Salgados neue Hoffnung für den Wald | Amerika - Die aktuellsten Nachrichten und Informationen | DW | 20.10.2019
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Friedenspreis des Deutschen Buchhandels

Salgados neue Hoffnung für den Wald

Der brasilianische Starfotograf Sebastião Salgado bekommt für sein Umwelt-Engagement den Friedenspreis des deutschen Buchhandels. In seiner Heimatstadt lässt er den verlorenen Wald seiner Kindheit wieder auferstehen.

Schier endlose Reihen von Setzlingen wachsen friedlich dem blauen Himmel in der Kleinstadt Aimorés im Bundesland Minas Gerais im Südosten Brasiliens entgegen. "Hier ziehen wir die in der Mata Atlântica ("Atlantischer Regenwald" an der Ostküste Brasiliens - d. Red.) heimischen Pflanzen", erklärt Isabella Salton, Direktorin des "Instituto Terra".

Bis zu 1,2 Millionen Setzlinge sind es pro Jahr, bis zu einhundert verschiedene Sorten. Es sind beeindruckende Zahlen, die das 1999 von Sebastião Salgado und seiner Frau Lélia Wanick Salgado gegründete Instituto Terra vorweisen kann. Die Wälder auf den rund um die alten Farmhäuser gelegenen Hügel sind zwar nach Monaten der Dürre derzeit grau und blattlos. Doch mit der Regenzeit im November wird sich die Farm in ein grünes Meer aus Baumkronen verwandeln.

Auf einem Plakat sieht man die Veränderungen auf der 700 Hektar großen Farm in Sechs-Jahres-Schritten. Im Jahr 2000 war hier nichts als braune Erde, 2006 überwog schon grün, 2012 ist ein saftig-grüner Teppich zu sehen. Insgesamt habe man bereits 2,5 Millionen Bäume auf der Farm gepflanzt. "Wir messen den Erfolg daran, dass der Wald wieder da ist, dass die einst trockenen Quellen wieder sprudeln und die Tiere wieder zurückgekommen sind", erklärt Salton. "Denn je besser das Umfeld wurde, je adäquater, desto mehr Tiere kamen spontan zurück. Hier findest Du Vögel, Säugetiere, Reptilien, Amphibien, alles mögliche, sogar vom Aussterben bedrohte Arten findet man hier auf der Farm." 

Salgados größtes Projekt

Für Sebastião Salgado ist das Institut das größte Projekt seiner beeindruckenden Karriere. Seiner Hinwendung zur Natur ging ein traumatisches Erlebnis voraus. "Ich hatte gerade eine sehr harte Reportage über Migranten hinter mir", erinnerte sich Salgado 2013 in einem Interview an die Zeit, als er sein Werk "Exodus" fotografierte. "Und ich kam aus dieser Geschichte sehr verletzt heraus, denn ich sah den Tod in seinen fürchterlichen Formen, sah die von uns heraufbeschworene Gewalt. Und so verlor ich den Glauben daran, dass die Menschheit noch eine Chance habe, zu überleben. Und in diesem Moment zog ich mich aus der Fotografie zurück."

Sebastião Salgado (picture-alliance/TT NEWS AGENCY/S. Stjernkvist)

Sebastião Salgado: Am 20.10. erhält der Starfotograf den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels

Es war just zu diesem Zeitpunkt, dass die Eltern ihm und seiner Frau Lélia die Farm überschrieben. Salgado war geschockt: Von den magischen Wäldern, durch die er als Kind streifte und die Magie von Licht und Schatten erstmals bewusst wahrnahm, war nichts mehr übrig geblieben. Viehwirtschaft und Erosion hatten die Farm in eine Mondlandschaft verwandelt. "Als wir dieses Stück Erde erhielten, war es genauso verwundet, ja, tot wie ich. Einst war es eine ökologische Oase gewesen. Als ich Kind war, bestand die halbe Farm aus Wald, und ich wuchs in einem Paradies auf. Aber nun war davon weniger als ein halbes Prozent Wald übrig."

"Lass uns das Paradies neu aufbauen"

Seine Frau habe schließlich die Idee gehabt, so Salgado. "Lélia sagte: Hey, Tião, Du hast doch immer erzählt, dass Du im Paradies aufgewachsen bist. Lass uns das Paradies neu aufbauen, lass uns den Wald neu pflanzen."

