Schadensersatz wegen der falschen Schule | Deutschlehrer-Info | DW | 19.07.2018
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Deutschlehrer-Info

Schadensersatz wegen der falschen Schule

Elf Jahre lang musste Nenad M. Förderschulen besuchen – obwohl er keine Behinderung hat. Jetzt erstritt der heute 21-Jährige vor Gericht Schadensersatz und möchte endlich eine Ausbildung machen.

„Jetzt bin ich frei“, kommentiert Nenad M. das Urteil des Landgerichts Köln, das ihm Schadensersatz wegen jahrelanger falscher Beschulung auf der Förderschule zusprach. „Es ist ein bisschen das Gefühl wie letzter Schultag.“ Das wichtigste an der Gerichtsentscheidung sei für ihn die offizielle Bestätigung, dass er nicht geistig behindert ist.

Auf der Förderschule nichts gelernt  

Elf Jahre lang besuchte Nenad M. Förderschulen für Kinder mit geistiger Behinderung. „Gesunder Menschenverstand hätte ausgereicht, um zu sehen, dass er keine geistige Behinderung hat“, sagt seine Rechtsanwältin Anne Quack. Nenad M. selbst hatte seine Lehrer immer wieder vergeblich darum gebeten, auf eine Regelschule gehen zu dürfen.

„Was ich erlebt habe, das wünsche ich keinem“, sagt der junge Mann. Er habe auf der Förderschule nichts gelernt. Es sei nur darum gegangen, tägliche Abläufe wie Essensvorbereitung oder Tischeabwischen zu erlernen. „Irgendwann bin ich dann nicht mehr hingegangen.“ Dass er ständig die Schule schwänzte, sei dann auch als Ausdruck seiner vermeintlichen Behinderung ausgelegt worden.

Falsch eingestuft wegen fehlender Deutschkenntnisse

Angefangen hatte seine Leidensgeschichte in Bayern, wo er als Grundschüler bei einem nonverbalen Einstufungstest durchfiel. Das Problem sei jedoch gewesen, dass er damals kein Deutsch verstanden habe, sagt Nenad M., dessen Familie aus Serbien stammt.

Er habe einfach nicht gewusst, was man von ihm gewollt habe. Nach seinem Umzug nach Köln bat er immer wieder vergeblich um einen Schulwechsel. Der Förderschule hätte bei einer jährlichen Überprüfung auffallen müssen, dass bei dem Schüler kein Förderbedarf mehr im Bereich der geistigen Entwicklung bestand, sagt das Verwaltungsgericht Köln heute.

Endlich in die Berufsschule

Eine Wende zum Besseren stellte sich für Nenad M. erst ein, als er in die Beratungsstelle des Kölner Elternvereins Mittendrin fand. Kurz vor seinem 18. Geburtstag setzte er mit Hilfe des Vereins durch, eine Berufsschule besuchen zu dürfen. Ein von seiner Rechtsanwältin veranlasster Intelligenztest ergab, dass er normal begabt ist. Er habe als Jahrgangsbester seinen Hauptschulabschluss erlangt, berichtet Anwältin Quack.

„Als ich dort Arbeitsblätter vorgelegt bekommen habe, war das für mich völlig neu“, erinnert sich der junge Mann. „Aber ich habe mich da reingefunden. Das Lernen hat mir großen Spaß gemacht."

Psychische Folgen

Immer noch leidet Nenad M. allerdings unter den Folgen der jahrelangen falschen Beschulung. „Es verfolgt mich manchmal in meinen Träumen“, sagt er. Und er habe teilweise immer noch große Angst, tatsächlich geistig behindert zu sein. Wegen einer posttraumatischen Belastungsstörung ist Nenad M. in psychotherapeutischer Behandlung. „Das hat mir auch schon geholfen“, sagt er.

Seinen größten Wunsch, eine Ausbildung als Automobilkaufmann zu machen, kann er vorerst nicht verwirklichen. „Dafür hätte ich einen Realschulabschluss gebraucht.“ Sein Ziel ist nun, einen Ausbildungsplatz als Einzelhandelskaufmann zu bekommen. Derzeit arbeitet er als Aushilfe in einem Supermarkt und hofft, dort in eine Ausbildung übernommen zu werden. Die Arbeit helfe ihm, sagt Nenad M. „Ich lerne jetzt langsam, die Vergangenheit ruhen zu lassen.“

Kein Einzelfall

Der Verein Mittendrin  e.V., mit dessen Hilfe Nenad M. geklagt hatte, erklärte, seine Geschichte sei kein Einzelfall. Die Vorsitzende Eva-Maria Thoms forderte NRW-Bildungsministerin Yvonne Gebauer (FDP) auf, die Förderschulen auf weitere Fälle zu überprüfen. Der Fall Nenad M. stelle die gesamte sonderpädagogische Diagnostik auf den Prüfstand. Nach Ansicht des Vereins ist offenbar nicht gewährleistet, dass Fehlgutachten erkannt und fehlerhafte Einstufungen von Schülern korrigiert werden.

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