Schlüssel für die eigene Zelle: Das Gefängnispilotprojekt von Eysses | Europa | DW | 13.05.2018
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Frankreich

Schlüssel für die eigene Zelle: Das Gefängnispilotprojekt von Eysses

Ein Knast in Südfrankreich als Ausgangspunkt für die Reform des französischen Strafvollzugssystems. Aber hat das Gefängnis Eysses wirklich Vorbildcharakter? Von Elizabeth Bryant, Villeneuve-sur-Lot.

Jean-Claude - stämmig gebaut, rote Gesichtsfarbe, bekleidet mit einem rot karierten Hemd - zieht das letzte Wintergrün aus der Erde. Die Nachmittagssonne erwärmt die kühle Luft und wirft den Schatten von Jean-Claude auf die grade bearbeitete Erde. "Ich war immer in der Landwirtschaft. Ich liebe alles, was mit Erde zu tun hat", sagt er. "Einen Garten zu haben und Pflanzen zu züchten, das ist das perfekte Leben."

Das kleine Stück Land, auf dem er arbeitet, ist kein Bauernhof, sondern Teil des weitläufigen Geländes des Gefängnisses von Eysses in dem Jean-Claude einsitzt. Hier, am Rand der kleinen mittelalterlichen Stadt Villeneuve-sur-Lot in Südfrankreich, soll die Keimzelle für etwas großes Neues sein: die Reform des französischen Strafvollzugssystems. Das Ziel: Die Regierung will eine der höchsten Überbelegungsraten Europas in den Griff bekommen.

Es geht um "Respekt"

"Jeder Gefangene hat sowohl Rechte als auch Pflichten", umschreibt Gefängnisdirektor Philippe Sperandio das Pilotprojekt namens "Respekt", das vor einem Jahr in Eysses gestartet wurde. Für ein endgültiges Fazit ist es zwar noch zu früh, aber es zeichnen sich erste Erfolge ab: "Wir registrieren einen Rückgang von körperlicher Gewalt unter den Insassen und es gibt weniger Regelverstöße."

Gefängnis-Insasse Jean-Claude bei der Gartenarbeit (DW/E. Bryant)

Gefängnis-Insasse Jean-Claude bei der Gartenarbeit: "Gefängnissen, in die nicht mal ein Hund gehen würde"

Die neuen Reformen, die im März von Präsident Emmanuel Macron angekündigt wurden, zielen darauf ab, Alternativen zu einer kostspieligen und lähmenden Rund-um-die-Uhr-Inhaftierung anzubieten. In einigen Fällen werden kürzere Haftstrafen durch elektronische Überwachung ersetzt. Aber es gibt auch Pläne, in den nächsten vier Jahren 7000 Zellen zu bauen, um die Überbelegung zu verringern - und die Bewährungs- und Wiedereingliederungsprogramme zu verstärken. Denn die Zahl der Insassen ist von 48.000 im Jahr 2001 auf heute fast 70.000 gestiegen. Ein längerer Streik der Gefängniswärter zu Beginn dieses Jahres hat den Druck auf die Regierung noch verstärkt.

"Hort des Leidens und der Bestrafung"

"Strafe muss glaubwürdig und verständlich sein, nicht notwendigerweise so hart wie möglich", sagte Macron in einer Rede unweit von Eysses, als er die neuen Maßnahmen als "alles andere als lasch" bezeichnete. Die Kritik kam schnell. Einige prangern die Maßnahmen als zu weich an, andere meinen, dass sie nicht weit genug gehen, um den in französischen Gefängnissen blühenden Radikalismus zu bekämpfen.

Emmanuel Macron (picture alliance/NurPhoto/P. Tzamaros)

Präsident Macron: "Alles andere als lasch"

Eine Umfrage im vergangenen Monat ergab, dass die Hälfte der Befragten weniger Freiheit und härtere Bedingungen für Gefangene in Frankreich befürworten. "Ein großer Teil der Bevölkerung sieht das Gefängnis als einen Ort des Leidens und der Bestrafung", so Chloe Morin von der Pariser Jaures-Stiftung, die die Umfrage unterstützt hat.

