Säubert Erdogan türkische Staatstheater? | Europa | DW | 14.01.2020
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Türkische Theaterszene

Säubert Erdogan türkische Staatstheater?

Mindestens 150 Theaterschaffende wurden in der Türkei ohne Begründung fristlos entlassen. Und das, obwohl sie Festanstellungen in Aussicht hatten. Man gehe von politischer Säuberung aus, berichten Schauspieler der DW.

Foyer eines Staatstheaters in Istanbul (DW/P. Ünker)

Ein Staatstheater in Istanbul

"Wir sind mit großer Hoffnung ins neue Jahr gestartet, da wir erwartet haben, bald fest angestellt zu werden", klagt ein 30-jähriger Schauspieler, der vom Staatstheater ohne jede Vorwarnung entlassen wurde. Der Künstler, der anonym bleiben möchte, spielte sechs Tage die Woche, hatte Hauptrollen in zwei verschiedenen Stücken. Sein Alltag wurde plötzlich erschüttert. "Ich wurde offensichtlich einer Sicherheitsprüfung unterzogen. Wir sind alle sehr angespannt, weil keiner weiß, was sie uns überhaupt zur Last legen. Diejenigen, die nicht auf der Liste standen, sind besorgt, weil es auch sie jeden Moment treffen kann."

Kulturminister Ersoy bei einer Pressekonferenz

Kulturminister Ersoy - vom Gönner zum Jobvernichter

Eine unglückliche Wendung

Dabei sollte 2020 eigentlich ein erfreuliches Jahr für die Bediensteten der staatlichen Bühnen werden - die Politik kündigte eine Verbesserung ihrer Arbeitsbedingungen an: Am 26. Dezember wurde ein Amtsblatt mit dem Titel "Änderungen der Richtlinien für die Beschäftigung von Vertragsbediensteten" veröffentlicht; eine Maßnahme, die es - dem Anschein nach - ermöglichen sollte, an Staatstheatern mehr Festanstellungen zu vergeben. "Einige unserer Künstler und technischen Angestellten haben ohne einen klaren Status (an den Staatstheatern) gearbeitet; jetzt werden sie auf vertraglicher Basis zu unserem Personal", kommentierte der Kultur- und Tourismusminister Mehmet Nuri Ersoy die Entscheidung. "Alle Sorgen um die Arbeitssicherheit wurden beseitigt, das Arbeitsleben unterliegt jetzt der Garantie unseres Staates", so gibt sich Ersoy gönnerhaft.

Folglich boten die Intendanten der Staatstheater ihren Angestellten an, sich im Zeitraum zwischen dem 26. und 30. Dezember für eine Festanstellung zu bewerben. Viele taten das, machten sich Hoffnung. Im neuen Jahr wurden sie dann böse überrascht: mindestens 150 Angestellte an Staatstheatern, Staatsopern oder im Ballett wurden fristlos entlassen, aus unbekannten Gründen.

Ein gelber Brief mit verheerenden Auswirkungen

"Die Beschäftigung des Vertragspersonals wurde im Rahmen der Beschäftigungsbedingungen nicht vom Intendant genehmigt", lauteten die schlichten Worte in dem gelben Brief, der ihnen unerwartet in die Hand gedrückt wurde und ihre Entlassung besiegelte. Über die genauen Gründe ließ man die Theater-Angestellten jedoch vollkommen im Dunkeln.

"Vor einem Jahr wurde mir persönlich mitgeteilt, dass Vollbeschäftigungen vergeben werden. Danach habe ich mich voll und ganz ausgerichtet und meine Zukunftspläne gemacht", beschwert sich ein Schauspieler, dessen gelber Brief ihm unmittelbar nach einem Bühnenauftritt überreicht wurde.

Die Theaterschaffenden mutmaßen über die Motive ihrer Entlassungen. Viele meinen, dass es sich um eine Abrechnung mit denjenigen handelt, die an den Gezi-Protesten im Jahr 2013 teilgenommen und sich damals damit gegen die Regierung positioniert haben.

