Sahin: ″Du musst glücklich sein″ | Fußball | DW | 02.02.2018
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Bundesliga

Sahin: "Du musst glücklich sein"

Nuri Sahin ist nicht nur ein guter Fußballer sondern auch ein reflektierter Mensch, der sich über den Fußball und seine Rolle im Team Gedanken macht. Der BVB ist seine "echte Liebe" - im DW-Interview verrät Sahin, warum.

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Sahin: "Echte Liebe"

Nuri Sahin ist durch und durch Dortmunder. Der 29-Jährige, der 1988 in Lüdenscheid rund 50 Kilometer südlich von Dortmund geboren wurde, wechselte schon als Kind zum BVB. Seinen ersten Kontakt zu den "Großen" - damals Stars wie die Brasilianer Marcio Amoroso, Evanilson und Dede sowie deutsche Nationalspieler wie Jens Lehmann, Torsten Frings, Sebastian Kehl und Stefan Reuter - hatte Sahin als Zwölfjähriger. Gerade in die Jugendabteilung gewechselt, bot sich der glühende BVB-Fan immer an, bei den Spielen der A-Mannschaft als Balljunge zu fungieren.

Nuri Sahin: Ich war derjenige, der jede Woche danach gefragt hat. Wann immer es möglich war wollte ich dabei sein. Ich wollte dieses Gefühl haben, wollte die großartigen Spieler sehen. Ich stand da mit dem Ball in der Hand und habe ihn ganz oft geküsst und mir gesagt: Mit diesem Ball wird Dortmund treffen! Und wenn ein Ball ins Aus ging und ich meinen reinwarf, habe ich gehofft: Bitte, lass sie mit meinem Ball treffen!

Damals hat es angefangen: Ich wollte auch Profi werden. Mein Traum war immer, in diesem Trikot in diesem wunderbaren Stadion zu spielen. Ich komme aus dem Sauerland. Und wenn du aus dem Sauerland kommst, dann bist du entweder für die Blauen [FC Schalke 04, d. Red.] oder für die Schwarz-Gelben. Ich hätte auch für die anderen spielen können. Aber das war für mich nie eine Option. Gott sei Dank wurde mein Traum Wirklichkeit, als ich 16 war!

DW: Wie sehen Sie die Entwicklung Ihres Klubs, von Ihren Anfängen bis jetzt?

Borussia Dortmund wächst wie irre. Was der Klub in den letzten zehn Jahren aufgebaut hat, was der Klub alles gewonnen hat, das sagt alles. Es werden immer mehr Fans und ich hoffe, dass es für die nächsten zehn, 15, 20 Jahre so weitergeht. Wenn die jungen Spieler zum Profi-Team kommen müssen sie wissen, dass Dortmund kein normaler Klub ist.

Sie haben aber nicht nur in Dortmund gespielt, sondern waren bei Feyenoord Rotterdam, beim FC Liverpool und bei Real Madrid…

Fußball Nuri Sahin UEFA Champions League, Real Madrid - APOEL Nikosia (picture-alliance/Foto Huebner)

Sahin im Trikot der "Königlichen" aus Madrid

Ich war beim größten Klub der Welt. Real Madrid ist für mich die Spitze, größer geht es nicht. Wenn du dort bist, denkst du, du bist in Hollywood. Aber tief in meinem Herzen wusste ich immer: Nein, ich möchte ein Teil von Borussia Dortmund sein, ich möchte mit Dortmund etwas gewinnen. Ich möchte den Klub wachsen sehen und ein Teil davon sein. Ich brauche das, um ein glückliches Leben zu führen.

Das bringt mich zu dem Motto, das auf jedem Bus steht. Überall auf der Welt verstehen die Leute den Slogan "Echte Liebe".

Diesen Slogan zu haben ist sehr schön - aber auch sehr gefährlich in der jetzigen Zeit, bei diesem Markt mit den steigenden Preisen. Es ist bekannt, welche Preise für Spieler bezahlt werden, die den Verein wechseln und ich war einer davon. Ich bin vielleicht einer der Spieler, die mit diesem Slogan aufgewachsen sind, aber auch ich hatte meine Träume und bin zu Real Madrid gegangen. Es ist ein schwieriger Slogan, aber die Leute empfinden das wirklich, tief im Herzen. Und dieses Gefühl brauchte ich wieder, deshalb bin ich zurückgekommen.

Ist die Atmosphäre anders im Dortmunder Stadion?

Es ist ein ganz besonderes Gefühl. Die gelbe Wand ist so groß und geschlossen. Und dieser Geruch: Du kannst es riechen. Auch meine Frau ist immer wieder beeindruckt, wenn sie im Stadion ist, es ist verrückt. Nach dem letzten Spiel meinte sie im Auto zu mir: "Ich weiß auch nicht, warum ich hier immer so ein besonderes Gefühl habe in diesem Stadion, obwohl ich bestimmt schon 1000-mal da war."

