wie undurchsichtig das Geschäft gelaufen sein muss.

Schloss Reinhardsbrunn (DW/K. Ivanova)

Auch die Innenräume des Schlosses haben schweren Schaden genommen

Die Staatsanwaltschaft erklärte gegenüber der DW, dass wegen des Verdachts der Geldwäsche sowohl gegen die Käufer als auch gegen den Verkäufer ermittelt worden sei. Die Ermittlungen endeten jedoch ohne Ergebnis. Mit den russischen Behörden hätte es keine Kooperation gegeben, sagte die Staatsanwaltschaft Erfurt.

Ein symbolischer Euro

Auch wenn viel Geld zwischen verschiedenen Konten hin- und hergeschoben wurde: Auf dem 1827 gebauten Schloss Reinhardsbrunn passierte in der Zeit nichts. Die Anlage verfiel mehr und mehr - und damit auch ein Teil der thüringischen Landesgeschichte. Das wollte die Landesregierung nicht hinnehmen und verlangte von der BOB Consult GmbH, ihre Verantwortung für das Schloss wahrzunehmen - oder es abzugeben. Der neue Geschäftsführer, Konstantin Ostrijagin - Sohn der Ostrijagin-Familie -, machte ein Angebot: Für einen symbolischen Euro hätte die Landesregierung das Schloss kaufen können.

Der Haken daran: Auf dem Schloss lag noch eine Grundschuld in Höhe von neun Millionen Euro. Geld, das die Landesregierung mit der Zahlung hätte übernehmen müssen. Die Grundschuld hatte schon zuvor eine Klage ausgelöst: Laut einem Gericht in Erfurt hatte Chartschenko die Grundschuld unberechtigt angemeldet. Betrug und Untreue standen im Raum. Die Ostrijagins wussten offenbar nichts von den Machenschaften des Managers. Die Prüfung des Falls wurde aus verfahrensrechtlichen Gründen vorübergehend ausgesetzt.

Schloss Reinhardsbrunn (DW/K. Ivanova)

Der Freistaat Thüringen will bald erste Reparaturarbeiten vornehmen

"Der Freistaat hätte Reinhardsbrunn nur ohne die im Grundbuch eingetragenen Belastungen für einen Euro erworben, dazu war die Eigentümerin aber nicht bereit", erklärte die Staatskanzlei gegenüber der DW. 

"Zeit des Verfalls nun vorbei"

Bei der nun eingesetzten Enteignung wurden die Grundschulden nicht mit übertragen. Somit übernimmt der Freistaat das Eigentum an Schloss Reinhardsbrunn belastungsfrei. "Die Geschichte dieses kulturhistorisch einzigartigen Ortes kann nun endlich neu und zukunftssicher geschrieben werden", sagt Ministerpräsident Bodo Ramelow. "Für Reinhardsbrunn ist die Zeit des Verfalls nun vorbei."

Bis der Verfall wirklich aufgehalten werden kann, wird aber noch Zeit vergehen. Die Sanierung und der Erhalt des Schlosses werden Millionen Euro verschlingen. Im Haushalt für 2018/2019 hat Thüringen für den Beginn der Restaurierungsarbeiten bereits 1,9 Millionen Euro eingeplant. Um das Schloss allerdings vollständig restaurieren zu können, sind laut Experten 30 bis 40 Millionen Euro nötig. Nach dem Willen der Landesregierung soll das Anwesen an neue Investoren gehen. Die Staatskanzlei stellt dafür Fördermittel in Aussicht.

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