Gewerkschaft: "Es gibt enorme Zukunftsängste"

Der Gewerkschaftler Gidisoglu

Das momentane Klima sei sehr beunruhigend, meint der Gewerkschaftler Gidisoglu

"Es gab zwar keine Mitteilung, die der Kündigung beigelegt wurde. Doch es heißt, dass es einen Zusammenhang mit einer Sicherheitsuntersuchung gibt. Es wird viel spekuliert, da die Lage so intransparent ist", sagt Sercan Gidisoglu von einer türkischen Schauspieler-Gewerkschaft. Genaue Zahlen darüber, wie viele Entlassungen von Theaterschaffenden es gegeben hat, gebe es laut Gidisoglu nicht.

Sie hätten beim Kulturministerium nach den Gründen für die Entlassungen gefragt, da sie davon ausgegangen seien, dass die Entscheidungen nicht von den Intendanten der Staatstheater gefällt wurden. Das momentane Klima sei sehr beunruhigend. "Diejenigen, deren Verträge gekündigt wurden, haben kein einheitliches Profil. Weil es jeden treffen kann, geht eine enorme Zukunftsangst um."

Ein Schauspieler, der sich auf eine Festanstellung beworben hatte, weist darauf hin, dass die Vertragsvergabe in letzter Zeit ungerechter geworden sei: "Früher gab es noch eine Eignungsprüfung des Personals. Heute wird Personal von oben bestimmt, ohne Berücksichtigung, ob ein Abschluss von einem Konservatorium vorliegt." Es ginge darum, dass von jetzt an Gleichgesinnte die Stellen übernehmen, mutmaßt der junge Schauspieler. "Es gibt von vorne bis hinten schiere Ungerechtigkeit."

Erdogans langer Arm reicht auf die Theaterbühnen

Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan in Ankara bei einer Rede

Der türkische Präsident möchte es nicht bei politischer Macht belassen - auch die Kultur möchte er formen

Kritiker gehen davon aus, dass die türkische Regierung ihre Dominanz auch im kulturellen und sozialen Bereich ausbauen möchte. Die Schauspieler, mit denen die DW gesprochen hat, zeigten sich besorgt darüber, dass die Zensur an Staatstheatern zunimmt. Bei der Auswahl von Theaterstücken gebe es bereits Einmischungen von der Politik. Der türkische Drehbuchautor Memet Baydur etwa klagt, dass er das Theaterstück "Kamyon", das er den aus ihrer Heimat vertriebenen Dorfbewohnern widmet, nicht spielen könne.

"Zurzeit kann das Stück 'Kleine Bürgerliche Hochzeit' nicht gespielt werden, weil der Hauptdarsteller auch entlassen wurde. Zudem war das Stück vielen eh zu freizügig", so der Autor.

Baydur meint, dass in den Staatstheatern eine enorme Selbstzensur vorherrsche. "Die Selbstzensur wird mit den aktuellen Entwicklungen weiter zunehmen." Ausschlaggebend sei laut Baydur der Einfluss der Kommunikationsbehörde des Präsidenten (CIMER): "Es gibt stets Leute, die sich bei CIMER beschweren. Der Druck hat im Laufe der Zeit zugenommen und wird weiter zunehmen."

Die Umstände der Entlassungen der Theaterschaffenden bleiben weiterhin undurchsichtig. Auf der offizielle Webseite der türkischen Staatstheater ist nur ein vager Hinweis zu vernehmen: "Ab dem 1. Januar 2020 muss das zuständige Personal gemäß Artikel 8 der Richtlinien für die Beschäftigung von Vertragspersonal bestimmte Anforderungen erfüllen."

Die Abgeordneten Baris Atay von der Arbeiterpartei der Türkei (TIP) und Alpay Antmen von der sozialdemokratischen Partei CHP stellten eine parlamentarischen Anfrage an den Kultur- und Tourismusminister Ersoy. Sie wollen Klarheit über die Entlassungen erlangen. Besonders bestehe Klärungsbedarf darüber, wer genau die frei gewordenen Stellen in den Staatstheatern erhalten werde. 

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