Südafrika: Aus der Asche der Apartheid | Afrika | DW | 27.04.2019
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Südafrika

Südafrika: Aus der Asche der Apartheid

Vor 25 Jahren wurde die Regenbogennation Südafrika geboren, nach einem halben Jahrhundert der Rassentrennung. Heute sind die politischen und wirtschaftlichen Herausforderungen enorm. Ist Nelson Mandelas Traum geplatzt?

Vor 25 Jahren wurde die neue Flagge Südafrikas gehisst. Noch heute steht die farbenfrohe Flagge sinnbildlich für den Moment des Aufbruchs, als Südafrikas Präsident Frederik Willem de Klerk und Freiheitskämpfer Nelson Mandela vereinbarten, das Herrschaftssystem der Apartheid zu beenden.

Die Wahl am 27. April 1994 war die erste demokratische Wahl in Südafrika, bei der alle Südafrikaner, eingetragen in einer gemeinsamen Wählerliste, wählen konnten. Sie markierte das Ende eines langen und harten Kampfes für die Freiheit und gegen die Trennung der weißen und der schwarzen Bevölkerung. Als Präsident machte es sich Nelson Mandela zum Ziel, die weiße Minderheit und die schwarze Mehrheit im Land zu versöhnen. Die Wende hin zur Demokratie wurde weltweit gefeiert.

Nach dem Aufbruch: wenig Fortschritt

25 Jahre später ist die Euphorie abgeflaut. Von einer hohen Arbeitslosigkeit und Kriminalität bis hin zu Problemen in der Bildung - Südafrika kämpft politisch und wirtschaftlich an mehreren Fronten. "Mandela hatte einen sehr romantischen Traum von einer Nation, in der alle gleich sind, wo die Menschen Zugang zu ihren grundlegenden wirtschaftlichen, sozialen und kulturellen Menschenrechten erhalten", erklärt Shenilla Mohamed, Geschäftsführerin von Amnesty International Südafrika, im DW-Interview.

Bildergalerie Nelson Mandela Schild Apartheid (picture-alliance/dpa)

Vor 1994 hatten Schwarze in vielen Gebieten nur als Angestellte Zugang

"Aber Südafrika ist ein Land, in dem sich die Lebensqualität für den Großteil der Bevölkerung seit 25 Jahren nicht verbessert hat. Themen wie Rassismus stehen weiterhin im Vordergrund, weil die Menschen das Gefühl haben, von einem System enttäuscht worden zu sein, das ihnen 1994 bei der Unabhängigkeit alles Mögliche versprochen hat."

Korruption und Ungleichheit

Das Land wird von Korruption innerhalb der Regierung erschüttert. Milliarden von südafrikanischen Rand würden von Regierungsbeamten für private Zwecke abgeschöpft, sagt der politische Analyst Nickson Katembo im DW-Interview. Auf dem Index zur Wahrnehmung von Korruption, den die Nichtregierungsorganisation Transparency International jährlich herausgibt, belegt Südafrika aktuell Platz 73 von 180. Doch das größte Hindernis sei weiterhin die Armut im Land, so Katembo. Jeder vierte Südafrikaner ist arbeitslos, Schätzungen zufolge liegt die Zahl der Obdachlosen bei rund 200.000. Der Zugang zum Gesundheitswesen und die Versorgung mit Strom seien noch immer nicht für jeden gewährleistet, so Katembo.

Der Grund liege in der noch immer anhaltenden Ungleichheit zwischen Reich und Arm, Schwarz und Weiß. "Es besteht eine Kluft zwischen den Besitzenden und den Nicht-Besitzenden. Rund 20 Prozent der Bevölkerung halten die südafrikanische Wirtschaft in Händen, während eine Mehrheit von 79 Prozent immer noch unter der Armutsgrenze lebt. Das stellt eine Herausforderung für die Verteilung der Ressourcen innerhalb der Wirtschaft dar. Und die größte Herausforderung für die Regierung besteht hier darin, der Mehrheit der Menschen in diesem Land wirtschaftliche Gerechtigkeit zu garantieren."