BVB - Rückkehr Nuri Sahin (picture-alliance/dpa/D. Naupold)

Der verlorene Sohn ist wieder da: 2013 kehrte Nuri Sahin zu "seiner" Borussia nach Dortmund zurück

Im vergangenen Frühjahr erlebte Nuri Sahin gemeinsam mit seinen Teamkollegen etwas Furchtbares: Vor dem Champions-League-Spiel gegen den AS Monaco detonierten kurz nach der Abfahrt vom Hotel mehrere Sprengsätze neben dem BVB-Bus. Ein Anschlag auf die Gesundheit und das Leben der Dortmunder Spieler. Der Täter wurde gefasst, sein Prozess am Dortmunder Landgericht wegen versuchten Mordes in 28 Fällen und schwerer Körperverletzung läuft. Unmittelbar nach der Tat mussten die BVB-Profis sich wieder in den Alltag einfinden. Eine Herausforderung, die Sahin lange schwer fiel.

Nuri Sahin: Ich war nicht sicher, ob ich mich jemals wieder sicher fühlen würde. Es passieren Dinge in Istanbul, in Paris, in New York, beim Boston-Marathon. Es passiert überall. Man sieht es im Fernsehen und denkt: schlimm! Aber man denkt nie, dass es eines Tages einem selber passieren könnte. Man fühlt mit den Menschen und nach ein paar Tagen ist man zurück im Alltag. Aber dieses Mal ist es uns passiert, gerade als wir auf dem Weg waren, etwas zu tun, das wir lieben: Fußball spielen. Ich war schockiert. Ich wusste nicht, wie ich damit umgehen sollte. Ich wusste nicht, was ich tun sollte. Und als ich dann nach Hause kam und meine Frau und meine Kinder an der Tür wiedergesehen habe… Es hat mein Leben verändert. Zum Glück ging dieser tragische Vorfall für alle glimpflich aus.

Nuri Sahin ist mit Leib und Seele Fußballer. Der BVB ist sein Klub, doch auch seinen Heimatverein, den RSV Meinerzhagen hat der 29-Jährige nicht vergessen. Gemeinsam mit seinem älteren Bruder Ufuk und einem Freund hat Sahin vor einigen Jahren das Training und die sportliche Leitung übernommen. Das Klubheim und die Spielerkabine wurden modernisiert, beste Trainingsmaterialien angeschafft. Zudem aktivierte Sahin Sponsoren und lotste neue Spieler zum RSV. Der Verein stieg 2017 von der Bezirks- in die Landesliga auf. Für Sahin ist das ein echtes Anliegen, er möchte dem Klub, bei dem er seine ersten Schritte als Fußballer gemacht hat, etwas zurückgeben. Doch auch abseits des Fußballplatzes hat Sahin Interessen.

Nuri Sahin: Fußball ist perfekt, aber manchmal braucht man auch etwas anderes. Ich hab angefangen mich für Autos zu interessieren, für Mode, für gesundes Essen, wie und wie lange ich schlafen sollte, wie ich mich um mich selbst kümmern sollte, mein Leben genießen - alle diese Dinge sind sehr wichtig für den Kopf. Das ist auch eine Sache, die ich den Jungs sage, wenn sie im Trainingsanzug zum Training kommen. Dann sag ich: "Kommt schon, zieht euch ein bisschen besser an, seid jeden Tag frisch und schaut in den Spiegel. Und sagt zu euch selbst: Yeah, ich fühl mich gut, ich bin glücklich - macht das einfach für euch selbst.

Sie haben in anderen Ligen bei Top-Klubs gespielt, aber haben mal gesagt: "Mir fehlte beim Fußballspielen nichts, aber mir fehlte etwas in meinem Leben. Ich brauchte es, Teil der Familie Borussia Dortmund zu sein. Die Leute dort sind der Grund, warum ich so Fußball spiele, wie ich es tue." Was meinten Sie damit?

Fußball Nuri Sahin Borussia Dortmund - Hertha BSC 2:0 (picture-alliance/Guido Kirchner)

Sahin: Lenker und Denker auf dem Platz

Bei meiner Art Fußball zu spielen bin ich mitten im Geschehen. Ich muss meine Mitspieler führen, muss organisieren. Ich muss 90 Minuten lang fokussiert sein, muss immer nach vorne und nach hinten aufmerksam bleiben. Dafür musst du im Kopf frei sein, musst glücklich sein. Du musst das, was du tust von ganzem Herzen tun. Ich habe zehn Spieler um mich herum. Sie brauchen meine Hilfe - auf dem Platz und neben dem Platz. Um ihnen helfen zu können, muss ich wissen, dass ich ein Teil des Ganzen bin.

Vor ungefähr 15 Jahren waren Sie noch der ehrgeizige Junge. Wo sehen Sie sich in zehn Jahren?

An der Seitenlinie in unserem Stadion, als Trainer dieses Vereins.

Nuri Sahin wurde 1988 in Lüdenscheid bei Dortmund geboren. Er spielte bis zum seinem zwölften Lebensjahr beim RSV Meinerzhagen und wechselte dann in die Jugendabteilung des BVB. Am 6. August 2005 debütierte Sahin im Alter von 16 Jahren und 335 Tagen in der Bundesliga und wurde damit zum jüngsten Spieler der Ligahistorie. 2007 wurde Sahin für eine Saison an Feyenoord Rotterdam verliehen. 2011 wechselte er zu Real Madrid, wurde von dort an den FC Liverpool verliehen (2012/13) und kam 2013 zurück nach Dortmund. Sahin spielt für die türkische Nationalmannschaft, besitzt aber seit 2011 auch die deutsche Staatsbürgerschaft.

Das Interview führte Kres Harrington

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