Schadenfreude ist besser als ihr Ruf | Wissen & Umwelt | DW | 07.11.2019
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Verhaltenspsychologie

Schadenfreude ist besser als ihr Ruf

Manchmal amüsiert es uns doch sehr, wenn anderen ein Missgeschick passiert, oder? Das ist in Ordnung! Denn Schadenfreude ist gar nicht so schlecht wie wir denken - und das gilt für alle Beteiligten.

Schadenfreude ist eines der "weird", "awesome", "perfect German words", dessen Bedeutung vielen Fremdsprachen ein Begriff ist. Eine Bezeichnung als solche haben jedoch nicht alle. Anstatt es zu übersetzen, wurde "Schadenfreude" im Englischen zum Beispiel sogar einfach übernommen: "shaa-duhn-froy-duh".

Aber was soll man sagen? Die Präzision des Begriffs ist eben auch bemerkenswert. Interpretationsspielraum bleibt da in der Regel wenig: Schadenfreude ist die boshafte, die süße Freude über das Missgeschick, das Unglück, den Schaden eines anderen.

Das Gefühl kennen Sie bestimmt, und sicher kommt Ihnen auch der ein oder andere Vorfall in den Sinn.

Schadenfreude in 3,2,1?

Hier ein Paradebeispiel aus meinem ganz persönlichen Repertoire: Sommerurlaub 2018. Während meine Freundin sich am Pool sonnt, entschließe ich mich, alleine ein paar Runden zu schwimmen - und mich vorher abzuduschen, so wie es sich eben gehört. 

Den Rest können Sie sich denken: Ich rutsche aus, falle und schlittere bis zur Dusche; abgebremst und abgefedert vom matschigen, aufgeweichten Rasen. 

Gleichzeitig habe ich damit auch rücklings neben einem "Vorsicht, rutschig"-Warnschild eingeparkt. Große Klasse! 

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Warnschild am Rande eines Pools

Achtung, rutschig! Slapstick oder Schadenfreude?

Wie sich meine Freundin auf ihrer Liege vor Lachen nicht mehr einkriegt, kann ich mir vorstellen. Dafür muss ich mich nicht einmal aufrichten. Zum Amüsement der ganzen restlichen Besucher - und vor allem der Kinder im Pool - habe ich damit aber auch beigetragen.

Doch nicht mal ich selbst kann mir das Lachen verkneifen, wie soll ich es da den anderen verübeln? Immerhin war es ein Bilderbuch-Sturz. 

Stopp! Hier geht's um mehr als nur Humor

Aber Moment mal, Dr. Lea Boecker, Psychologin an der Leuphana-Universität in Lüneburg, klärt mich über mein Paradebeispiel auf - das streng genommen gar keines ist: "Das, was wir im Alltag ganz oft als Schadenfreude bezeichnen, das ist nicht das, was wir in der Forschung unter Schadenfreude verstehen", sagt sie.

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Lea Boecker, Leuphana-Universität in Lüneburg

Lea Boecker arbeitet und forscht an der Leuphana-Universität in Lüneburg. Ihr Spezialgebiet: Schadenfreude.

Und sie muss es wissen, schließlich beschäftigt sich Lea Boecker nonstop mit dem Phänomen. Ihre letzte Studie etwa befasste sich mit dem Zweck der Scha­den­freu­de. 

"Diese kurzen, lustigen alltäglichen Momente bezeichnen wir eher als Slapstick oder verorten sie in der Humorforschung", sagt sie. Schadenfreude sei zwar auch als positive Emotion definiert, es handele sich dabei aber um ein deutlich komplexeres Gefühl, bei dem ganz viele Faktoren eine Rolle spielen.

Zu allererst ist Schadenfreude eine passive und indirekte Emotion. "Wenn ich zum Beispiel selber jemandem ein Bein stelle und derjenige ausrutscht, oder ich selber einen Elfmeter schieße und treffe, dann ist das keine Schadenfreude, weil ich das selber aktiv herbeigeführt habe", erklärt Lea Boecker.

