Reproduktionsmediziner: ″Soll man das austesten?″ | Deutschland | DW | 25.07.2018
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Künstliche Befruchtung

Reproduktionsmediziner: "Soll man das austesten?"

Vor 40 Jahren kam das erste Retortenbaby zur Welt. Was kann und darf die Reproduktionsmedizin heute? Wolfgang Würfel, Mitbegründer des Kinderwunsch-Zentrums München, bezieht im DW-Interview Stellung zu ethischen Grenzen.

Vor vierzig Jahren, am 25. Juli 1978, wurde die Britin Louise Joy Brown geboren - der erste Mensch, der durch künstliche Befruchtung gezeugt wurde. Knapp vier Jahre später gelang auch in Deutschland dieser Durchbruch in der Reproduktionsmedizin. Bis heute wurden schätzungsweise fünf Millionen Babys auf diese Weise gezeugt. Was hat sich seit Louise Brown in der Reproduktionsmedizin verändert?

Deutsche Welle: Allein 2016 gab es in Deutschland mehr als hunderttausend Behandlungen. Wieso ist die Zahl der künstlichen Befruchtungen so rasant angestiegen?

Wolfgang Würfel: Dass diese Nachfrage so zugenommen hat, das hat mit zwei Dingen zu tun: Erstens ist die Sensibilität sehr gewachsen. Die Bevölkerung weiß, dass es so etwas wie ein reproduktives Thema überhaupt gibt. Das wurde früher eher verschwiegen. Und das Zweite ist, dass die Techniken der Reproduktionsmedizin und das Wissen unglaublich zugenommen haben und damit die Möglichkeit, den Paaren bei den verschiedensten Ursachen helfen zu können.

Wie haben sich denn die Chancen, schwanger zu werden, entwickelt, seit 1982 in Deutschland das erste Kind durch künstliche Befruchtung geboren wurde?

Also die Chancen, mit den Techniken der Reproduktionsmedizin schwanger zu werden, haben sich schon sehr verbessert. Das hängt natürlich auch ein bisschen vom Alter der Patientinnen ab, aber man sagt so im Schnitt, dass ein Paar, das drei Zyklen einer künstlichen Befruchtung durchlaufen hat, insgesamt mit einer Schwangerschaftsrate von 60 bis 65 Prozent rechnen darf.

Gibt es Versuche, die Schwangerschaftsrate zu optimieren?

München Mediziner Prof. Dr. Wolfgang Würfel (Lena Florschütz)

Reprorduktionsmediziner Wolfgang Würfel

Dieser Punkt ist insofern heikel, weil die Grenze dessen, was die Reproduktionsmedizin leisten kann, die Fähigkeit eines einzelnen Embryos ist, sich einzunisten und damit zu einer Schwangerschaft zu führen. Wir wissen ja heute, dass sehr viele Embryonen gezeugt werden und auch auf den Weg gehen, die genetische Auffälligkeiten zeigen, die mit einer Schwangerschaft überhaupt nicht in Einklang zu bringen sind. Beispiel: Eine 40-jährige Patientin hat im Schnitt 60 Prozent Embryonen, die genetisch auffällig sind, eine 45-jährige zum Beispiel 90 Prozent und mehr. Da stellt sich die Frage, soll man das austesten? Macht es überhaupt Sinn, solche Eier zu transferieren? Die Antwort ist: Es macht natürlich keinen Sinn, genetisch auffällige Eier zu transferieren. Die Misserfolge sind gewissermaßen vorprogrammiert.

Louise Brown (picture-alliance/dpa/AP Images/The Yomiuri Shimbun/R. Moriya)

Vor 40 Jahren das weltweit erste Retortenbaby: Louise Brown (im Mai 2018)

Machen Sie schon alles, was technisch machbar ist, wo werden Ihnen Grenzen auferlegt?

Es gibt viele Gerichtsurteile auf diesem Gebiet, weil Deutschland in Europa als einziges Land kein Fortpflanzungsmedizin-Gesetz hat und von einer umfassenden Regelung weit entfernt ist. Wirkliche Grenzen gibt es nur in zwei Bereichen: Das eine ist die Eizellen-Spende. Die Frauen gehen für eine fremde Eizelle ins Ausland. Das ist hier gesetzlich verboten und natürlich auch die Leihmutterschaft. Alle anderen Optionen sind in Deutschland möglich - erstaunlicherweise auch die Embryonen-Spende und natürlich auch die genetische Untersuchung an Eizellen, wenn auch in einem gewissen gesetzlichen Rahmen. Das führt dazu, dass die deutsche Reproduktionsmedizin im internationalen Vergleich nicht nur Durchschnitt ist, sondern eher oben. Ganz im Gegensatz zu dem, was immer behauptet wird.

Wo ist für Sie ethisch Schluss?

Bei den künstlichen Befruchtungen handelt es sich um eine Schlüsseltechnologie, wo sie Zugriff bekommen auf Eizellen, Samenzellen und frühe Embryonen. Damit ist es natürlich grundsätzlich möglich und auch denkbar, dass man Eingriffe in die Keimbahnen, in die Genetik vornimmt. Das wäre eine Genmanipulation an Eizellen, Samenzellen oder auch an frühen Eizellen. Das halte ich persönlich für eine sehr bedenkliche Vorgehensweise. Erstens, weil wir gar nicht wissen, was wir da tun. Kein Mensch hat da Erfahrungen. Es ist ein Experiment am Leben, das halte ich für absolut grenzwertig. Selbst wenn es möglich wäre.

Wie sieht die Zukunft der Reproduktionsmedizin aus?

Eines der größten Probleme, und das ist bis heute völlig ungelöst, ist der Kinderwunsch der älteren Frau. Älter heißt jenseits der 40. Die Eizellen sind immer so alt wie die Frau selber, plus sechs Monate. Sie kommen also aus dem dritten Embryonalmonat. Die Eizellen bestimmen letztendlich die Vitalität des Geschehens. Nicht die Spermien. Deshalb sind auch 90 bis 95 Prozent des Befruchtungs-Tourismus ins Ausland der Eizell-Spende geschuldet. Und ich bin mir ziemlich sicher, dass niemand ins Ausland ginge zu einer Eizell-Spende, wenn das mit eigenen Eizellen möglich wäre. Hier an dieser Stelle ist sehr großer Klärungsbedarf und auch Forschungsbedarf.

Der zweite Bereich ist, dass die Reproduktionsmedizin die soziopolitischen, kulturpolitischen Vorstellungen umsetzen soll. Da will ich mich ganz deutlich ausdrücken. Wenn wir beschlossen haben, dass es eine Ehe für alle gibt, dann heißt das im Klartext, wir haben beschlossen, dass alle, ganz gleich in welcher Konstellation, das Recht auf eine Familiengründung haben. Das gilt auch für die homosexuellen Männer. Dann ist auch der Schritt zur Leihmutterschaft nicht mehr weit. Weil es anders einfach nicht geht.

Wolfgang Würfel ist Professor für Gynäkologie und Mitbegründer des Kinderwunsch-Zentrums München.

Das Interview führte Christina Küfner.