1. Zum Inhalt springen
  2. Zur Hauptnavigation springen
  3. Zu weiteren Angeboten der DW springen

Russisches Öl, indische Verbundenheit

26. Februar 2023

Während Bundeskanzler Scholz in Indien um Zuwanderung von Fachkräften aus der IT-Branche wirbt, erreicht der Handel zwischen Indien und Russland ungeahnte Höhen. Was macht das Verhältnis der beiden Länder so besonders?

https://p.dw.com/p/4NzfV
Indiens Premier Narendra Modi und der russische Präsident Putin geben sich bei bei einem Treffen der Shanghai Cooperation Organisation (SCO) die Hände und schauen in Richtung Kamera
Indiens Premier Narendra Modi und der russische Präsident Putin bei einem Treffen der Shanghai Cooperation Organisation (SCO) im September 2022 in SamarkandBild: Alexandr Demyanchuk/SPUTNIK/AFP

Feindbild Russland? Von wegen. In Indien ist Russland seit langem ein geschätzter politischer und wirtschaftlicher Partner. Seit dem Ausbruch des Ukrainekrieges hat die Verbindung zwischen den beiden Atommächten sogar neue Fahrt aufgenommen, denn Indien importiert mehr russisches Rohöl als jemals zuvor.. Nicht zuletzt deshalb bemüht sich Bundeskanzler Olaf Scholz während seines derzeitigen Staatsbesuchs in Indien um den Ausbau der Beziehungen mit dem Subkontinent. 

Nach Angaben des indischem Handelsministeriums belegt Russland mittlerweile Rang vier im nationalen Ranking der wichtigsten Importländer. Im Vergleichszeitraum April bis Dezember 2021 und 2022 erhöhten sich die Einfuhren aus Russland von 6,58 Milliarden US-Dollar (2021/2022) auf sagenhafte 32,8 Milliarden US-Dollar (2022/2023). "Indien hat eine Menge Rohöl gekauft, dieses raffiniert und weiterverkauft", bestätigt der indische Handelssekretär Sunil Bartwal der Wirtschaftsplattform "Nikkei Asia".

"Öl zum bestmöglichen Preis"

Indiens Außenminister Subrahmanyam Jaishankar ergänzt: "Ich würde gerne klarstellen, dass wir unsere Raffinerien nicht darum bitten, russisches Öl zu kaufen, sondern Öl zum bestmöglichen Preis auf dem Markt zu erwerben".

DerPreis für russisches Rohöl ist im Zuge der weltweiten Sanktionen seit dem 5. Februar 2023 erneut gedeckelt worden. Für Indien, drittgrößter Ölverbraucher weltweit, ist dieser Preisnachlass von großem Vorteil.

Dehli profitiert gleich mehrfach: Es kann die Energiekosten senken, denn es deckt über 80 Prozent seines Verbrauchs durch Importe ab. Außerdem trägt der Bezug von russischem Öl dazu bei, die Abhängigkeit vom Nahen Osten zu verringern, aus dem bisher rund 60 Prozent der Öleinfuhren kamen.

Waffen im Kalten Krieg

Doch die wirtschaftlichen und politischen Beziehungen zwischen Russland und Indien beruhen nicht nur auf dem Interesse an russischen Rohstoffen. Sie fußen auf einer langjährigen Kooperation der beiden Länder während der Kalten Krieges.

So versorgte die damalige Sowjetunion Indien jahrzehntelang mit Waffen und bildete indische Streitkräfte an ihnen aus. Zwischen 1955 und 1991 bezog Indien nach Angaben des Stockholm International Peace Research Institute (SIPRI) 60 Prozent seiner Waffen aus der UdSSR. 

Sojus Kosmonauten Yury Malshev und Rakesh Sharma geben nach der Landung Interviews
Alte Verbundenheit: Nach der Landung der Sojus-Kapsel T-11 am 11. April 1984 gaben die Kosmonauten Yury Malshev (rechts, Russland) und Rakesh Sharma (Indien) ein gemeinsames InterviewBild: Alexander Moklesov/SNA/IMAGO

Laut der US-amerikanischenAir University in Alabama, an der Streitkräfte der Air Force ausgebildet werden, ist diese militärische Kooperation bis heute bedeutend. "Der Umfang der russischen Waffentechnik im indischen Militär hat Abhängigkeiten und Vertrauen geschaffen", heißt es in einem Beitrag der von der Universität herausgegebenen Fachzeitschrift "Journal of Indo-Pacific Affairs". Der Umfang und die Bedeutung der russischen Beiträge zum militärischen Arsenal Indiens sei lange unterschätzt worden, schreiben die Autoren. Das Verhältnis zu den USA, die das mit Indien verfeindete Pakistan mit Waffen belieferten, war hingegen distanziert.

Außerdem galt die staatlich gelenkte Sowjetwirtschaft in Indien lange Jahre als Vorbild für wirtschaftliche Entwicklung, Antikolonialismus und erfolgreiche Armutsbekämpfung. Erst nach dem Fall der Mauer öffnete sich das Land langsam für die Weltwirtschaft.

Annäherung an die USA

Unter US-Präsident George W. Bush wurde Indien dann von 2005 an zum "natürlichen Alliierten mit gemeinsamen Werten", dem die USA "helfen wollten, zur Weltmacht im 21. Jahrhundert aufzusteigen". Dies erklärt, warum Indien trotz der von den USA gepriesenen neuen Partnerschaft weiterhin in mehreren Institutionen mit Russland kooperiert. Dazu gehören die Mitgliedschaft in der Shanghai Cooperation Organisation (SCO), dem Bündnis der BRICS-Staaten (Brasilien, Russland, Indien, China, Südafrika) und die Plattform Russland, Indien, China (RIC).

Über einem Platz, auf dem Soldaten in Formationen stehen, weht eine weiße Fahne mit der Abbildung von militärischen Fahrzeugen im Wind. Feierliche Eröffnung einer gemeinsamen Militärübung von Russland, Indien und China im August 2022 in der russischen Region Primorje
Feierliche Eröffnung einer gemeinsamen Militärübung von Russland, Indien und China im August 2022 in der russischen Region PrimorjeBild: Russian Defence Ministry/REUTERS

Keine Sanktionen und Blockfreiheit

"Die russisch-indische Partnerschaft geht auch jetzt weiter", schreiben Rajan Menon und Eugene Rumer vom US-amerikanischen Think Tank Carnegie Endowment for International Peace. Russland bleibe ein wichtiger Waffenlieferant für Indien. "Das Land hat sich nicht den westlichen Sanktionen gegenüber Russland angeschlossen". Indien demonstriere damit seine außenpolitische Unabhängigkeit, so die Experten.

In einem Briefing der indischen Botschaft in Moskau aus dem Jahr 2022 heißt es: "Der Ausbau der wirtschaftlichen Beziehungen zwischen Indien und Russland gehört zu den entscheidenden Prioritäten der politischen Führungsriege beider Länder". Doch zur Wirklichkeit gehört auch, dass vor dem Öl-Importboom aus Russland die wirtschaftliche Kooperationen zwischen beiden Ländern auf eher niedrigem Niveau vor sich hindümpelte. So war Russland zwischen 2012 und 2021 nur selten unter den 25 größten Handelspartnern Indiens vertreten. Zum Vergleich: Deutschland lag 2012 auf Platz sechs, rutschte bis 2021 jedoch auf Rang elf ab.