Schadenfreude oder Mitleid

Schadenfreude passiert, wenn wir etwas beobachten und wenn wir nicht an dem Missgeschick, das jemandem passiert, beteiligt sind. "Dann können wir entweder Mitleid empfinden, oder eben Schadenfreude", so Boecker. "Wenn jemandem etwas Gutes passiert, können wir neidisch sein, oder uns freuen." 

Die Verwandtschaft zu völlig anderen Gefühlen ist eng: Die direkte Alternative zu Schadenfreude ist zum Beispiel Mitleid. Was wir schlussendlich empfinden, hängt stark von der Beziehung zu der Person ab, der etwas passiert. Und genau das sei die Krux: "Um Schadenfreude empfinden zu können, müssen wir die Fähigkeit der Perspektivenübernahme erlangt haben", sagt Boecker. 

In der Psychologie und den Kognitionswissenschaften heißt das "Theory of Mind" (ToM). Der Begriff bezeichnet die Fähigkeit, sich in andere Menschen hineinzuversetzen und deren Perspektiven zu vermuten - dazu gehören Gefühle, Bedürfnisse, Ideen, Absichten, Erwartungen und Meinungen. 

"Ich muss also erst verstehen, was das Unglück für den anderen bedeutet", sagt Lea Boecker. "Und dann kann ich entscheiden, ob ich mich darüber freue oder nicht und ob ich vielleicht Mitleid empfinde", sagt die Psychologin.

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Wühlmäuse

Die Alternative zu Schadenfreude: Mitleid oder Mitgefühl.

Das pure Glück!

Nun gut. Schadenfreude ist also doch gar nicht simpel gestrickt. Trotzdem hat mein Pool-Erlebnis Spuren hinterlassen, oder sagen wir eher: Fragen. Ist Schadenfreude gut - oder schlecht? Empfinden alle Menschen Schadenfreude? Und was passiert dabei in unserem Gehirn?

"Es gibt verschiedene Möglichkeiten, das zu messen", sagt Lea Boecker. Schadenfreude kann man zum Beispiel mit bestimmten Fragetechniken nachweisen, aber auch mithilfe von Hirnscans. "Und das hat tatsächlich ein paar interessante Ergebnisse gebracht", weiß die Psychologin.

Denn Schadenfreude ist zwar eine extrem komplizierte Emotion, neuronal ist sie aber sehr einfach gestrickt: "Wenn wir uns über das Missgeschick eines anderen freuen, wird das Belohnungszentrum in unserem Gehirn aktiviert." Sprich: Schadenfreude sieht exakt aus wie das pure Glück und fühlt sich eben auch so an. Das macht das Gefühl so schön. 

Ein universelles Phänomen, verschiedene Auslöser 

"Auch wenn sich der deutsche Begriff oft durchsetzt, weiß man inzwischen, dass auch in Ländern, die kein Wort dafür haben, Schadenfreude ein universelles psychologisches Phänomen ist", so Lea Boecker.

Der Schadenfreude gehen Forscher etwa seit den 90 Jahren auf den Grund. Oder zumindest versuchen sie es. "Das Phänomen ist tatsächlich noch gar nicht so gut erforscht", sagt Lea Boecker von der Leuphana-Universität.

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Ein schwarz-weiß Bild mit lachenden Menschen

Schadenfreude sieht so aus und fühlt sich an wie das pure Glück!

Unsympathisch? Ungerecht? Überlegen? Ha-ha!

Geklärt ist aber mittlerweile, was Schadenfreude auslöst. Ein Faktor ist die Sympathie. "Wenn ich jemanden nicht sonderlich mag, er zum Beispiel einer Fremdgruppe - einem anderen Fußballteam - angehört, dann herrscht eine Art Rivalität", sagt Boecker. Wenn dann dem Gegner ein Missgeschick passiert, ist Schadenfreude die Folge. Auch Wettbewerb ist zum Beispiel so ein Auslöser.

