Schach mit Besen | Winterspiele 2018 in Pyeongchang | DW | 31.01.2014
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Olympia

Schach mit Besen

Curling gilt immer noch als exotische Sportart, die polarisiert: Für die einen ist Curling Inbegriff der Langeweile, für die anderen strategische Präzisionsarbeit. Auf dem Eis geht es alles andere als leise zu.

Das deutsche Männer-Team um Skip John Jahr (r.). Foto: dpa

Das deutsche Männer-Team um Skip John Jahr (r.) ist in Sotschi am Start

Laute Schreie schallen durch die Berliner Eissporthalle. Gleich am Eingang heißen sie den Besucher willkommen. Immer wieder kurze kräftige Kommandos, fast wie beim Militär. Zwei Männer hocken weit nach vorne gebeugt auf dem Eis und brüllen. Ihre ganze Konzentration gilt den Steinen mit den bunten Griffen, die über die Eisfläche gleiten. Die Fahrt zur rot-weiß-blauen Zielscheibe wird von zwei weiteren Spielern eskortiert, mit einem Besen wischen sie aufgeregt die Spur.

Spätestens jetzt ist auch Laien klar, dass es sich um Curling handelt. Auf den ersten Blick eine sonderbare Sportart, irgendwie skurril. Schließlich sind sie hier permanent am Schliddern, Schieben, Schreien und Schrubben. Sportler, die den Besen schwingen - nicht selten werden die Curler belächelt. "Der Besen hat nun mal dieses Haushaltsimage", sagt Jörg Manasse, Curling-Spieler und Vorstandsmitglied im Eissport- und Schlittschuhclub 2007 Berlin. "Dabei haben wir echte Hightech-Geräte. Damit können wir den Lauf des Steins noch entscheidend beeinflussen."

Anfänge in Schottland

Manasse, 46 Jahre alt und von Beruf Software-Entwickler, hat zur internen Vereinsmeisterschaft eingeladen. Er kann leidenschaftlich über die ballistische Kurve der Steine philosophieren, über den "Curl", den entscheidenden Rechts- oder Linksdrall, und wie man ihn mit den Fingerspitzen hinbekommt, wenn man den Stein auf die Reise schickt. Wenn es um Curling geht, sprudeln die Worte nur so aus ihm heraus. Es ist der besondere "Spirit", der ihn fasziniert. Der faire Umgang auf und neben dem Eis, wenn etwa der Geschlagene den Sieger zum Drink einlädt. "Lieber verlieren, als unehrenhaft ein Spiel gewinnen", lautet seit jeher der Grundsatz.

Deutsche Curlingspieler beim Wischen. Foto: dpa

Durch das Wischen entsteht ein dünner Wasserfilm, der das Eis schneller macht

Die Anfänge des Curlings gehen zurück bis ins 16. Jahrhundert. Damals wurde in Schottland auf zugefrorenen Seen gespielt. Auf einer Vulkaninsel vor der schottischen Westküste wird bis heute Granit abgebaut, das Rohmaterial für die 20 Kilogramm schweren Curlingsteine. In Konkurrenz zu den neuen spektakulären olympischen Trendsportarten wie Skicross wirkt Curling wie ein Relikt aus vergangenen Zeiten. Dabei ist das Steineschieben erst seit 1998 fester Bestandteil im olympischen Programm. Für Manasse steckt auch im Curling eine gewisse Portion Action. "Wenn Sie mit voller Kraft wischen und nach mehreren Steinen völlig aus der Puste sind, dann versuchen Sie es mal mit einem gefühlvollen Curl."

Strategie und Präzision

Wenn es darum geht, gehört Andrea Schöpp noch immer zu den Besten. Wer der Randsportart Curling in Deutschland auf den Grund gehen will, landet unweigerlich bei ihr. Schöpp ist das Gesicht des deutschen Curlings, sie hat es über Jahrzehnte geprägt und so ziemlich alles gewonnen, was es zu gewinnen gibt: 1992 Gold bei den Winterspielen in Albertville, damals noch im Demonstrationswettbewerb, 1998 und 2010 die Curling-Weltmeisterschaft, dazu acht Europameister-Titel. Die Qualifikation für die Winterspiele in Sotschi hat Schöpp jedoch verpasst.

Seit nun fast 40 Jahren bugsiert Schöpp die geschliffenen Granitsteine übers Eis. "Weil es ganz extrem den Kopf einbezieht", sagt sie. Schöpp muss es wissen. Die 48-Jährige besetzt die Position des Skip im vierköpfigen Curling-Team. Als Anführerin und "Gehirn" ihrer Mannschaft versucht sie, den Gegner zu lesen, Spielzüge vorauszuahnen und ihre Mitspielerinnen den eigenen Stärken entsprechend einzusetzen. Der letzte Curl ist zumeist ihr vorbehalten: Geht ihre Strategie auf, räumt sie mit ihrem Stein die gegnerischen aus dem Zielkreis und punktet. "Curling ist wie Schach", erklärt Schöpp, "nur unter erschwerten Bedingungen."

Die deutsche Curlerin Andrea Schöpp. Foto: dpa-pa

Andrea Schöpp verpasste im Dezember bei der Olympia-Qualifikation in Füssen das Ticket für Sotschi

Hohe Einschaltquoten

Vier Stunden verbringt sie täglich mit Sport - ohne auf dem Eis zu stehen. Schöpp macht Kraft- und Beweglichkeitsübungen, fährt Mountainbike, geht Schwimmen oder Ski laufen. Athletik und Koordination sind wichtig für die akrobatische Slidingphase, die der Curler einnimmt, bevor er den Stein abgibt. Die Blondine mit dem Pferdeschwanz ist topfit. Auf dem Eis ist die promovierte Mathematikerin kaum wiederzuerkennen, wie sie brüllt und bellt, um ihre Wischer anzufeuern. "Je nachdem, in welcher Tonlage und Intensität ich schreie, desto mehr hängen sie sich rein", sagt Schöpp.

Die Emotionen kommen an. Bei den Fernsehübertragungen zu Olympischen Spielen freuen sich die Curler stets über gute Einschaltquoten. In einigen Ländern gehört Curling bei den Spielen sogar zu den meistgesehenen Sportarten, trotz der Matchdauer von teilweise mehr als zwei Stunden. Wenn die Fernsehpräsenz zunimmt, hat auch Jörg Manasse vom Eissportclub Berlin ein gesteigertes Interesse ausgemacht: "Was haben die uns nach Olympia die Bude eingerannt!" Doch trotz der gestiegenen Popularität, "von zehn, die kommen, freuen wir uns über einen, der hängen bleibt", sagt Manasse.

So wie Abiturient Max, mit 18 Jahren zurzeit der jüngste Spieler im Verein. Aber auch 70-Jährige sind noch im Eissportclub Berlin aktiv. Auch kaputte Knie oder künstliche Hüften können sie nicht vom Curling abhalten. "Man kann es selbst im hohen Alter noch spielen", schwärmt Manasse. Nebenan auf dem Eis poliert ein weißhaariger Herr die Unterkante seines Granitsteins. Er presst ihn auf die Bahn, geht in die Hocke. Und es geht wieder von vorne los: Schliddern, Schieben, Schreien und Schrubben.