Südosteuropas Jugend braucht Arbeit | Europa | DW | 16.04.2016
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Europa

Südosteuropas Jugend braucht Arbeit

"Jung, dynamisch, chancenlos?" So ist der Titel der diesjährigen Pfingstaktion des katholischen Hilfswerks Renovabis. Es macht auf die Perspektivlosigkeit der Jugendlichen in Ost- und Südosteuropa aufmerksam.

Ruhig und mit sanfter Stimme zeichnete der franziskanische Weihbischof aus Sarajevo ein düsteres Bild. Etwa 70 Prozent der jungen Menschen in Bosnien-Herzegowina wollten auswandern - Ergebnis eines deprimierenden Alltags und frustrierend schlechter Zukunftschancen. Und wie in seinem Heimatland, so sei es in den meisten Ländern des westlichen Balkans, sagte Pero Sudar bei der Eröffnung der Pfingstaktion von Renovabis im Bistum Speyer.

Das katholische Hilfswerk möchte mit der Aktion auf diese Situation aufmerksam machen und um Solidarität mit jungen Menschen im Osten Europas zu werben.

Deutschland Speyer: Weihbischof Pero Sudar Renovabis-Tagung (Foto: DW/Pargan)

Weihbischof Sudar: "Vertrauensverlust in Demokratie"

Denn ähnliche Zahlen gibt es seit Jahren aus fast allen Ländern des Westbalkans. Vor allem die erschreckend hohe Jugendarbeitslosigkeit verbaut jungen Menschen eine Perspektive in ihren Heimatländern. In Serbien, Mazedonien, Bosnien-Herzegowina und im Kosovo sind - je nach Statistik - etwa 45 bis 60 Prozent der Heranwachsenden und jungen Erwachsenen ohne Job. Dazu kommen Armut, politische Instabilität, Korruption und Vetternwirtschaft - angesichts dieser sozialen und politischen Missstände sind viele Betroffene pessimistisch und resigniert.

Verlorene Generation

Weihbischof Sudar warnte, dass junge Menschen in Südosteuropa das Vertrauen in demokratische Institutionen und sogar in die Demokratie an sich verlören. Er betonte aber auch die geopolitische Lage der Balkanländer und den multiethnischen und multireligiösen Charakter der Gesellschaften.

Die Bereitschaft von Christen und Muslimen, Katholiken und Orthodoxen, friedlich zusammenzuleben, werde vor allem in Bosnien-Herzegowina durch die sozialen Probleme auf die Probe gestellt. Sudar, der auch Professor für Kanonisches Recht ist, hob hervor, dass neben dem politischen Dialog in Südosteuropa auch der echte Ökumenismus entscheidend sei. Denn das Zusammenleben der verschiedenen Völker, Kulturen und Religionen sei die fundamentale Bedingung für den Frieden - und zur Zeit stelle sich die Frage, ob das überhaupt noch möglich sei.

Es gebe einen regelrechten Exodus junger Menschen und der entwickele sich zu einer realen Bedrohung für die südosteuropäischen Staaten. Dennoch gebe es auf dem Balkan kaum nachhaltige Strategien, um die Jugendarbeitslosigkeit zu bekämpfen. Die Folge: Junge Menschen wohnten meistens bei den Eltern und seien angewiesen auf deren Verdienst oder gar auf die Rente der Großeltern.

Die daraus resultierende Enttäuschung und Hoffnungslosigkeit wecke neue Gefahren, betonten einige Teilnehmer der Gesprächsrunde in Speyer. Sozialarbeiter sehen darin den perfekten Nährboden für Drogen- und Alkoholabhängigkeit, Glückspielsucht und Jugendkriminalität. Auch das Risiko einer politischen und religiösen Radikalisierung sei in den vergangenen Jahren gewachsen.

Schleppende Reformen

Die südosteuropäischen Regierungen haben die Sprengkraft dieser Entwicklung längst erkannt - aber konkrete Lösungen haben sie nicht. Dazu fehlt ihnen nicht nur das Geld, es fehlen vor allem der Wille und die Fähigkeit, notwendige Reformen des Bildungswesens umzusetzen, den Arbeitsmarkt zu reformieren und berufliche Aus- und Weiterbildung spürbar zu verbessern.

Renovabis-Tagung in Speyer am 14.4. (Foto: DW/Pargan)

Besorgter Blick in die Zukunft - Renovabis-Tagung in Speyer

Auch Weihbischof Pero Sudar kritisierte die "fehlende Verbindung der Ausbildungssysteme mit dem Arbeitsmarkt". Er geißelte die nur schleppend vorankommende Reform im Sinne des europäischen Bologna-Prozesses und bemängelte, dass einzelne Ausbildungsstufen gar nicht aufeinander abgestimmt seien. Darum glauben - so laut einer aktuellen Umfrage - fast 80 Prozent der Jugendlichen in Bosnien-Herzegowina, dass sie ihre Lebensbedingungen nicht durch einen guten Hochschulabschluss verbessern können. Umfragen mit ähnlichen Ergebnissen gebe es auch in anderen Balkanländern.

Gerhard Albert, Geschäftsführer von Renovabis, fühlte sich durch solche Hiobsbotschaften bestätigt und nannte die aktuelle Entwicklung "eine große Herausforderung". Es sei wichtig, die zuständigen Regierungen und Politiker nicht aus ihrer Verantwortung zu entlassen, denn die anhaltende Abwanderung junger Leute stelle auch für die Entwicklung der osteuropäischen Staaten eine echte Bedrohung dar.

Zum Schluss wollte der Weihbischof aus Sarajevo ein bisschen Optimismus verbreiten - mit einem positiven Beispiel. Bei einem Besuch in San Francisco habe er einen erfolgreichen Unternehmer kennengelernt, der erzählte, er wolle mit seiner Frau und fünf Kindern nach Bosnien-Herzegowina zurückzukehren. Und diesen Mann hätte er vor kurzem bei einem Pfarrfest in Zentralbosnien wiedergetroffen. Auf die Frage des Bischofs, warum er in seine Heimat zurückgekehrt sei, habe der Mann geantwortet: "Hier lebt man normaler!"