Puppenspielen ist out: Mädels am Ball | Fußball | DW | 08.06.2011
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Fußball

Puppenspielen ist out: Mädels am Ball

Fußball – ein Sport für echte Männer und harte Jungs? Mit solchen Klischees können Mädchen heutzutage gar nichts mehr anfangen. Wie selbstverständlich kicken sie im Verein, treten auf dem Platz selbstbewusst auf.

Die Mädchenmanschaft von Altona 93 (Foto: Uli Petersen)

Die Mädchen von Altona 93

Es ist Freitagabend um halb sechs im Hamburger Westen: Die Sonne brennt noch heiß auf den von hohen Bäumen gesäumten, staubigen, roten Ascheplatz am Trenknerweg. Hier bittet jetzt gleich Carsten Nerlich seine C-Jugend-Mädchen von Altona 93 zum Training vor dem Spiel am Sonntag gegen den Walddörfer SV.

In die Kabine verschwunden waren die teils auffällig geschminkten Zwölf- bis 14-Jährigen gerade eben noch in stylischen Klamotten und mit hochgesteckten Haaren, herausgelaufen kommen sie nun mit kurzen Hosen, bunten T-Shirts und Schienbeinschützern bekleidet – bereit, sich 90 Minuten lang die Lunge aus dem Leib zu rennen und auch mal in den Dreck zu werfen.

Mädchenfußball auch in den Schulen

Jugendtrainer Carsten Nerlich (Foto: Uli Petersen)

Jugendtrainer Carsten Nerlich

Dass Mädchen schief angeguckt werden, wenn sie Fußballspielen wollen, das erlebt Trainer Nerlich – er ist seit sechs Jahren bei den Mädchen dabei – heute nicht mehr. "Früher war Mädchenfußball verpönt. Das waren alles große, kräftige Mädchen. Mittlerweile ist der Stellenwert von Mädchenfußball aber doch ganz schön gestiegen", sagt Nerlich. Das zeige sich nicht nur am Boom in den Vereinen, sondern das könne man auch in den Schulen beobachten: "Die haben jetzt in jeder Altersstufe eine Schulmannschaft stehen. Sowas gab es früher gar nicht."

In den Vereinen können die Mädchen dem runden Leder quasi ungebremst hinterher laufen. Für die 14-jährige Mannschaftskapitänin Dilara zum Beispiel gehört der Fußballsport schon seit fünf Jahren zu ihrem Leben wie selbstverständlich dazu: "Ich habe früher mit meinem Bruder zusammengespielt, als ich noch klein war. Dann hat mein Vater hier den Verein Altona 93 gefunden, und ich habe angefangen."

Die Eltern als fördernder Antrieb

Genauso wie Dilara sind auch viele ihrer Mitspielerinnen schon jahrelang im Traditionsverein Altona 93 aktiv. Es soll Eltern geben, die scheuen den Fußball als Sport für ihre Töchter aus Verletzungssorgen oder anderen Gründen. Doch bei den C-Mädchen des AFC ist es anders: Die meisten sind von ihren Eltern nicht gebremst, sondern eher motiviert worden, zum Fußball zu gehen. "Als mein Vater meinte, dass ich nie Sport mache, habe ich ihm gesagt, dass ich schon immer Fußball spielen wollte. Dann sind wir hierhin gegangen", erzählt die zwölf Jahre alte Marlene von ihren ersten Schritten im Vereinsfußball.

Jungs und Mädchen gemeinsam auf dem Platz

Teamkapitän Dilara (Foto: Uli Petersen)

Teamkapitän Dilara

Selbstbewusst und voller Ehrgeiz geben sich die Mädchen, als es im Trainingsspiel in gemischten Mannschaften mit den gleichaltrigen C-Jungs des eigenen Vereins zur Sache geht. Da wird an den T-Shirts gezogen und gezerrt, mal ein bisschen getreten, getrickst und geschossen - "Schiedsrichter" Nerlich lässt das meiste ungeahndet durchgehen.

Das Spiel endet nach knapp einer Stunde schließlich unentschieden – Streit oder böse Worte sind nicht zu vernehmen. Für Trainer Nerlich völlig normal: "Ab und an lassen wir auch die Mädchen gegen die Jungs spielen. Das klappt genauso, wie es eben auch geklappt hat. Die kennen sich ja, sind alle ein Jahrgang, kommen fast alle von der gleichen Schule. Es gibt auch keinen, der mault, der sagt, ich will nicht."

Und wenn dann der 13-jährige Bilal nach dem schweißtreibenden Spiel doch noch mal den Macho raushängen lassen muss, kann man zwischen den Zeilen irgendwie seine Anerkennung für die Leistung der Mädchen lesen: "Man nimmt sie nicht so ernst. Das sind doch keine Gegner. Wir respektieren die, aber auf dem Spielfeld sind wir eiskalte Gegner."

Besser Fußball als Eishockey

Am Spielfeldrand haben während der 90 Trainingsminuten Ortwin und Tanja Schober gesessen, die schon seit Jahren als Betreuer der Altonaer Jugendmannschaften dabei sind. Während Tanja den lädierten Knöchel von Abdullah mit Eisspray kühlt, denken sie und ihr Mann zurück an den fußballerischen Werdegang ihrer bald 23-jährigen Tochter Melanie: Die heutige Erzieherin begann mit dem Fußball Ende der 90er Jahre im Alter von etwa zehn Jahren.

Zwar sei die Anerkennung für fußballspielende Mädchen damals noch geringer gewesen, aber für die Eltern war immer klar: Fußball ist garantiert kein Sport nur für Männer und Jungs – unsere Tochter darf und soll sogar unbedingt kicken. "Wichtig ist doch, dass jedes Kind sich irgendwo entwickelt. Ob das jetzt ein Mädchen ist oder ein Junge, völlig egal. Und in welcher Sportart auch immer", sagt Ortwin. Und mit einem Augenzwinkern ergänzt seine Frau: "Ich habe früher Eishockey gespielt. Da war es für mich in Ordnung, dass meine Tochter Fußball spielt..."

Kick it like Girls

Jennifer (Foto: Altona 93)

Jennifer - Multikulti ist bei Altona 93 normal

Selbstbewusst hätte Melanie nörgelnden Jungs in der Schule schnell die Argumente genommen, wenn sie denn den Vergleich mit ihr auf dem Platz angenommen hätten: "Dann hat sie den Jungs gezeigt, dass Mädchen besser Fußball spielen können als Jungs. Dann war die Sache klar", so Tanja Schober. Noch heute, jetzt fast 23 Jahre alt, spielt Melanie Fußball – mittlerweile in der ersten Damen-Mannschaft von Altona 93.

Auch Dilara musste sich vor ein paar Jahren noch dummes Gequatsche in der Schule anhören. Doch die 14-Jährige hatte durch den Fußball längst genug Selbstvertrauen getankt: "Das hat mir nichts ausgemacht. Ich habe immer weitergespielt. Und jetzt kommen alle damit klar. Ich bekomme auch keine so blöden Sprüche mehr zu hören."

All das sind nur weitere Belege dafür, dass Mädchenfußball – nicht nur in Hamburg-Altona - längst das Normalste auf der Welt ist.

Autor: Uli Petersen
Redaktion: Wolfgang van Kann

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