Putschversuch in Benin offenbart Nigerias schwindende Macht
24. Dezember 2025
An einem Sonntagmorgen Anfang Dezember erschien eine kleine Gruppe von Soldaten im staatlichen Fernsehsender von Benin und verkündete, dass Patrice Talon "als Präsident der Republik seines Amtes enthoben" worden sei.
Die Meuterer begründeten dies mit der sich verschlechternden Sicherheitslage im Norden Benins, "zusammen mit der Missachtung und Vernachlässigung unserer gefallenen Waffenbrüder" - eine Anspielung auf beninische Soldaten, die bei Zusammenstößen mit bewaffneten Gruppen nahe den Grenzen zu Burkina Faso und Niger getötet worden waren.
Die Nachricht sorgte erneut für Unruhe in Westafrika - einer Region, in der es in letzter Zeit aufgrund der weit verbreiteten Unsicherheit und Wirtschaftskrisen zu einer Zunahme von Staatsstreichen gekommen ist.
Der Putsch wurde durch die schnelle Reaktion loyaler Armee-Einheiten vereitelt, die durch Luftangriffe und Truppen aus dem benachbarten Nigeria unterstützt wurden.
Warum Westafrika von Staatsstreichen heimgesucht wird
Der Tschad, Mali, Niger, Burkina Faso und zuletzt Guinea-Bissau wurden in den letzten Jahren von Militärjuntas übernommen. Jahrzehntelang war Nigeria de facto der "große Bruder" der Region und stellte Afrika in den Mittelpunkt seiner Außenpolitik.
Von seiner Intervention in tödlichen Konflikten in Liberia und Sierra Leone bis hin zu seinem Einfluss auf den westafrikanischen Staatenbund ECOWAS hat Nigeria eine zentrale Rolle bei der Wahrung des Friedens, der Förderung der Demokratie und der Unterstützung der wirtschaftlichen Entwicklung in der Region gespielt.
Im Jahr 2003 war Nigeria, das bevölkerungsreichste Land Afrikas, maßgeblich an der Wiederherstellung der Demokratie in São Tomé und Príncipe und der Wiedereinsetzung von Präsident Fradique de Menezes beteiligt. Er war durch einen Militärputsch gestürzt worden.
Selbst als sein Einfluss schwand, nahm Nigeria eine entschiedene Haltung gegen das ein, was die ECOWAS als "verfassungswidrigen Regierungswechsel” in Gambia Anfang 2017 bezeichnete. Als der langjährige Machthaber Yahya Jammeh seine Wahlniederlage nicht anerkennen wollte, trug Nigeria im Einklang mit ECOWAS und Afrikanischer Union dazu bei, Jammeh zu stürzen und dem siegreichen Geschäftsmann und politischen Neuling Adama Barrow ins Amt zu verhelfen.
"Aufstände und Banditentum"
Heute, geplagt von Unsicherheit und Wirtschaftskrisen, haben Nigerias Bemühungen um die regionale Instabilität nachgelassen, sagen Analysten gegenüber der DW.
Im Jahr 2013 zog Nigeria einen Teil seiner 1200 Soldaten aus der UN-Friedensmission in Mali ab, um die Sicherheit in seiner umkämpften nördlichen Region zu verstärken.
Seit über einem Jahrzehnt sieht sich Nigeria mit einer komplexen Sicherheitskrise konfrontiert: Islamistische Gruppen führen im Nordosten einen blutigen Aufstand, während kriminelle Banden im Nordwesten immer wieder Überfälle verüben.
"Die wirtschaftlichen und sicherheitspolitischen Herausforderungen Nigerias haben das Land isoliert und aus den regionalen Machtverhältnissen verdrängt, da es Truppen zur Bekämpfung interner Terrorbedrohungen in Form von zahlreichen islamistischen Aufständen und Banditentum einsetzen musste", sagt Confidence MacHarry, Analyst bei der in Lagos ansässigen Beratungsfirma SBM Intelligence.
"All dies hat der Wirtschaft des Landes enorm geschadet", so MacHarry. "Das wirkt sich wiederum stark auf seine Fähigkeit aus, regionale Verpflichtungen zu übernehmen."
Nigerias schwindende Rolle in Sicherheitsfragen
Nigeria, die größte Volkswirtschaft Westafrikas und Heimat der Hälfte der Bevölkerung der Region, hat seit langem stark in die ECOWAS investiert. Die westafrikanische Wirtschaftsgemeinschaft ist in Bezug auf Finanzierung, militärische Stärke und politische Führung auf das Land angewiesen.
Ein weniger selbstbewusstes Nigeria bedeutet, dass die ECOWAS Schwierigkeiten hat, ihre Sicherheits- und Demokratiemandate wirksam durchzusetzen.
