Sacharow-Preisträger: ″Wir wollen ein freies Belarus″ | Europa | DW | 17.12.2020
  1. Inhalt
  2. Navigation
  3. Weitere Inhalte
  4. Metanavigation
  5. Suche
  6. Choose from 30 Languages
Anzeige

Sacharow-Preis

Sacharow-Preisträger: "Wir wollen ein freies Belarus"

Das Europaparlament hat Vertreter der belarussischen Opposition mit dem Sacharow-Preis geehrt. Zu ihnen gehört auch der 22-jährige Blogger Stepan Putilo. Die DW sprach mit ihm über die Proteste in seiner Heimat.

Der Telegram-Kanal NEXTA Live hat fast 1,7 Millionen Abonnenten. Während der Massenproteste in Belarus, die nach der Präsidentenwahl am 9. August begannen, wurde der Kanal für die Demonstranten zur wichtigsten Informationsquelle. Gegen seinen Gründer Stepan Putilo, der seit 2018 in Polen lebt, haben die Behörden in Belarus mehrere Strafverfahren eröffnet, unter anderem wegen der "Organisation von Massenunruhen". Der belarussische Geheimdienst KGB hat den 22-Jährigen auf eine Terrorliste gesetzt. Am 16. Dezember hat das EU-Parlament Putilo und andere Vertreter der belarussischen Opposition mit dem Sacharow-Preis für Demokratie und Menschenrechte ausgezeichnet. Die DW hat mit ihm am Tag der Preisverleihung in Brüssel gesprochen.

Deutsche Welle: Wie fühlt es sich an, mit 22 Jahren Sacharow-Preisträger zu werden?

Stepan Putilo: Natürlich war es in erster Linie eine Überraschung. Mir ist klar, dass das, was wir zusammen mit dem Team und dank der Menschen tun, die uns die Informationen zusenden - obwohl die Behörden uns als Extremisten und Terroristen darstellen - den Effekt hat, dass die Welt die Ereignisse in Belarus verfolgen und so auch unsere Aktivitäten und unseren Verdienst an unserem Heimatland würdigen kann. Natürlich kam dies unerwartet und war unglaublich, aber dann wurde uns klar, dass die Welt mitverfolgt, was wir tun. All die schlaflosen Nächte, besonders im August, waren nicht vergeblich.

Was bedeutet der Sacharow-Preis für Sie?

Für uns ist er Anerkennung des Verdienstes, ein Zeichen dafür, dass das, was wir tun, international anerkannt wird.

Der NEXTA Live-Kanal auf Telegram hat rund 1,7 Millionen Abonnenten. Wer steht hinter dem Kanal?

Laut belarussischer Propaganda sind die Strippenzieher natürlich Polen, Amerikaner und andere. In Wirklichkeit stehen nur Menschen hinter diesem Kanal, die das gemeinsame Ziel eint, Belarus zu einem freien, demokratischen, normalen Land zu machen. Belarus sollte kein Land mit verlorener Demokratie sein, in dem grundlegende Rechte verletzt werden, sondern ein Land, das die Diktatur besiegt hat und schließlich zu einer normalen und prosperierenden Nation geworden ist. Wir arbeiten praktisch ehrenamtlich. Was wir an Spenden erhalten, fließt in die Arbeit des Kanals.

Reichen denn die Spenden und Werbeeinnahmen für die Arbeit von NEXTA und den Lebensunterhalt Ihres Teams?

Sie reichen so gerade. Natürlich müssen wir uns oft anstrengen, denn nicht jeder ist bereit, auf einem "extremistischen, terroristischen Kanal" Werbung zu schalten. Aber die Menschen spenden sehr aktiv, insbesondere während unserer Streamings auf YouTube. Jeden Tag bekommen wir Spenden. Aber um sich weiterzuentwickeln, professioneller zu werden, Faktenchecks zu betreiben, Designer und Redakteure zu beschäftigen, bräuchten wir viel mehr Geld. Daher suchen wir jetzt auch nach Finanzierungsmöglichkeiten.

Warum hat ein Gericht in Belarus Ihren Kanal für extremistisch erklärt?

