Rhetorische Aufrüstung: Experten warnen vor Kriegsmetaphern | Kultur | DW | 24.10.2001
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Kultur

Rhetorische Aufrüstung: Experten warnen vor Kriegsmetaphern

Starke Symbole und abstrakte Metaphern der Politiker werden nach Ansicht von Kommunikationsexperten im "Krieg gegen den Terror" zunehmend zum Problem.

"Kriege", sagt der Politikwissenschaftler Ulrich Sarcinelli, "sind immer Phasen rhetorischer Aufrüstung." Eine kräftige und emotionale Sprache lag in den ersten Tagen des Schocks nach den Anschlägen vom 11. September nahe. Mit zunehmender Kriegsdauer fordern die Experten aber mehr sprachliche Konkretheit und Nüchternheit.

Pest des 21. Jahrhunderts

"Rhetorische Figuren haben seit dem 11. September Füße bekommen", sagt Politikprofessor Sarcinelli, den Studien über Symbolische Politik und Politikvermittlung bekannt gemacht haben. Während US-Präsident Bush "Krieg" gegen einen "Feind im Schatten" erklärt hatte, wählte der russische Präsident Wladimir Putin die Medizinmetapher "Pest des 21. Jahrhunderts" und EU-Kommissionspräsident Romano Prodi das geographische Bild von der "Wasserscheide" der Weltpolitik. In dieser Situation setzte Kanzler Schröder ein, wie Sarcinelli sagt, "hochgradig aufgeladenes Symbol" - und versprach die "uneingeschränkte Solidarität" Deutschlands. "Solche Symbole waren zunächst funktional, sie können bei einer veränderten Lage aber zum Problem werden", warnt der Forscher der Universität Koblenz-Landau.

"Die Bevölkerung wartet darauf, im Problemnebel ein Fernglas zu bekommen", erklärt Sarcinelli. Politiker müssten zeigen, dass sie die Dinge im Griff haben. "Deshalb kommt es in konflikthaften Zeiten auf starke Symbole an, aber es fehlt die Zeit, über die Konsequenzen ausreichend nachzudenken." Was Deutschlands Versprechen von "Solidarität" wirklich bedeuten könne, werde erst allmählich klar. Spekuliert wird über den Einsatz von Spezialeinheiten oder Blauhelmsoldaten.

Verselbstständigung von Metaphern

Martin Löffelholz, Professor für Medienwissenschaft an der Technischen Universität Ilmenau und Herausgeber des Buches "Krieg als Medienereignis", hat zudem eine "Verselbstständigung von Metaphern" festgestellt. "Begriffe werden erfunden", sagt er, "und schleichen sich in die Berichterstattung ein". Zwar sei die Erfindung von Sprachbildern wie "Terrornetzwerk" nicht zu verurteilen, da neue Situationen neue Begriffe nötig machten. Solche Metaphern könnten noch Unbekanntes recht gut einkreisen. Doch für bare Münze oder gar als Handlungsanleitung dürfe eine abstrakte Metapher von Medien und Politikern nicht genommen werden.

"Wer "Terrornetzwerke" feststellt, muss als nächstes "Sicherheitspakete" schnüren", sagt Sarcinelli, "auch wenn man sich unter diesen Netzwerken in Wahrheit zunächst nur eher vage ideologische Verbindungen und gemeinsame Motive vorzustellen hat."

In ihren Büchern haben Sprachwissenschaftler wie Uwe Pörksen ("Plastikwörter") oder Erich Straßner ("Ideologie - Sprache - Politik") beschrieben, wie Politiker im politischen Alltagsbetrieb abstrakte Worthülsen und Leerformeln mit Gefühle schaffenden Leitwörtern mischen. Polit-Rhetorik enthält demnach kaum tiefe Analyse und exakte Argumente - aber wirkt kräftig. Was hat sich hier nach dem 11. September verändert?

Abstrakte Aussagen - "Gefährdungs-" oder "Sicherheitslage"

Auch in der aktuellen Politikersprache gibt es viele abstrakte Aussagen, die für zupackendes Handeln stehen sollen. In Deutschland bestimmt seit den Terroranschlägen die Sorge um die "Gefährdungs-" oder "Sicherheitslage" die innenpolitische Debatte, während es im Äußeren gilt, das Land in "neuen Konstellationen" zu "positionieren". Ob sich eine neue politische Alltagskommunikation herausbilde, sagt Sarcinelli, könne noch nicht entschieden werden. Doch Kritik sei angebracht: "In der politischen Debatte ist eine Geschlossenheit der Standpunkte zu beobachten, wie sie für parlamentarische Demokratien problematisch ist."

Politiker können in Zeiten von Bedrohungsgefühlen seiner Ansicht nach stärker bestimmen, was geredet und in den Medien berichtet wird als in Friedenszeiten. "Journalisten", sagt auch Medienwissenschaftler Löffelholz, "können sich in dieser Situation nur schwer der Sprache von Politikern und Militärs entziehen." In den Medien, lobt er zugleich, sei allerdings in vielen Kommentaren und Analysen auch Nachdenklichkeit zu spüren.

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  • Datum 24.10.2001
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