Flash-Galerie Kinder schwarz und weiß Südafrika (picture-alliance / Dominic Sansoni / Impact Photos)

Ungleichheit zwischen Schwarz und Weiß, Arm und Reich: in Südafrika immer noch ein Thema

Wirtschaftskluft nach der Apartheid-Ära

Nach dem jüngsten Gini-Index der Weltbank gehört Südafrika mit 63,3% zu den Ländern, in denen die Einkommen am weitesten auseinanderklaffen. "Es gibt einen starken Anstieg der Ungleichheit zwischen Schwarz und Weiß, aber auch innerhalb der schwarzen Bevölkerung selbst", betont Thembinkosi Dlamini von Oxfam Südafrika, einer Nichtregierungsorganisation, die sich auf Ungleichheit spezialisiert hat. "Es gibt eine neue schwarze Elite", sagt Dlamini. So habe der "Black Economic Empowerment Act", ein Gesetz, das vormals benachteiligten Bürgern gleiche wirtschaftliche Chancen eröffnen sollte, neue Ungleichheiten geschaffen. "Es gab damals kaum Investitionen in die Infrastruktur, die es der schwarzen Bevölkerung ermöglicht hätten, an der südafrikanischen Wirtschaft teilzuhaben. 25 Jahre nach dem Ende der Apartheid gibt es nur sehr begrenzte Fortschritte," so Dlamini.

Nach Aussage von Analyst Katembo stellt sich die damalige Situation heute sogar verschärft dar. "Statistiken zeigen, dass diejenigen, die während der Apartheid gut dastanden, unter den demokratischen Regierungen noch reicher geworden sind,  und die Armen noch ärmer", so Katembo. "Man kann sagen: die weiße Bevölkerung hat in allen Wirtschaftszweigen noch die Oberhand." Laut Statistics South Africa nehme die weiße Bevölkerung immer noch viele der führenden Positionen des öffentlichen und privaten Sektors ein. "Dadurch bleibt die wirtschaftliche Kluft auch nach der Apartheid-Ära noch bestehen", so Katembo.

Mandelas (Wunsch-)Traum

"Einige sagen, Mandelas Idee einer Regenbogennation ist ein Wunschtraum", sagt Katembo. "Die Trennung zwischen Menschen, zwischen Schwarz und Weiß, besteht fort. Das merkt man an der Rhetorik, die selbst politische Führer derzeit an den Tag legen." So würden die Economic Freedom Fighters um Julius Malema etwa damit Wahlkampf machen, dass sie die weißen Bauern ihres Landes enteignen wollten. "Das schafft Spannungen zwischen der Bevölkerung, besonders wenn man die Hautfarbe als entscheidenden Faktor in der Politik dieses Landes ansieht." Laut Katembo rührt das Problem vom mangelnden Durchsetzungsvermögen der Regierung. "Die politischen Führer haben ihren Kernauftrag vergessen: sich um das Volk zu kümmern." Nun müsse sich die Regierung auf die Gründungsidee Nelson Mandelas und die Vorschläge der Wahrheits- und Versöhnungskommission besinnen.

Nelson Mandela (DW/AP)

Nelson Mandela träumte von einem bunten, freien Südafrika

Die Kommission, die zum Ziel hatte, in zahlreichen Anhörungen die Verbrechen aus der Apartheid-Zeit aufzuarbeiten, legte der Regierung einen umfassenden Bericht mit konkreten Vorschlägen zur Verbesserung der jungen Demokratie vor. Menschenrechtlerin Mohamed betrachtet deren Erfolg skeptisch. "Die Wahrheits- und Versöhnungskommission hatte große Ziele, aber ich glaube, dass die Realitäten heute ganz anders sind als das, was man sich für Südafrika vorgestellt hat. Solange Menschen nicht in der Lage sind, von ihren Grundrechten Gebrauch zu machen, wird es keine Regenbogennation geben."

Dlamini hingegen zeigt sich optimistisch. "Ich würde zwar nicht sagen, dass der Traum der Regenbogennation verwirklicht wurde. Aber wir arbeiten daran. Wir haben gesehen, dass es manchmal Leute an der Spitze der Exekutive gibt, die daran interessiert sind, sich den Herausforderungen zu stellen, mit denen Südafrika heute konfrontiert ist." Ein Beispiel sei Präsident Cyril Ramaphosa. "Er fährt eine starke Anti-Korruptions-Politik und hat den Wunsch, die Institutionen wiederaufzubauen, damit das Vertrauen zwischen Politikern und Bürgern wiederhergestellt werden und das Land weiter wachsen kann." Katembo sieht zudem ganz konkrete Fortschritte: "90 Prozent der Bevölkerung sind jetzt ans Stromnetz angeschlossen, die Infrastruktur hat sich verbessert, ebenso der Zugang zu Gesundheitseinrichtungen. Trotz all der Herausforderungen hat Südafrika erhebliche Fortschritte darin gemacht, aus der Asche der Apartheid-Ära aufzuerstehen."

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