Reiche profitieren mehr vom Wachstum | Wirtschaft | DW | 14.12.2017
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Ungleichheit

Reiche profitieren mehr vom Wachstum

Laut einer Studie nehmen nicht alle Menschen gleichermaßen am Aufschwung teil. Mittelschicht und ärmere Menschen hätten in den vergangenen Jahrzehnten kaum vom Wachstum profitiert - das täten vor allem die Wohlhabenden.

Die Schere zwischen Reichen und Menschen mit wenig Einkommen ist einer Studie zufolge in den vergangenen Jahren weltweit fast überall auseinander gegangen. Laut dem "Bericht zur weltweiten Ungleichheit" haben seit 1980 das reichste ein Prozent der Weltbevölkerung ihre Einkünfte mehr als verdoppeln können. Die Mittelklasse habe dagegen kaum profitiert, auch wenn das Wachstum statistisch allen Menschen zu Gute gekommen sei.

Umstrittener Starökonom

Die Studie stammt aus den Daten von rund 100 Wissenschaftlern rund um den französischen Wirtschaftswissenschaftler Thomas Piketty. Der empfiehlt zur Bekämpfung der Ungleichheit unter anderem die Einführung eines globalen Finanzregisters, um Geldwäsche und Steuerflucht zu erschweren. Kindern aus ärmeren Familien müsse der Zugang zu Bildung erleichtert werden. Weitere Instrumente seien progressive Steuersätze, die mit dem Einkommen steigen, sowie eine Verbesserung der betrieblichen Mitbestimmung und angemessene Mindestlöhne. 

Thomas Piketty (picture-alliance/dpa/Bart Maat)

Umstrittener Bestsellerautor: Thomas Piketty

Piketty ist in der Welt der Ökonomen umstritten. Vor allem sein kapitalismuskritisches Bestsellerbuch "Das Kapital im 21. Jahrhundert" hat polarisiert. Während sich viele Linke in ihrer Forderung nach Umverteilung bestätigt sahen, forschten andere nach. Zuletzt zweifelten immer mehr Ökonomen an der Richtigkeit einiger Zahlenreihen zur Vermögensverteilung. Der Chefökonom der Financial Times griff Picketty sogar harsch an: Er haben nicht nur einige Zahlen den falschen Jahren zugeordnet, sondern andere willkürlich angepasst und vermengt - so der Vorwurf. In seinem Buch hatte Pickety die Vermögens und Einkommensdaten aus mehreren Jahrhunderten gesammelt. Die Grundthese: Der Kapitalismus produziere Ungleichheit.

Katar Skyline von Doha (Getty Images/ANOC/M. Runnacles)

Skyline in Doha - im Nahen Osten ist laut den Studienautoren die Ungleichheit am höchsten

Ungleichheit im Nahen Osten am stärksten

Die Ungleichheit wächst laut den Studienautoren global unterschiedlich. Am geringsten ist das Gefälle zwischen Arm und Reich demnach in Europa. Dort verfügten 2016 die oberen zehn Prozent über 37 Prozent des nationalen Einkommens, in Nordamerika waren es 47 Prozent, im Nahen Osten den Angaben zufolge sogar 61 Prozent. "Seit 1980 ist die Einkommensungleichheit in Nordamerika, China, Indien und Russland rasant gestiegen. In Europa verlief der Anstieg moderat", heißt es in der Studie.

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Ausgewertet wurden unter anderem Einkommensteuerdaten. In Deutschland haben die Top 10 Prozent den Angaben zufolge rund 40 Prozent am Gesamteinkommen. "Die unteren 50 Prozent haben in den letzten Jahren massiv an Anteil am Gesamteinkommen verloren. In den 60er Jahren verfügten sie noch über etwa ein Drittel, heute sind es noch 17 Prozent", erläuterte Charlotte Bartels vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW), die die deutschen Daten auswertete. "Einschließlich Sozialtransfers, die mit den Bruttoeinkommen nicht erfasst werden, sehen die Zahlen für die unteren Einkommen vermutlich aber besser aus." Die Mittelschicht ist nach ihren Angaben relativ stabil mit etwa 40 Prozent am Gesamteinkommen. "Insgesamt ist die Einkommensungleichheit in Deutschland heute nicht radikal höher oder radikal niedriger als vor 100 Jahren. Allerdings ist sie seit der Jahrtausendwende gestiegen."

Offene Datenbank

Das Material rund um den nun veröffentlichten "Bericht zur weltweiten Ungleichheit" ist allen zugänglich. Auf der Webseite kann man sich Vermögensdaten rücklaufend bis zum 18. Jahrhundert herunterladen. Nach eigenen Angaben wollen die Forscher mit ihrer Arbeit "eine demokratische Lücke füllen und verschiedenen gesellschaftlichen Akteuren die nötigen Fakten an die Hand geben, um informierte öffentliche Debatten zum Thema Ungleichheit zu führen." Es sei aber nicht das Ziel einen gesellschaftlichen Konsens zum Thema Ungleichheit herzustellen. "Dazu wird es niemals kommen, einfach weil es kein wissenschaftlich erwiesenes Idealmaß an Ungleichheit gibt und erst recht keine allseits akzeptierte Mischung aus politischen Maßnahmen und Institutionen zum Erreichen dieses Maßes", heißt es in der Studie.

Dennoch hat laut den Autoren die Politik erheblichen Einfluss auf die Ursachen für die steigende Ungleichheit. Seit 1980 seien in fast allen Ländern riesige Mengen öffentlichen Vermögens privatisiert worden. "Dadurch verringert sich der Spielraum der Regierungen, der Ungleichheit entgegenzuwirken", argumentieren die Wissenschaftler. In den USA und Großbritannien war das öffentliche Nettovermögen - Vermögenswerte abzüglich Schulden - den Angaben zufolge zuletzt negativ. In Japan, Deutschland und Frankreich nur noch leicht positiv.

nm/hb (dpa, wid.world)