Im Jahr 2023, nach dem Putsch in Niger, verhängte die ECOWAS eine Reihe von Sanktionen gegen die Regierung in Niamey und drohte sogar mit einer militärischen Intervention. Diese Drohungen konnten zwar nicht umgesetzt werden. Doch sie führten zur Gründung der Allianz der Sahelstaaten (AES), einer Konföderation, die von den von Militärjuntas geführten Staaten Mali, Niger und Burkina Faso gebildet wurde.
"Die inneren Sicherheitsprobleme sind so groß geworden, dass Nigeria es sich nicht leisten kann, bedeutende oder nachhaltige militärische Interventionen außerhalb seiner Grenzen durchzuführen", sagt James Barnett, ein in Lagos ansässiger wissenschaftlicher Mitarbeiter des Hudson Institute, im DW-Gespräch.
Das Militär sei überfordert: "Das war einer der Gründe, warum das Ultimatum der ECOWAS an die Junta in Niger im Jahr 2023 nicht überzeugend war."
Laut Barnett hatten die nigerianischen Streitkräfte Schwierigkeiten, Niamey zu erreichen, da "ein Großteil der umliegenden ländlichen Gebiete von bewaffneten Gruppen besetzt ist".
Ausländische Söldner füllen Machtvakuum
Das Fehlen einer selbstbewussten Führung Nigerias habe nicht nur den regionalen Block geschwächt, sondern auch anderen Akteuren ermöglicht, das Vakuum zu füllen, sagte MacHarry.
Das Vakuum wird insbesondere im Bereich der Verteidigungszusammenarbeit mit ausländischen Söldnern wie der russischen Wagner-Gruppe (jetzt neu formiert als Afrika-Korps) gefüllt. In Mali hat sich das Korps durchgesetzt und seine Aktivitäten auf die Nachbarländer Niger und Burkina Faso ausgeweitet.
Viele dieser Interventionen stehen im Widerspruch zur Außenpolitik Nigerias, die weitgehend pro-westlich ausgerichtet ist. Und laut MacHarry auch für die Region, da diese Akteure "in die Lücke treten und die Glaubwürdigkeit und Führungsrolle Nigerias in der Region erheblich untergraben. Das bedeutet also weniger Zusammenhalt und weniger Integration."
Rückschritte in der Demokratie und Glaubwürdigkeit der ECOWAS
Die jüngsten Parlamentswahlen in Nigeria waren von Unregelmäßigkeiten überschattet. Gleichzeitig kam es zu einer tiefen Spaltung des Landes - eine Lage, die es der ECOWAS noch schwerer macht, die verfassungsmäßige Ordnung in anderen Ländern durchzusetzen.
"Nigeria war über Jahre hinweg eine wichtige Kraft in der ECOWAS, aber nicht die einzige. Die Herausforderungen, denen sich die ECOWAS gegenübersieht, hängen nicht nur mit den wachsenden innenpolitischen Problemen Nigerias zusammen", sagte Barnett.
"Die Tatsache, dass einige westafrikanische Staatschefs fragwürdige oder undemokratische Maßnahmen ergriffen haben, um an der Macht zu bleiben, hat die Glaubwürdigkeit der Gruppe untergraben. Das trägt dazu bei, die Propaganda der AES zu nähren", fügte Barnett hinzu.
Veränderte interne Dynamik
Die Folgen des Rückzugs Nigerias wirken sich direkt auf die interne Dynamik des Landes aus: Die Instabilität im benachbarten Niger und damit auch in Mali und Burkina Faso hat die Befürchtungen vor Ausstrahlungseffekten verstärkt, darunter grenzüberschreitender Waffenschmuggel und die Verlagerung bewaffneter Gruppen aus der Sahelzone.
Allein mit Niger teilt das Land eine 1600 Kilometer lange durchlässige Grenze. Mehr als zwei Jahre hatte Nigeria zusammen mit mehreren anderen ECOWAS-Mitgliedern versucht, den Putsch in Niger rückgängig zu machen. Jetzt seien die Beziehungen zwischen den Ländern angesichts wachsender Sicherheitsbedrohungen entlang der Grenze zwischen Nigeria und Niger frostig, sagte Barnett.
Das habe wahrscheinlich Nigerias Entscheidung beeinflusst, in Benin schnell zu handeln, während der Putschversuch noch im Gange war.
"Nigeria hatte nur ein kleines Zeitfenster, um dazu beizutragen, den Putschversuch in Cotonou zu stoppen", so Barnett. Mit Blick auf Nigerias Präsidenten Bola Tinubu fügt er an: "Hätte er gezögert und wäre der Putsch erfolgreich gewesen, hätte Nigeria zu einer Zeit, in der sich Dschihadisten entlang der Grenze zwischen Benin und Nigeria ausbreiten, mit einem weiteren feindlichen Militärregime in seiner Nachbarschaft konfrontiert gesehen."