Das Instituto Terra des Starfotografen Sebastião Salgado in Aimorés, Minas Gerais, Brasilien ( Instituto Terra)

"Lass uns das Paradies neu aufbauen": Salgados Instituto Terra im brasilianischen Bundesstaat Minas Gerais

Mit Hilfe von finanzkräftigen Freunden und Sponsoren starteten die Salgados durch. Die Nachbarn seien damals sehr verwundert gewesen, erinnert sich Isabella Salton. Denn bisher wurde der Wald stets abgeholzt, um Weideflächen für das Vieh und Äcker zum Pflanzen zu schaffen. "Das lief allem zuwider, was man damals dachte", so Salton. "Heute, mit der Dürre und den Klimaveränderungen, leidet der Landwirt sehr, besonders unter Wassermangel. Und er beginnt zu verstehen."

Mittlerweile liefert das Instituto Terra die meisten seiner Setzlinge an Bauern in der Region, die ihr Land auch aufforsten wollen. Besonders das seit zehn Jahren laufende Projekt "Olho D'Água" ("Wasserstelle" - d. Red.) habe Anklang gefunden. Dabei geht es darum, ausgetrocknete Quellen durch Bepflanzung wieder zum Sprudeln zu bringen. Zudem bildet die Landwirtschaftsschule auf dem Institutsgelände junge Leute aus der Region aus. Sie sollen die Ideen nachhaltiger Forstwirtschaft in Zukunft auf den Höfen ihrer Eltern umsetzen.

Das Instituto Terra des Starfotografen Sebastião Salgado in Aimorés, Minas Gerais, Brasilien (Instituto Terra)

Die Rückkehr des Waldes: Salgados Farm in Aimorés

Auch für Salgado war die Rückkehr des Waldes wie ein Erweckungserlebnis. "Als ich die ersten Bäume sprießen sah in einer Erde die komplett tot war, als ich die Vögel und das Wasser zurückkommen sah, begann ich die Bäume wie Menschen zu betrachten. Ein Mensch muss auch beschützt werden wenn er geboren wird, und man muss ihn lehren, zu gehen und zu reden. Mit einem Baum ist es genau gleich."

Neue Hoffnung durch die Natur

Die Hinwendung zur Natur habe ihm die Hoffnung in die Welt und in die Menschheit zurückgegeben. "Als ich jenes Leben erblickte, das so elegant und stark zurückkam, da fing ich an zu glauben, dass es noch Wege gibt, dass Hoffnung besteht und dass diese Hoffnung mit unserem Planeten in Verbindung steht." Die neugewonnene Hoffnung inspirierte ihn zu seinem monumentalen Liebesbrief an die Erde, das 2013 erschienene Buch "Genesis".

Sebastiao Salgado - Genesis (dpa)

"Genesis" - Ausstellung von Fotografien Salgados in Berlin (2015)

Sein Lebenswerk würdigte der Börsenverein des deutschen Buchhandels so: "Indem der Fotograf seine aufrüttelnden, konsequent in schwarz-weiß gehaltenen Bilder als 'Hommage an die Größe der Natur' beschreibt und die geschändete Erde ebenso sichtbar macht wie ihre fragile Schönheit, gibt Sebastião Salgado uns die Chance, die Erde als das zu begreifen, was sie ist: als einen Lebensraum, der uns nicht allein gehört und den es unbedingt zu bewahren gilt."

Salgados Optimismus konnte auch die Katastrophe von Mariana, eine der ältesten Städte Brasiliens, ebenfalls im Bundesstaat Minas Gerais gelegen, nicht erschüttern. Ende 2015 brach dort der Damm eines Abraumbeckens, löste eine Schlammlawine aus und verseuchte den unweit des Instituto Terra fließenden Rio-Doce-Fluss. Innerhalb weniger Tage hatte Salgado ein Konzept zur Wiederbelebung des toten Flusses zur Hand. Mit Millionen von Setzlingen will er die Uferwälder sowie die Zuflüsse des Rio-Doce wieder bewalden. 

"Ich bin jetzt 72 Jahre alt, und wenn kein Unfall passiert, werde ich 90 oder 92 Jahre alt", sagte Salgado 2016 in einem Interview. "In den nächsten 20 Jahren möchte ich, bevor ich sterbe, noch erleben, dass wir dieses Tal wieder so herrichten, dass es so schön ist wie zu Beginn des letzten Jahrhunderts."

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