Satire darf Terroristen nicht nachgeben | Deutschland | DW | 17.09.2015
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Deutschland

Satire darf Terroristen nicht nachgeben

Das Satiremagazin "Charlie Hebdo" hat einen renommierten deutschen Medienpreis erhalten. Bei der Preisübergabe an Chefredakteur Biard waren leidenschaftliche Worte über den Sinn von Satire zu hören, auch ganz aktuell.

Ein großer Mann mit schwarzer Hautfarbe, nur mit einem weißen engen Slip und Engelsflügeln bekleidet, sei bei einer CSD-Demo auf einen arabisch aussehenden Mann und seine vermutliche Ehefrau am Straßenrand zugegangen und habe ihn einfach geküsst. Die Provokation ging gut aus, beide Männer lachten. Von dieser Anekdote berichtete Ferdinand von Schirach in seiner Laudatio auf den Preisträger, das französische Satiremagazin "Charlie Hebdo". Deren Provokationen aber führten zu einem schrecklichen Terroranschlag Anfang des Jahres mit zwölf Toten.

Von Schirach warb für ein kämpferisches "Trotzdem". "Nur wir selbst können unsere Werte ernsthaft gefährden." Sowohl im zivilen, im staatlichen als auch im medialen Bereich versteht von Schirach diese Haltung als Antwort auf den Terror. Geheimdiensten mehr Macht zu geben oder das Internet zu beobachten sei der falsche Weg. "Wer die Freiheit aufgibt, um mehr Sicherheit zu bekommen, der wird beides verlieren", zitierte von Schirach Benjamin Franklin. Grenzen von Satire würden in der westlichen Welt vor unabhängigen Gerichten ausgehandelt. "Wir ermorden Kritiker nicht, denn wir wissen, dass es sie geben muss, auch wenn wir sie nicht ausstehen können."

Wütend und unerträglich

"Wir brauchen sie", sagte von Schirach (rechts im Foto) zum Chefredakteur des Magazins, Gerard Biard (Mitte im Foto), der den undotierten Preis stellvertretend entgegennahm. Wütend zu sein und unerträglich, das sei schließlich Ausdruck von Freiheit, die jahrhundertelang erkämpft wurde.

Der Chefredakteur allerdings machte in seiner Dankesrede gleich am Anfang klar, dass die Redaktion gar kein Symbol oder eine Ikone sein möchte, zu dem sie von der Öffentlichkeit gemacht wurden. Denn es gehe schließlich um universelle Werte aller Bürger. Und Aufgabe von Satire sei doch Ikonen zu bekämpfen, hatte Biard zuvor bei einem Besuch einer Berliner Tageszeitung gesagt. Auch äußerlich war Biard auf professionellen Abstand bedacht. Er hatte zwar ein Jacket an, aber war längst nicht so fein gemacht wie viele andere Anwesenden. Darunter Außenminister Frank-Walter Steinmeier, der einflussreiche "BILD"-Chefredakteur Kai Dieckmann, Society-Lady Gräfin von Hardenberg und die Milliardärin Alexandra Oetker. Über den Preis freute er sich natürlich trotzdem. Besonders weil er nicht nur von einer Organisation oder einem Club, sondern von den Medien eines Landes vergeben wird, wie er vor der Verleihung in einer Pressekonferenz sagte.

"Kritik ist Kern von Demokratie"

Der "M100 Media Award" wird seit 2005 vergeben. Auch der dänische Karikaturist Kurt Westergaard wurde damit schon geehrt. Über den Preisträger entscheidet ein hochkarätig besetzter Beirat. Meinungsfreiheit und die europäische Idee sind die Eckpfeiler des Preises. Die Preisverleihung fand nach einem internationalen Medien-Colloquium in der Orangerie von Schloss Sanssouci in Potsdam statt.

Kämpferisch und leidenschaftlich im Ton, laut in der Stimme verteidigte Biard in seiner Dankesrede das seiner Meinung nach uneingeschränkte Recht auf Satire - auch was den Koran angehe. Denn das sei schließlich auch nur ein Buch. Und wenn, wie von den Islamisten praktiziert, ein religiöses Buch zum Instrument politischer Kontrolle werde, dann gebe es erst recht ein Recht auf Kritik. Denn ein politisches Programm könne nicht heilig sein. Es muss möglich sein, zu einem Programm "Das ist Mist!" zu sagen. Jedenfalls sei dies doch ein Kernelement westlicher Demokratie. Genauso wie jedes Gesetz angreifbar sein müsse. Ein in Stein gemeißeltes Gesetz jedenfalls sei mit der Demokratie nicht vereinbar.

Sonst bliebe nur noch der Wetterbericht

Auch auf Empfindlichkeiten dürfe man in einer Meinungsäußerung keine Rücksicht nehmen. Ansonsten könne sich immer jemand auf den Schlips getreten fühlen. Dann dürfe man zum Beispiel Putin nicht als "kaltblütigen Mörder" bezeichnen, weil sich dann möglicherweise dessen Mutter schlecht fühlen könnte, sagte Biard zu den anwesenden Journalisten glossierend. Am Ende bliebe dann als Thema nur noch der Wetterbericht übrig. Weshalb sollten Religionen mehr geschützt werden als Menschenrechte, fragte Biard? So lange mit einem Dolch auf eine Feder reagiert werde, jedenfalls nicht. Sich von Gewalt erpressen zu lassen, sei falsch. Auch nur in einem Punkt nachzugeben, skizzierte Biard als Signal gegenüber Terroristen, dass sie doch auf dem richtigen Weg seien.

Satire ist eine Kunst. Will man sie verstehen, darf man nicht an der provokanten Oberfläche kleben bleiben, sondern muss die Aussage finden und darüber nachdenken. Diese Lektion versuchten von Schirach und Biard in ihren Reden den Zuhörern zu vermitteln. Sei es im Fall der Kritik am Islamismus, die gerade auch zeigen wolle, dass Moslems die ersten Opfer dieses religiösen Extremismus seien, wie Biard erklärte. Aber dies zeige sich auch in der Diskussion um die aktuelle Karikatur zum angeschwemmten toten syrischen Kind, dem Flüchtlingsjungen Aylan. Der intendierte Schock solle wachrütteln für das Schicksal Tausender. Aber er zeige auch die Suche der Flüchtlinge nach Schutz.

Außenminister Steinmeier ging nur kurz auf den Preisträger ein. Seine Rede befasste sich hauptsächlich mit dem Thema des Colloquiums, historische Parallelen zwischen 1945 und heute zu ziehen. Der Angriff auf "Charlie Hebdo" sei ein Beispiel für die neue Herausforderung des grenzüberschreitenden Terrors. Es sei ein Angriff auf "Freiheit und Demokratie" gerade in dem Land, das diese beiden Werte erkämpft habe.