Profifußballer: Nach außen ganz hart, doch innen? | Sport | DW | 04.05.2021
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Sport und Gesundheit

Profifußballer: Nach außen ganz hart, doch innen?

Fußballprofi müsste man sein, denken viele. Denn die verdienen gut, stehen im Rampenlicht, stehen für Erfolg und Gesundheit. Aber wie es den Stars psychisch geht, wird oft nicht gesehen. Dabei haben auch sie Probleme.

Darmstadts Victor Palsson hockt nach Spielende auf dem Spielfeld

"Es trifft alle gleich hart": Victor Palsson von Darmstadt 98

Vor zwei Wochen gab Victor Palsson, Mittelfeldspieler des Zweitligisten SV Darmstadt und der isländischen Fußball-Nationalmannschaft ein emotionales Interview. Der 29-Jährige sprach über die Trauer nach dem Tod seiner Mutter, wie er vor seinem dreijährigen Sohn geweint und acht Kilo abgenommen habe in dieser, wie er es nannte, "dunklen Zeit".  

Dass ein Fußballer wie Palsson offen über seine psychische Gesundheit spricht, ist ein Indiz dafür, dass die Gesellschaft offener und sensibler für dieses Thema geworden ist. Aber gilt das auch für den Profifußball? "Speziell im Profisport wird oft vorgelebt, dass es wichtig ist, immer stark zu sein und weiterzumachen", sagte Palsson in einem Interview auf der Homepage seines Vereins. "Es muss okay und akzeptiert sein, mentale Probleme zu haben und deshalb nach Hilfe zu fragen." 

Silberstreif am Horizont  

Im Zuge der Corona-Pandemie ist das Thema psychische Gesundheit in vielen Bereichen der Gesellschaft stärker in den Fokus gerückt. "Bei solchen Dingen sind wir doch alle wieder gleich", sagt der Sportpsychologe Thorsten Leber der DW. "Da hilft dir nicht, ob du Fußballprofi bist oder Putzfrau. Es trifft alle gleich hart." 

Die Pandemie habe die Einstellung zur psychischen Gesundheit tiefgreifend verändert, findet auch Alex Mills von "Sporting Chance", einer große britischen Wohltätigkeitsorganisation für psychische Gesundheit im Sport. "Die Pandemie hat für einen Silberstreif am Horizont in einer schrecklichen Situation gesorgt, für eine bedeutende Veränderung", sagt Mills der DW. "Wenn man sich mit seiner psychischen Gesundheit auseinandersetzt, muss es nicht um Extreme gehen. Denn das verkennt den Zusammenhang zwischen der eigenen emotionalen Kompetenz, wie man seine Gedanken und Gefühle verarbeitet, Bewältigungsmechanismen einsetzt, Resilienz aufbaut, einschließlich der Bitte um Hilfe und Unterstützung. Es gibt eine Chance für Gespräche im Sport, genau dort anzusetzen." 

Leistung statt ganzheitlichem Wohlbefinden 

Dennoch herrscht vielerorts im Profisport noch der Eindruck vor, dass Gefühle der Leistung im Wege stehen. Warum dies so ist, erklärt Jonas Baer-Hoffman, Generalsekretär der internationalen Spielergewerkschaft FIFPro, der DW: "Wir haben zwar die Aufmerksamkeit mehr auf die psychische Gesundheit gelenkt, aber aus einer Leistungsperspektive heraus. Die Leistungsfähigkeit soll optimiert werden. Wir blicken nicht auf das ganzheitliche Wohlbefinden."

 

Es mutet paradox an, ausgerechnet in einer Umgebung, die auf Hochleistung angelegt ist, auf gute mentale Gesundheit achten zu wollen. "Das ist schon ein Widerspruch im Profisport", räumt Sportpsychologe Leber ein. "Ich finde, es gibt einzelne Trainer oder auch Vereine, die es sehr gut umsetzen, Spieler in einer schwierigen Lage oder gar Krise zu schützen. Oft hängt es an einer einzigen Person. Wenn der Cheftrainer das Problem wichtig nimmt, sind oft auch Schutz und Verständnis für den Spieler da." 

Aber wie viele Spieler öffnen sich überhaupt gegenüber ihrem Trainer und sprechen mögliche psychische Probleme an? Der ehemalige englische Nationalverteidiger Danny Rose tat es, seitdem wurde er deutlich seltener eingesetzt. "Natürlich gibt es auch einige Spieler, die sich Hilfe holen, aber nicht öffentlich darüber reden", sagt Leber. "Das kann man verstehen. Denn mit dem Eingeständnis einer Krise machst du dich auch angreifbar, gegenüber den Fans oder auch der Presse. Man weiß leider nie, wie die Öffentlichkeit darauf reagiert."  

Die Vorgänge um die zunächst verkündete, dann wieder zurückgenommene Super League dürften nicht gerade dazu beigetragen haben, dass Spieler sich öffentlich über ihren Gemütszustand äußern. Sie wurden in die Planungen der beteiligten Klubs für den neuen Wettbewerb gar nicht erst einbezogen. "Ich denke, die Spieler haben in den vergangenen zehn Tagen ziemlich stark gespürt, wie sehr sie inzwischen zur Ware gemacht werden", sagt FIFPro-Generalsekretär Baer-Hoffmann. "Die Spieler befinden sich an einem Reibungspunkt. Der Kommerz verlangt von ihnen, sich still zu verhalten. Auf der anderen Seite würden sie gerne über ihre verschiedenen Plattformen das ausdrücken, was ihnen persönlich wichtig ist. Ich denke, diese Reibung wirkt sich negativ auf ihr mentales Befinden aus." 

Danny Rose Fußballspieler Newcastle United

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Global unterschiedlich 

Baer-Hoffmann verweist auf weltweit große Unterschiede. "In den meisten Ländern, in denen wir arbeiten, hatte das Thema psychische Gesundheit während der Pandemie keine Priorität für die Entscheidungsträger. Wenn ich nicht mal das Geld habe, um meine Mannschaft zu bezahlen, kann ich mir auch keinen Psychologen leisten. Das ist legitim", sagt der Gewerkschafter. "Aber wir haben auch Länder, in denen die Verbände einseitig die Gehälter um 70 Prozent kürzen, obwohl die Spieler dort nur ein- bis zweitausend Dollar im Monat verdienen. Das zeigt an sich schon eine völlige Missachtung der psychischen oder physischen Gesundheit." 

Auch im Frauenfußball liegt in dieser Hinsicht vieles im Argen. Kurze Laufzeiten von Verträgen, geringe Einkommen, dazu womöglich das Leben in einem fremden Land - all dies sorgt auch bei vielen Fußballerinnen in Zeiten der Pandemie für eine emotionale Herausforderung.  

Das Engagement der Premier League in Sachen mentale Gesundheit geht nach Ansicht von Alex Mills von "Sporting Chance" in die richtige Richtung. In jedem Klub muss es ein Vorstandsmitglied geben, das speziell für psychische Gesundheit zuständig ist. Die Spieler der ersten Mannschaft sind verpflichtet, an Schulungen zu diesem Thema teilzunehmen. "Die Premier League verlangt von den Vereinen sehr stark strukturelle Veränderungen", sagt Mills. "Wenn man sagt: 'Niemand darf wegen seiner psychischen Gesundheit diskriminiert werden', bedeutet das in der Folge auch, dass diese Menschen unterstützt und nicht anders behandelt werden." 

Adaption: Stefan Nestler

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