Ein weiterer Faktor ist der "Verdientheitsgrad" oder das Gerechtigkeitsempfinden. "Wenn jemand zum Beispiel sehr selbstsicher oder arrogant ist, oder moralisch verwerflich gehandelt hat, dann freut man sich, wenn diese Person mal abgestraft wird. In dem Moment fühlt es sich dann gerecht an." Die Schadenfreude wird so zu einer moralischen Emotion, merkt Boecker an.  

Und dann gibt es da auch noch die Überlegenheit als auslösenden Faktor. Schadenfreude ist - wie oben beschrieben - oft mit Neid verknüpft. "Das kann ganz unterschiedliche Dimensionen haben", sagt Lea Boecker. "Ich kann jemanden zum Beispiel um seine sportliche Leistung beneiden, um seine Attraktivität, um sein Einkommen, seinen Ruhm." Wenn so jemandem ein Missgeschick passiert, springt das Belohnungszentrum an. Wir empfinden helle Freude.

Lea Boecker hat das anhand von Lotteriespielen nachgewiesen: Die meiste Schadenfreude gab es dann, wenn jemand Überlegenes, Geld verloren hat. Bei Unterlegenen überwog in diesem Fall das Mitleid.

Natürlich können auch viele Faktoren zusammenkommen: Wir finden einen Menschen unsympathisch, er ist uns überlegen und er hat es irgendwie verdient. "Dann ist die Schadenfreude besonders groß", so die Psychologin. "Das trifft oft auf Personen zu, die in der Öffentlichkeit stehen und die dazu noch polarisieren." Paradebeispiele dürfen Sie sich in diesem Fall selber denken.

Wann werden wir schadenfroh?

Forscher des Max-Planck-Instituts für Kognitions- und Neurowissenschaften sind dem Ursprung der Schadenfreude in anderer Hinsicht noch weiter auf den Grund gegangen: In welchem Alter empfinden wir Schadenfreude? Ab wann wollen wir einer aus unserer Sicht verdienten Strafe zusehen? 

Und wie bekommt man das bitte heraus, wenn Kinder die Probanden sind? Die Umsetzung war tatsächlich recht trivial: Die Forscher haben die kleinen Testpersonen mit einem Puppentheater bespaßt. Dabei gab es Sympathieträger unter den Puppen und natürlich auch einen Bösewicht.

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Kasperpuppen Teufel

Sorry, einer muss hier schließlich als Bösewicht herhalten

Das Ergebnis: Bei den Vier- und Fünfjährigen zeigte sich noch kein differenziertes Verhalten gegenüber den gegensätzlichen Figuren. Hier wären wir wieder beim Thema der Perspektivenübernahme. Die Sechsjährigen dagegen erlebten eine Art der Freude, wenn sie Bösewichte leiden sahen. Das haben die Wissenschaftler an der Mimik  der Kinder abgelesen, die spricht schließlich Bände.

Es liegt uns im Blut 

Ähnliches beobachteten Forscher des Max-Planck-Instituts für evolutionäre Anthropologie bei Schimpansen. Hier gab es allerdings keine Theatervorführung, sondern Tierpfleger schlüpften in die Rollen des guten und des bösen Pflegers.

Dabei nahmen außerordentlich viele Schimpansen Kosten und Mühe auf sich, um mitzuerleben, wie der ungeliebte Pfleger bestraft wird. Dafür mussten sie eine schwere Tür zu einem Nebenraum öffnen, um die Szenerie beobachten zu können.

Im Falle der freundlichen Person verzichteten die Schimpansen hingegen darauf. Oder - ganz im Gegenteil: Viele protestierten sogar lautstark dagegen, dass dem Pfleger Schmerzen zugeführt werden. 

Schimpanse liegt lachend am Boden

Auch Schimpansen können eine Art Schadenfreude empfinden

Auch Schimpansen genießen gerechte Strafe

"Unsere Ergebnisse zeigen, dass bereits sechsjährige Kinder und sogar Schimpansen ungerechtes Verhalten bestrafen wollen und einen Drang verspüren, zu beobachten, wie andere für ihr unsoziales Verhalten bestraft werden", erklärt Natacha Mendes, Wissenschaftlerin am Max-Planck-Institut für Kognitions- und Neurowissenschaften und eine der beiden Erstautoren der dazugehörigen Studie. Demnach lägen hier die evolutionären Wurzeln für diese Verhaltensweise. Die sei ganz wesentlich, um das Leben in Gemeinschaften zu organisieren. 

