Reparationen für koloniale Verbrechen: Zahlen und schweigen? | Europa | DW | 30.05.2021
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Wiedergutmachung

Reparationen für koloniale Verbrechen: Zahlen und schweigen?

Deutschland entschuldigt sich für koloniale Verbrechen im heutigen Namibia und finanziert Hilfsprojekte. Wie gehen andere europäische Länder mit ihrer kolonialen Vergangenheit um und wären Reparationen richtig?

Namibia Deutschland Völkermord an der Herero

Hereros und Namas warten 2011 am Flughafen von Windhoek auf die Rückkehr ihrer Delegation aus Deutschland

Mehr als 100 Jahre nach den Verbrechen der deutschen Kolonialmacht im heutigen Namibia hat die Bundesregierung die Gräueltaten an den Volksgruppen der Herero und Nama am 28. Mai als Völkermord anerkannt und dies auch so benannt.

Doch welche Art von Wiedergutmachung und Entschädigung gegenüber den Opfern und deren Angehörigen wäre angemessen? Und könnte Deutschland mit seinem Vorgehen in Namibia einen Weg jenseits der üblichen Verdrängung der Vergangenheit durch die alten Kolonialmächte Europas aufzeigen?

"Ich glaube, wir sollten sehr vorsichtig sein, wenn wir über Reparationen reden", sagt Kolonialforscherin Olivette Otele im DW-Gespräch. Besser wäre es von "wiederherstellender Gerechtigkeit" zu sprechen.

Die Historikerin forscht an der Universität Bristol vor allem zur kolonialen Vergangenheit in Frankreich und Großbritannien. Ihre Berufung zur ersten schwarzen Geschichtsprofessorin im Land machte Schlagzeilen. 

Prof. Olivette Otele Historikerin Bristol University

Prof. Olivette Otele arbeitet als Historikerin in Großbritannien an der Universität Bristol

Otele denkt bei Reparationen nicht an Einmalzahlungen, sondern an Maßnahmen, die sich den Traumata der Vergangenheit stellen und versuchen, diese in einer irgendeiner Form wieder gut zu machen. Damit könnten Bereiche wie Bildung oder Gesundheit in den ehemals kolonialisierten Ländern unterstützt werden.

"Vor allem sollten wir langfristig denken. Nicht einfach zahlen und glauben, dass unsere Verantwortung damit endet”.

Ein kurzer Blick auf die politische Debatte in dieser Frage in Europa zeigt, wie weit die früheren Kolonialländer noch von solch konstruktiven Ansätzen entfernt sind.

Belgien und der Kongo

Kongogräuel im Kongo-Freistaat

Kongolesen halten die Hände zweier ermordeter Landsleute hoch. Die weißen Missionare dokumentierten die Verbrechen der belgischen Kolonialherren

 Belgien herrschte über den heutigen Kongo in so brutaler Weise, dass sogar die anderen Kolonialmächte der Epoche entsetzt waren. Anfang des 20. Jahrhunderts wurden unter Koenig Leopold II. Millionen von Kongolesen umgebracht und verstümmelt.

Erst 2020, also 60 Jahre nach der Unabhängigkeit des Landes, schickte der belgische Koenig Philippe einen Brief an die Regierung des Kinshasa und drückte sein "tiefstes Bedauern für die Verletzungen der Vergangenheit” aus. Inzwischen gibt es Kritik an gewissen reichen Familien in Belgien, deren Geld weitgehend aus der Ausbeutung des Kongo stammt.  

Italien und Nordafrika

Italien entschuldigte sich 2008 bei einem Besuch des damaligen Premiers Silvio Berlusconi in Libyen offiziell für seine koloniale Verbrechen in Nordafrika in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Berlusconi vereinbarte mit dem damaligen libyschen Herrscher Muammar Gaddafi die Zahlung von vier Milliarden Euro für Infrastruktur-Projekte.

Es ging allerdings eher um einen Deal als um eine Reparation, denn Libyen verpflichtete sich im Gegenzug, mehr Rohöl nach Italien zu exportieren und Flüchtlinge von der Fahrt über das Mittelmeer abzuhalten.

Portugal und der Sklavenhandel

BG 400 Jahre Sklavenhandel Westafrika

Portugiesische Galeeren mit gefesselten Sklaven legen 1482 am Fort "Sao Jorge de Mina" in Guinea ab. Eine Illustration von Giogio Albertini

 Portugiesische Seefahrer waren die Pioniere des transatlantischen Sklavenhandels. Viele Portugiesen sind weiterhin stolz auf die Kühnheit der frühen Seefahrer und verschließen die Augen vor deren Brutalität. Und sie klammerten sich lange an ihre besetzten Gebiete: Angola wurde erst 1975 befreit.

500 Jahre später soll nun das erste Denkmal für die Opfer des Kolonialismus eingeweiht werden. Die Debatte über diese Vergangenheit spaltet immer noch das Land. 