Gefangene verantwortlich machen

Andere loben Versuche, wie den von Eysses, der auf einem gleichnamigen spanischen Projekt basiert. "Anstatt Gefangene wie Kinder zu behandeln, macht 'Respekt' sie verantwortlich", sagt Jean Luc, der fast drei Jahrzehnte hinter Gittern verbracht hat und der zu den ersten Insassen von Eysses gehörte, der bei dem Pilotprojekt mitmachte. "Ich würde lieber acht Stunden am Tag mit meinen Händen in der Erde verbringen, als im Bett unter der Wirkung von Medikamenten", sagt er. Die 18 Gefängnisse, die "Respekt" 2015 eingeführt haben, berichten zudem von sinkenden Selbstmordraten. Weitere 20 Gefängnisse sollen das Programm in den nächsten zwei Jahren einführen.

"Respekt" wird nur in einem Flügel von Eysses eingesetzt und Plätze in dem Programm sind bei Gefangenen begehrt. Die zugelassenen Insassen verbringen 25 Stunden wöchentlich entweder mit Arbeiten oder nehmen an Gesundheitsprogrammen oder Fortbildungen teil. Sie haben auch Schlüssel zu ihren eigenen Zellen - ein starkes Symbol begrenzter Freiheit, auch wenn Wächter Zweitschlüssel haben.

Gefängnisdirektor Philippe Sperandio (DW/E. Bryant)

Gefängnisdirektor Sperandio: "Gefangene mit Rechten und Pflichten"

Gefängnisdirektor Sperandio erzählt von einem Veteranen, der ihm gesagt hat, dass er noch nie zuvor so etwas wie Respekt erlebt hat. "Wird das helfen, dass er nicht wieder in den Knast kommt? Ich weiß es nicht", ergänzt Sperandio. "Aber er sieht die Dinge jetzt anders." Das Pilotprojekt hat auch dazu beigetragen, bessere Beziehungen zwischen Gefangenen und Mitarbeitern aufzubauen. "Ich bin sehr selten mit Gewalt konfrontiert. Wir sind viel entspannter", sagt Gefängniswärterin Carole Cerjak, die einen Teil des Nachmittags mit einigen Insassen Boule spielte. "Gefangene kommen hierher und eine Woche später sind sie völlig anders."

Ein Schritt vorwärts - oder zurück?

Dennoch sagen einige Experten, dass das Eysses-Experiment kein Fortschritt ist, sondern eher ein Schritt zurück zu einem offeneren Gefängnissystem, dass es in Frankreich bereits einmal gab. "Jetzt sind die Türen wieder geöffnet, aber nur für ein paar", sagt Marie Crétenot von der französischen Niederlassung einer internationalen Organisation, die Gefängnisse begutachtet.

Ausgeschlossen von dem Pilotversuch sind die momentan etwa 1600 radikalisierte Häftlinge. Deren Zahl steigt - durch zurückkehrende dschihadistische Kämpfer und solche, die mit Attentaten in Frankreich in Verbindung stehen. Für sie müsste die Antwort der Regierung heißen: mehr Zellen bauen und Gefängnisblöcke abschotten, um zu verhindern, dass sich der radikale Islam ausbreitet.

Dennoch: "Die Idee ist nicht, sie zu ächten, sodass sie verbittert gehen", sagt  Youssef Badr, Sprecher des Justizministeriums, und ergänzt, dass es um kleine Gruppen geht und um Eins-zu-eins-Betreuung für radikalisierte Häftlinge. "Es werden große Anstrengungen unternommen, sie zu rehabilitieren." Aber der renommierte Gefängnisexperte Farhad Khosrokhavar ist skeptisch. "Sie betonen die repressive Seite und nicht die Integrationsseite", sagt Khosrokhavar. "Und das ist, so glaube ich, die Haltung vieler europäischer Regierungen heutzutage."

In Eysses vergleicht Häftling Jean-Luc seine aktuelle Lage mit früheren Gefängnisaufenthalten in Nordfrankreich. "Ich war in einigen Gefängnissen, in die nicht mal ein Hund gehen würde. Es gibt Ratten, es gibt Kakerlaken, sechs Menschen leben in einer Zelle." Heute plant er seinen nächsten Schritt - wenn er endlich ein freier Mann sein wird. "Bis dahin bin ich im Ruhestand", sinniert er. "Und was am wichtigsten sein wird, ist ein Stück Erde, das es zu kultivieren gilt."

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