"Wir können zwar nicht eindeutig sagen, ob die Kinder und die Affen dabei tatsächlich Schadenfreude empfinden. Ihr Verhalten ist aber ein eindeutiges Zeichen dafür, dass sowohl Kinder ab einem Alter von sechs Jahren als auch Schimpansen den Drang haben, dabei zuzusehen, wie andere für ihr unkooperatives Verhalten bestraft werden", ergänzt Nikolaus Steinbeis, ebenfalls Erstautor der Studie und Wissenschaftler am Max-Planck-Institut für Kognitions- und Neurowissenschaften.

Welche soziale Funktion hat Schadenfreude?

"Bislang haben sich Emotionsforscher oft damit beschäftigt, was Schadenfreude mit einem persönlich macht, warum sie ausgelöst wird", sagt Lea Boecker. "Aber es ist auch spannend, solche komplexen Emotionen im sozialen Feld zu beobachten: Was macht das mit der anderen Person, gegenüber der ich Schadenfreude äußere?"

Kurzum: Welche soziale Funktion hat Schadenfreude? Dieser Frage ist Lea Boecker gemeinsam mit dem Psychologen Jens Lange von der Universität zu Köln nachgegangen.

Braunbär liegend mit nach oben gestreckten Hinterbeinen

Vor allem Dominanz kann Schadenfreude auslösen - und als Folge Hirachien regulieren

Hochmut kommt vor dem Fall

Hier kommt wieder der Überlegenheitsfaktor bei Schadenfreude ins Spiel. "Einen hohen Status kann man eigentlich nur durch zwei Sachen erreichen", sagt Lea Boecker: "Durch Prestige und Dominanz."

Nehmen wir als Beispiel den Status einer Führungsperson, oder eines Profisportlers: Beide Positionen kann man erreichen, indem man von anderen für die gute Leistung anerkannt und respektiert wird. Man kann diesen hohen Status aber auch durch Dominanz erreichen, mithilfe von Einschüchterung und durch aggressives Auftreten etwa. 

"Da zeigt unsere Forschung, dass vor allem die Leute, die durch Dominanz ihren hohen Status erreicht haben, viel Schadenfreude auslösen", erklärt die Studienautorin Lea Boecker.

Das mag vielleicht nicht unbedingt überraschen, denn sonderlich symphatisch ist das schließlich nicht.

Schadenfreude hilft 

Aber: Hier kommen die sozialen Vorteile der Schadenfreude ins Spiel. Werden solche dominanten Personen bloßgestellt und echter Schadenfreude ausgesetzt, kann sie das von ihrem hohen Ross herunterholen. "Wenn Leute sich trauen, Schadenfreude zu äußern, reguliert das die Dominanz der betroffenen Person runter", erklärt Boecker. 

Und das hat weitere Verhaltenskonsequenzen: Denn dann trauen wir uns vielleicht auch, dieser Person eher mal wieder Kontra zu geben. 

"Schadenfreude ist sozial oft nicht besonders erwünscht, weil die empathische Reaktion meistens Mitleid wäre", sagt Lea Boecker. Dabei hat Schadenfreude auch viel soziales Potenzial. "Schadenfreude macht Spaß, Schadenfreude kann das eigene Selbstwertgefühl erhöhen, Hierarchien regulieren und kann eben auch die Dominanz anderer Menschen ausgleichen." 

"Aber es gibt auch noch ganz viele offene Fragen, die noch nicht geklärt sind", sagt Lea Boecker. "Zum Beispiel, wie es sich für das Schadenfreude-Opfer anfühlt, welche Konsequenzen es für die Person hat, wie sich Schadenfreude in der Gruppe verhält und all so was. Da weiß man noch überhaupt nicht viel drüber." 

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