Pulverfass Zentralafrikanische Republik | Afrika | DW | 10.12.2013
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Afrika

Pulverfass Zentralafrikanische Republik

Trotz des verstärkten Truppenaufgebots Frankreichs und der Afrikanischen Union geht das Morden weiter. Die bisherigen Anstrengungen reichen nicht zur Stabilisierung der Zentralafrikanischen Republik, warnen Kritiker.

Nach nur wenigen Tagen ist die internationale Militäroperation in der Zentralafrikanischen Republik in vollem Gange: Am Donnerstag (05.12.2013) hatte der Weltsicherheitsrat einem Militäreinsatz zugestimmt. Seitdem hat Frankreich bereits mehrere hundert Soldaten in den Krisenstaat verlegt. Die Afrikanische Union (AU) will ihre Friedenstruppe bald von 2500 auf 6000 Soldaten aufstocken.

Die französische Armee hat bereits mit der Entwaffnung von Milizen in der Hauptstadt Bangui begonnen. Die Aktion verlaufe zum Auftakt „ziemlich gut“, meldete der Generalstab in Paris. Doch es gab auch schon einen ersten Rückschlag: Zwei französische Fallschirmjäger wurden in der Nacht zum Dienstag (10.12.2013) bei Kämpfen in Bangui getötet. Bei einem Truppenbesuch in Bangui verneigte sich der französische Präsident François Hollande vor den Särgen. Die Mission in der Zentralafrikanischen Republik sei "gefährlich, aber notwendig, um hier ein Blutbad zu verhindern", sagte er.

Französische Truppen patrouillieren in Zentralafrikanischer Republik

Unter den französischen Soldaten sind die ersten Verluste zu beklagen

"Der Widerstand gegen die Entwaffnung war zu erwarten", glaubt Thierry Vircoulon, Zentralafrika-Direktor des Thinktanks International Crisis Group. Die Rebellen haben nie gesagt, dass sie bereit seien, die Waffen niederzulegen." Die zentralafrikanische Übergangsregierung habe bereits seit einigen Monaten erfolglos versucht, sie davon zu überzeugen." Inzwischen gibt es Berichte, dass entwaffnete Muslime von christlichen Milizen auf offener Straße gelyncht wurden.

Beobachtern zufolge dürfte die Befriedung der Zentralafrikanischen Republik trotz der jüngsten Verstärkungen auch für die internationalen Truppen schwieriger werden, als etwas von der französischen Regierung gedacht. Frankreichs Verteidigungsminister Jean-Yves Le Drian hatte einen "kurzen Einsatz" angekündigt, "um Ruhe und Stabilität zurückkehren zu lassen."

Ein Präsident ohne Macht

Der Präsident der Zentralafrikanischen Republik, Michel Djotodia, wirkt wie gelähmt angesichts der Gräueltaten, die Tag für Tag in seinem Land verübt werden. Auf die Séléka-Rebellen, die ihm im März zur Macht verholfen haben, hat er keinerlei Einfluss mehr: Den Rebellen gehören viele Kämpfer aus den Nachbarländern Tschad und Sudan an. Sie haben große Gebiete der Zentralafrikanischen Republik unter ihrer Kontrolle und lassen sich von niemandem etwas vorschreiben.

Michel Djotodia

Michel Djotodia, selbsternannter Präsident der Zentralafrikanischen Republik

Auch wenn Djotodia die Intervention der internationalen Gemeinschaft willkommen heißt - auf Unterstützung zentralafrikanischer Sicherheitskräfte können die Soldaten der Afrikanischen Union und die Truppen aus Frankreich kaum hoffen. “Die nationale Armee ist in einer extrem schlechten Verfassung, sie ist quasi inexistent. Und innerhalb der Streitkräfte gibt es nach wie vor solche, die mit den Séléka-Rebellen zusammenarbeiten“, so die Einschätzung von Jean-Claude Allard, Forschungsdirektor am Institut für Internationale und Strategische Beziehungen in Paris. Es werde extrem schwierig, mit der momentanen Stärke der internationalen Truppen Sicherheit herzustellen.

Stabilität, aber keine Normalität

“Einige tausend Soldaten der AU und aus Frankreich reichen nicht aus, um den Frieden zu sichern, humanitäre Hilfe möglich zu machen und eine politische Lösung auf den Weg zu bringen“, glaubt auch Lewis Mudge, Afrika-Referent der Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch. Wichtig sei außerdem, die Missstände zu beheben, die überhaupt erst zur Séléka-Rebellion geführt hätten: Die muslimische Bevölkerung im Nordosten des Landes sei von der Regierung in Bangui stark vernachlässigt worden. “Séléka-Kämpfer haben zu mir gesagt, dass sie, bevor sie nach Bangui kamen, noch nie eine asphaltierte Straße gesehen hätten. Es müssen dringend die anderen großen Regionen in das Entwicklungsprogramm des Landes einbezogen werden!“

Entwicklung ist aber inzwischen in allen Landesteilen in weite Ferne gerückt. Viele Straßen sind nicht mehr befahrbar, der wichtige Handel mit dem Nachbarland Kamerun ist zum Erliegen gekommen. Hilfsorganisationen schätzen, dass eine halbe Million Menschen aus ihren Heimatdörfern geflohen sind. Doppelt so viele sind nicht mehr in der Lage, ihren täglichen Bedarf an Nahrungsmitteln selbst zu decken. Hunderttausende Existenzen liegen in Schutt und Asche. Alleine in der Hauptstadt Bangui kamen bei Gefechten in den vergangenen Tagen etwa 400 Menschen ums Leben. Auch wenn es den internationalen Truppen gelingt, Stabilität in der Zentralafrikanischen Republik herzustellen - bis zur Normalität ist es noch ein sehr weiter Weg.

Religion als Brandbeschleuniger

Anti-Balaka

Die Anti-Balaka setzt sich gegen Séléka-Rebellen und andere Muslime zur Wehr

Vor einem guten Jahr hatte die erneute Welle der Gewalt in der Zentralafrikanischen Republik begonnen. Die Rebellenkoalition Séléka eroberte große Teile des Landes. Im März drangen sie in die Hauptstadt Bangui vor. Der bisherige Präsident François Bozizé floh, Rebellenchef Michel Djotodia ernannte sich selbst zum neuen Staatschef. Im September löste er das Rebellen-Bündnis zwar offiziell auf, doch ehemalige Kämpfer der Séléka verüben weiter Gewalttaten an der Zivilbevölkerung. Als Reaktion darauf bildeten sich lokale Selbstverteidigungsgruppen, die Anti-Balaka. Viele von ihnen kooperieren mit den Anhängern des gestürzten Präsidenten Bozizé.

Zum politischen Konflikt kommt die religiöse Komponente: Die Séléka-Rebellen sind Muslime, wie etwa 15 Prozent der zentralafrikanischen Bevölkerung. Die Anti-Balaka setzt alle Muslime mit der Séléka gleich und ermordet auch Zivilisten und brennt ihre Dörfer nieder. Bislang hatten Christen und Muslime in der Zentralafrikanischen Republik weitgehend friedlich zusammengelebt. Doch nun sehen sich die Menschen gezwungen, entsprechend ihrer Religion für eine der Seiten Partei zu ergreifen - in der Hoffnung auf Schutz.

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