Russland und der Ölpreis-Verfall | Wirtschaft | DW | 23.11.2018
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Rohstoffe

Russland und der Ölpreis-Verfall

Anfang Oktober stand der Ölpreis noch bei 85 Dollar, inzwischen ist er um 25 Dollar abgestürzt. Was bedeutet das für Länder wie Russland, die vor allem vom Rohstoff-Export leben? Miodrag Soric aus Moskau.

Ein Rückgang des Ölpreises um ein Viertel in wenigen Wochen. Damit haben die meisten Analysten oder Beobachter vor wenigen Monaten nicht gerechnet. Im Gegenteil - angesichts der robusten Konjunktur in den USA hielten viele Preise von über 100 Dollar pro Barrel für realistisch.

Vorauszusagen, wie es weiter geht, sei eine undankbare Aufgabe, meint Jaroslav Kabakov, der für den russischen Investmentfonds Finam arbeitet. Es gebe viele Risiken auf politischer Ebene: die Verschärfung des Handelskrieges zwischen den USA und China oder die US-Sanktionen gegen den Iran. "Ich glaube, dass sich der Ölpreis in einem Korridor zwischen 65 und 70 Dollar pro Barrel einpendeln wird", sagt er gegenüber der DW.

Per Twitter Dank aus dem Oval Office

Letztlich sind es drei Staaten, die den Ölpreis im Wesentlichen bestimmen. Sie produzieren zusammen rund 40 Prozent des weltweit geförderten Öls. Nummer Eins sind die USA, die sich in den vergangenen Jahren durch das so genannte Fracking zum größten Ölproduzenten der Welt hocharbeitet haben. Russland folgt an zweiter Stelle, Saudi-Arabien an dritter. Was Voraussagen für den Ölmarkt so schwierig macht: Alle drei Länder haben unterschiedliche Interessen. Präsident Donald Trump wünscht sich niedrige Preise, um so den Konsum in den USA weitern anzukurbeln. Daher twittert er dann auch schon mal: "Der Ölpreis geht runter. Großartig! Das ist wie eine Steuersenkung für Amerika und die Welt. Genießt es! Danke Saudia-Arabien - und lasst ihn noch weiter sinken."

 

Saudi-Arabien aber möchte, dass der Preis für das schwarze Gold deutlich steigt. Nur dann nämlich verfügt Riad über die Mittel, um seine Wirtschaft umzustrukturieren: weg vom Öl. Schon hat Saudi-Arabien damit begonnen, weniger zu fördern. 

Russland wird diesem Beispiel kaum folgen - egal wie sich der Ölpreis entwickeln wird. Einheimische Unternehmen wie Gasprom oder Rosneft investierten in den letzten Jahren viel Geld in die Erschließung neuer Felder im hohen Norden und in die Modernisierung der Infrastruktur: Das Geld muss erst wieder reinkommen. Dem Kreml genügt offiziell ein Preis von 53 Dollar, um ein ausgeglichenes staatliches Budget vorlegen zu können. Beim jetzigen Kurs von um die 60 Dollar ist also noch Spielraum nach unten.

Preisdruck beim Öl trifft auch Rubelkurs

Aber nicht sehr viel, meint Igor Nikolaev, Direktor des Instituts für ökonomische Analyse, gegenüber der DW. Denn die russische Ökonomie lebe immer noch vom Rohstoff-Export. "In diesem Jahr entstand für kurze Zeit der Eindruck, dass sich der Rubelkurs von den Rohstoffpreisen losgelöst hat. Doch der jetzige Verfall des Ölpreises hat auch Auswirkungen auf den Rubelkurs, der ebenfalls sinkt", so der Wirtschaftsexperte. Kapital fliehe aus Russland. Investoren hielten sich zurück. Das bremse die wirtschaftliche Entwicklung. Die russische Wirtschaft hängt weiterhin von den weltweiten Rohstoffpreisen ab. Sie habe Reserven gebildet, als der Ölpreis bei 80 Dollar pro Barrel lag, sagt Nikolaev. Doch die reichen nicht ewig.

Russland Rosneft-Erdgasfeld in Krasnodar (Imago/ZUMA Press)

Rosneft ist Russlands größter Erdölproduzent

Belastend für die russische Wirtschaft sind auch andere Faktoren. Etwa das Zögern der Regierung, liberale Reformen voran zu bringen. Ausländische Investoren halten sich auch deshalb zurück, weil niemand genau weiß, wie scharf die Sanktionen ausfallen werden, die die USA gegen Russland verhängen werden wegen der Skripal-Affäre oder dem Krieg im Osten der Ukraine.

Was kann die Opec machen?

Igor Nikolaev glaubt, dass die Protestbereitschaft der Russen wachsen werde, wenn deren Einkommen weiter sinken. In diesem Herbst hat der Kreml Maßnahmen ergriffen, um die wirtschaftliche Situation zu stabilisieren. Doch viele Russen sind weiterhin unzufrieden. Die Reallöhne - berechnet auf Dollar-Basis – sinken weiter. Die Rentenreform ist weiterhin sehr unbeliebt. Trotz der sinkenden Ölpreise auf dem Weltmarkt fallen die Benzinpreise kaum oder gar nicht. In Teilen Russlands versucht der Kreml, die Preise für Benzin zu regulieren. Jaroslav Kabakov hält dies aus wirtschaftlichen Gründen für falsch, politisch jedoch nachvollziehbar.

Inzwischen rechnet die russische Zentralbank für 2019 mit einem Ölpreis von 55 Dollar pro Barrel und einer Inflationsrate zwischen fünf und 5,5 Prozent. Dennoch: Wie es beim Ölpreis weiter geht, diskutieren die 14 Mitgliedsländer des Ölkartells Opec plus Russland beim nächsten Gipfel im Dezember. Im Vorfeld wird bereits auf steigende Lagerbestände in den USA verwiesen, was immer Druck auf die Ölpreise erzeugt. Zudem hätten Spekulanten ihren Anteil an der Berg-und-Talfahrt des Ölpreises in den letzten Wochen.

Voraussagen sind dennoch kaum möglich. Niemand weiß, wie kalt der Winter in den USA wird, ob die Krise zwischen den USA und Russland an Schärfe gewinnt, Chinas Konjunktur sich weiter abschwächt. Alles Unsicherheitsfaktoren, die dem sensiblen Ölpreis so oder so zusetzen können. 

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