Die Niederlande in Südostasien

2020 zahlten die Niederlande zum ersten Mal eine Entschädigung an die Opfer kolonialer Gewalttaten, die niederländische Truppen in Indonesien begingen. Es geht jedoch nur um kleinere Summen für deren direkte Nachfahren.

Generell lehnen die Niederlande die Zahlung von Reparationen ab. Die Regierung entschuldigte sich inzwischen für die Gewalt, die ihre Truppen vor allem in den vierziger Jahren in Indonesien begingen. Damals wurden in einem sogenannten "Anti-Guerillakrieg” Tausende indonesischer Männer ermordet. Im März dieses Jahres erklärte König Willem Alexander sein offizielles Bedauern.

Frankreichs "unbestreitbare Gewalttaten"

Burkina Faso Besuch Emmauel Macron Universität in Ouagadougou

Präsident Emmanuel Macron bei seinem Besuch im November 2017 in Burkina Faso

Während eines Afrika-Besuches 2017 rief der französische Präsident Emmanuel Macron zur Versöhnung zwischen früheren Kolonialmächten und den kolonisierten Ländern auf. Finanzielle Reparationen lehnte er ab. In einem Fernsehinterview erklärte er, es sei "lächerlich”, wenn Frankreich für die Kolonialzeit "Unterstützungen oder einen Ausgleich zahlen würde”.

Gleichzeitig nannte er die Gewalttaten der europäischen Kolonialmächte "unbestreitbar”. 2001 hatte Frankreich ein bahnbrechendes Gesetz verabschiedet, mit dem der Sklavenhandel als "Verbrechen gegen die Menschlichkeit” klassifiziert wird. Der Unabhängigkeitskrieg in Algerien dagegen spaltet die französische Politik weiter.

"In der Frage ausgleichender Gerechtigkeit ist die Debatte völlig festgefahren", bemerkt Historikerin Otele. Frankreich habe in dieser ganzen Diskussion noch nichts geleistet. Manche Leute glaubten jetzt, dass die Rückgabe von Kunstgütern eine Art Wiedergutmachung sei. "Damit bin ich nicht einverstanden”, sagt sie. 

Grossbritannien und das Empire

David Cameron zu Besuch in Indien

David Cameron drückte in Amritsar als erster britischer Premier sein Bedauern für ein koloniales Massaker aus

 Auch London weist die Idee von Reparationen oder finanziellen Ausgleichszahlungen weit von sich. Und sogar bei der Anerkennung von Unrecht geht es nur langsam voran. Bei seinem Indien-Besuch 2013 entschuldigte sich der damalige Premier David Cameron zwar für die Todesopfer des Massakers von Amritsar 1919. 

Gleichzeitig betonte er aber: "Ich glaube, es gibt eine Menge, worauf man stolz sein kann, was das Empire getan hat." Noch im vorigen Jahr teilten nach Umfragen 43 Prozent der Briten diese Auffassung.

In Einzelfällen zahlte die britische Regierung Entschädigungen, etwa an die Opfer der gewaltsamen Niederschlagung der sogenannten Mau Mau Aufstände in Kenia in den 1950er Jahren. Es blieb jedoch bei einem individuellem Schadensersatz.

Im großen Ganzen stecke das offizielle Großbritannien noch in der Vergangenheit fest, so glaubt Olivette Otele. Mehr noch: Man rede sich diese schön. "Diese Vergangenheit, in der die kolonialen Geschichten großartig und glänzend waren und wo es um die 'Zivilisierung' ferner Völker ging, hat so nie existiert."

Waren manche Länder "fortschrittlicher" als andere?

 Olivette Otele glaubt nicht, dass es in dieser Debatte so etwas wie gute oder schlechte Beispiele gibt. Was man aus der Vergangenheit lerne sei, dass man sie nicht ändern kann.

"Wir müssen lernen, miteinander zu leben, indem wir uns ständig engagieren”. Die Historikerin glaubt dabei nicht, dass ein Staat mit Geld einfach soziale Ungerechtigkeit ausgleichen könne. "Was nützt es, wenn man an eine Gruppe von Leuten (die Regierung) Geld zahlt?”

Allerdings gebe es inzwischen andere Ansätze. In Großbritannien passiere zum  Beispiel jenseits der offiziellen Ebene sehr viel. Stiftungen oder Universitäten würden sich dort für eine wiedergutmachende Gerechtigkeit engagieren und in den nächsten Jahren für den notwendigen Wandel sorgen.

Otele nennt das Beispiel der Universität Glasgow, die mehrere Millionen Pfund in Unterricht und Dialog mit karibischen Ländern investiert habe. "Vielleicht ist das auch nicht die Lösung, aber ich begrüße jede Initiative, die diese traumatische Vergangenheit adressiert”. 

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