Weil wir die Wahrheit gezeigt haben. Für das Regime sind all diejenigen Feinde, Extremisten und Banditen, die gegen das Regime vorgehen und die Wahrheit zeigen. Auch gegen uns, den ehemaligen Chefredakteur und mich, laufen mehrere Strafverfahren. Das Regime zeigt damit aber nicht Stärke, sondern Schwäche. Denn es gibt damit zu, dass junge Menschen, 22- bis 25-Jährige, nach 26 Jahren totaler Diktatur die gesamte Existenz des Regimes bedrohen können. Wir sind die ersten Bürger von Belarus, die auf eine Terrorliste des (belarussischen Geheimdienstes, Anm. d. Red.) KGB gesetzt wurden. Natürlich versteht die zivilisierte Welt, was da passiert. Wir sind als politische Flüchtlinge anerkannt. Ich fühle mich in Polen sicher.

Die belarussischen Behörden werfen Ihnen vor, Massenunruhen organisiert zu haben. Stimmt das?

Natürlich nicht. Wir haben den Leuten geraten, wohin sie gehen sollen. Da unser Kanal auf Telegram der größte in Belarus war, wird allgemein angenommen, dass alle Demonstranten ihn gelesen haben. Daher kann man schon sagen, dass wir die Proteste bis zu einem gewissen Grad koordiniert haben. Aber alle diese Meldungen, wohin die Leute gehen sollten, kamen von den Leuten selbst. Wir haben sie nur geprüft, die besten ausgesucht und uns mit Administratoren anderer Kanäle beraten. So kam es, dass wir in gewisser Weise den Protest sogar koordinieren mussten, als während der Blockade des Internets im Land nur noch Telegram funktionierte.

Sie sagen, dass Sie die Proteste bis zu einem gewissen Grad koordiniert haben. Fühlen Sie sich für die Menschen verantwortlich, die an ihnen teilgenommen haben?

Ja natürlich. Es ist immer sehr schwierig, Ratschläge zu Aktionen zu erteilen. Man denkt immer darüber nach, wie es sich für die Menschen so sicher wie möglich gestalten lässt, damit sie nicht inhaftiert und bedroht werden, denn die Repressionen in Belarus sind nicht weniger geworden. Die Menschen werden immer noch geschlagen, mit Tränengas attackiert und beschossen. All das sehen wir. Aber die Menschen gehen von sich aus auf die Straßen und sie sind sich im Klaren darüber, was passieren kann, weil sie all dies schon gesehen haben.

Belarus I Messenger I NEXTA

Der Telegram-Kanal NEXTA dient vielen Belarussen als erste Informationsquelle zu den Protesten im Land

Betrachten Sie sich als Journalist oder als Informations-Aktivist?

Wir sehen uns als neues hybrides Format des 21. Jahrhunderts, in dem sich einige Facetten von Journalismus und Aktivismus vermischen. Bisher tun wir wirklich unser Bestes, um alle Protestbewegungen in Belarus zu unterstützen, aber danach wollen wir ein gewöhnliches Medienprojekt werden, das wahrheitsgetreu darüber berichtet, was passiert, unabhängig davon, wer an der Macht ist.

Was muss Ihrer Meinung nach passieren, damit sich die Lage in Belarus wendet?

Natürlich würde sich die Lage wenden, wenn die Sicherheitskräfte auf die Seite des Volkes wechseln würden, wenn es massivere und entschiedenere Streiks geben würde. Aber das Regime hat die Menschen mit seinen repressiven Methoden in Angst versetzt. Das macht es seit 26 Jahren, mit Einschüchterungen, Verhaftungen, Geldstrafen, Schlagstöcken, Gerichtsprozessen. Ich denke, die derzeit effektivste Maßnahme wäre, Belarus vom internationalen Zahlungssystem SWIFT auszuschließen. Dies könnte wirklich zu einem Fall des Regimes innerhalb einer Woche führen. Die Belarussen sind bereit, einige Unannehmlichkeiten hinzunehmen, damit das Regime zusammenbricht.

Der Westen fordert das Lukaschenko-Regime zum Dialog auf. Ist ein solcher Dialog zwischen den Demonstranten, der Opposition und Lukaschenko überhaupt möglich?

Mich amüsiert ein wenig die Aufforderung gewisser Persönlichkeiten zu einem Dialog mit dem ehemaligen Präsidenten. Ich sehe keinen Sinn darin. Mit Lukaschenko kann man nur noch sprechen, nachdem Neuwahlen angekündigt wurden, die politischen Gefangenen freigekommen sind und die Exil-Belarussen wieder in ihre Heimat zurückkehren konnten.

Das Gespräch führte Iurii Sheiko

Die Redaktion empfiehlt