"Sündenvorbeugung": Afghanische Taliban blockieren Internet
30. September 2025
Die in Afghanistan herrschenden Taliban haben mehreren Berichten zufolge die Datenleitungen zur Außenwelt weitgehend gekappt. Das Land am Hindukusch befinde sich derzeit "inmitten einer vollständigen Internetsperre", teilte die Organisation Netblocks mit, die von Großbritannien aus Zensurmaßnahmen im weltweiten Internet untersucht. Bereits am Montagabend seien weniger als ein Prozent der üblicherweise aktiven Internetverbindungen und Mobilfunksignale registriert worden.
Es handelt sich um die erste landesweite Abschaltung des Internets seit der erneuten Machtübernahme der Taliban im August 2021. Ein Funktionär der radikalen Islamisten hatte der Nachrichtenagentur AFP zuvor gesagt, das Glasfasernetzwerk im Land werde in Kürze deaktiviert. Die Maßnahme werde sich auch auf das Mobilfunknetz auswirken: Insgesamt würden "8000 bis 9000 Telekommunikationsmasten" abgeschaltet, so der Taliban-Vertreter.
Nachrichtenagenturen: Kein Kontakt zu eigenen Kollegen
AFP kann inzwischen das eigene Büro in Kabul nicht mehr erreichen. Die Deutsche Presse-Agentur (dpa) versuchte ebenfalls erfolglos, zu Behörden und Anwohnern durchzudringen. Bereits vor zwei Wochen war in mehreren Provinzen das Kabelinternet abgeschaltet worden. Ein Sprecher der Regionalregierung im nördlich gelegenen Balch bestätigte dies in Online-Netzwerken und erklärte, der oberste Taliban-Führer, Haibatullah Achundsada, habe die Maßnahme angeordnet, um "Sünden" vorzubeugen.
Das Komitee zum Schutz von Journalisten (CPJ) rief die Islamisten damals auf, die Blockade sofort aufzuheben. "Das Verbot von Breitband-Internet ist eine beispiellose Verschärfung der Zensur, die die Arbeit von Journalisten und das Recht der Öffentlichkeit auf Information untergräbt", sagte CPJ-Regionaldirektorin Beh Lih Yi.
Zugleich warnte Netblocks vor weiteren Einschränkungen für Frauen und Mädchen in Afghanistan. Seitdem die Taliban ihnen den Zugang zu Universitäten und weiterführenden Schulen verwehrt hat, weichen viele Afghaninnen auf Online-Unterricht aus. In der Vergangenheit hatten die Taliban zudem Bedenken wegen Online-Pornographie geäußert.
Machtkampf hinter den Kulissen?
Laut der örtlichen Zeitung "Hasht-e Subh" waren den jüngsten Sperren Meinungsverschiedenheiten zwischen dem Kommunikationsministerium und der konservativen Taliban-Führung vorausgegangen. Das Ministerium hatte in den vergangenen Jahren zahlreiche Projekte zur Erweiterung des Glasfasernetzes vorangetrieben, um die afghanische Wirtschaft zu stärken und für ausländische Investoren attraktiver zu machen. Mit der landesweiten Internet-Abschaltung könnte sich nun die konservative Führungsspitze durchgesetzt haben, die mit drakonischen Gesetzen eine strenge Auslegung des Islams verfolgt.
jj/wa (dpa, afp, rtr, epd)
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