Rappen für sozialen Frieden | Spurensuche | DW | 29.03.2019
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Spurensuche

Rappen für sozialen Frieden

Polizei und Streetgangs im Berliner Weding – da ist für Zündstoff gesorgt. Mit Fußball und Rap überraschen sie die ganze Stadt.

„Die Straße gehört uns!“

Jugendliche Banden prügelten sich auf der Straße, es gab häufige Polizeieinsätze. Kontaktbereichsbeamte gingen nicht mehr allein auf Streife. Bei jedem Einsatz rotteten sich 50 – 80 Bewohner zusammen und behinderten die Polizeiarbeit. Der Grund des Einsatzes war egal; es reichte, dass die Polizei sich zeigte: „Die Straße gehört uns!“

Das war der Soldiner Kiez in Berlin-Wedding vor zehn Jahren. Er gilt als sozial schwach. 80% der Jugendlichen haben einen Migrationshintergrund, rund 70% aller Kinder, die hier leben, kennen Armut.

Heute kommen die Kontaktbereichsbeamten im Soldiner Kiez ebenfalls kaum voran – immer wieder begrüßen sie die Kinder und Jugendlichen, werden angesprochen. Man kennt sich und legt Wert auf einen respektvollen Umgang miteinander. Was ist hier passiert?

 

„Den haben Sie vergessen!“

Vor zehn Jahren wurde es einem jungen Weddinger zu viel. Yousef arbeitete als Honorarkraft in einem Jugendclub und hatte erlebt, dass bei einem Polizeieinsatz auf einem Spielplatz selbst 10-jährige Kinder kontrolliert wurden. Einer der Jugendlichen lief mit einem Kleinkind auf dem Arm zu den Polizisten: „Hier, den haben Sie vergessen zu kontrollieren!“ Wo sollte diese Gewaltspirale enden? Dieser ungleiche Kampf zwischen Jugendlichen und Polizeibeamten war nicht zu gewinnen – übrigens für keine Seite. Denn auch die Polizei war mit ihrem Latein am Ende; zuletzt war einer ihrer Kollegen durch eine Eisenstange schwer verletzt worden.

Yousef war überzeugt: Wenn man sich nur besser kennen lernen würde, kämen die starren Feindbilder ins Wanken.

Er ging zum Polizeiabschnitt 36 und setzte sich mit dem zuständigen Dienstgruppenleiter an einen Tisch. Er lud sie  in seinen Jugendclub ein, vielleicht könnte man mit den Jugendlichen ein gemeinsames Projekt auf die Beine stellen? Etwas gemeinsam erleben? Die beiden Polizeibeamten waren skeptisch; der Jugendclub war bekannt als Treffpunkt in der Drogenszene. Andererseits: Was hatten sie zu verlieren? Viel schlechter konnte die Situation nicht werden.

Den gestandenen Polizisten war mulmig, als sie den Club betraten. Schließlich saßen – bis auf wenige Ausnahmen – jugendliche Straftäter am Tisch, die nur schlechte Erfahrungen mit der Polizei gemacht hatten. Vielleicht wären die Kollegen sogar in Gefahr, wenn man sich auf ein gemeinsames Projekt einließe?

Das neue Miteinander begann an einem Dienstag. Mit einem Essen, das man gemeinsam gekocht hatte. Nur dass es keine typisch deutsche Küche gab, sondern Gerichte aus den Herkunftsländern der Jugendlichen. Dieser Tag ist seither beiden Seiten heilig. Im Polizeijargon heißt das: „Der Dienstag mit den Jugendlichen wird durchgezogen, trotz Personalknappheit und hoher Einsatzdichte.“ Immer mehr Jugendclubs und Schulen fragen an. Vor allem, seit Polizeibeamte mit den Kindern und Jugendlichen gemeinsam Fußball spielen. Nicht auf der Straße oder im Park, sondern in einem alten Mannschaftswagen werden die Mitspieler eingesammelt und zu einer Polizei-Sporthalle transportiert.

 

„Wir sind füreinander da!“

Yousef hat Recht – das gemeinsame positive Erleben, der sportliche Wettkampf, der gegenseitige Respekt haben die Atmosphäre im Kiez zum Guten verändert. Die Sachbeschädigungen und Anzeigen wegen Widerstand – typische Jugenddelikte - sind dramatisch gesunken. Inzwischen umfasst der „KbNa – der Kiezbezogene Netzwerkaufbau e.V.“ über 30 Netzwerkpartner aus dem Wedding, unter anderem Schulen, Kirchengemeinden, Moscheen und den Polizeiabschnitt 36.

Zum 10-jährigen Bestehen des Netzwerkes haben sich Yousef und die Jugendlichen zusammen mit dem Polizeiabschnitt 36 etwas Besonderes einfallen lassen. Ein Musikvideo setzt die Annäherung zwischen Jugendlichen und Polizei musikalisch um. „KbNa – Wir sind füreinander da, setzen ein Zeichen gegen Hass“ rappen Polizisten und Jugendliche. Rund 264.300 Klicks hat das Video inzwischen, das auf YouTube veröffentlicht wurde.

Die Meinungen über diese Aktion gehen weit auseinander: „Cool – ein echter Hingucker“, sagen die einen und: „Mal was ganz anders, was die Polizei da macht: Super!“. Andere wiederum finden das Video peinlich, Anlass zum Fremdschämen. Auch an fremdenfeindlichen Kommentaren mangelt es nicht. Vor allem aber wird kritisiert, dass die Polizei sich bei den Jugendlichen anbiedere anstatt Stärke zu zeigen.

Mit „Anbiedern“ ist wohl gemeint, dass Polizeibeamte die Jugendlichen ernst nehmen. Und zwar so ernst, dass sie einen Liedtext rappen, der von den Jugendlichen selbst stammt: „Reich mir Deine Hand, ich erwidere sie. Keine Feinde, wir sind lieber ein Team!“ Man spricht dieselbe Sprache.

 

„Hier ist keiner fremd“

Die schwierige Annäherung über 10 Jahre hinweg wird trotzdem nicht verleugnet, im Gegenteil: Erst in der Schlusseinstellung des Videos vollendet sich die Begegnung zwischen Jugendlichen und Polizei. Sogar Umarmungen sind zu sehen. Wer hätte sich das vor 10 Jahren vorstellen können?

Es gibt keine Patentrezepte, um Feindschaft zu überwinden. Aber es gehören dazu der Mut, über den eigenen Schatten zu springen, Bereitschaft, sich die Hände zu reichen und Geduld des Herzens. So wie es am Anfang des Videos heißt: „Wir sind alle gleich, hier ist keiner fremd. Kein Hass, hier wird nur Liebe weiter verschenkt.“ 

 

Zur Autorin:

Pfarrerin Marianne Ludwig, Berlin (EDK)

Marianne Ludwig (Jg. 1958) ist seit 1. Sept. 2015 Polizeiseelsorgerin bei der Landespolizei Berlin und beim Zoll in Berlin und Brandenburg. Sie studierte evangelische Theologie und Judaistik in Berlin, Göttingen und Jerusalem. Sie wurde 1989 ordiniert und arbeitet seither überwiegend in der Spezialseelsorge.