Presseschau: ″Die wahre Nacht des Brexits″ | Aktuell Europa | DW | 13.12.2019
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Wahl Großbritannien

Presseschau: "Die wahre Nacht des Brexits"

Boris Johnson hat mit einer breiten Mehrheit die Parlamentswahl in Großbritannien für sich entschieden. Der Sieg der Konservativen fand in britischen und internationalen Medien ein breites Echo.

Über die Landesgrenzen Großbritanniens hinweg analysieren Medien am Tag nach der Wahl den immensen Vorsprung, den Boris Johnson erzielen konnte. Die britische "The Times" schreibt, Johnson sei ein "außergewöhnliches politisches Manöver" gelungen. "Er übernahm die Führung der Konservativen in einem Moment, in dem seine Partei zwischen der Brexit-Partei und den Liberaldemokraten kurz vor dem Zusammenbruch zu stehen schien. Jetzt hat er einen großen Sieg errungen."

Damit sei nun ein Brexit zum 31. Januar so gut wie sicher, ist sich die Presse einig. "Die gute Nachricht ist, dass drei Jahre der politischen Lähmung vorbei sind. Endlich ist, ob gut oder schlecht, der Weg zum Brexit klar", schreibt die britische "Financial Times".

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Johnson: "Ein starkes neues Mandat"

Und die "Corriere della Sera" aus Italien fügt hinzu: "Die wahre Nacht des Brexits ist diese hier. Wenn die Prognosen sich bestätigen, könnte der Premier jetzt einen größeren Handlungsspielraum haben: auch, um einen weichen Austritt zu verhandeln, der die Rechte der ausländischen Arbeitnehmer und die Freiheit des Handelsaustauschs garantiert. Boris Johnson hatte für diese historischen Wahlen auf den Brexit gesetzt. Er hat gewonnen." Allerdings, analysieren mehrere Zeitungen, müsse Johnson nun beweisen, dass sein Wahlslogan "Bringen wir den Brexit hinter uns" mit Inhalt ausgefüllt werden müsse.

Infografik - UK Wahlen - DE

 

Die "Neue Zürcher Zeitung" (NZZ) untersucht, warum sich vor allem die britische Wirtschaft erleichtert über das starke Abschneiden der Konservativen zeigt. Das hinge weniger mit dem Brexit zusammen, als vielmehr mit der "sozialistische Agenda", die Labour unter Jeremy Corbyn verfolge. Dazu zähle die Absicht einer Verstaatlichung von Eisenbahnbetreibern sowie Energie- und Wasserversorgern. "Nicht wenigen Wirtschaftsvertretern galt eine Regierung mit dem Labour-Kandidaten Jeremy Corbyn als Premierminister als schlimmeres Szenario als selbst ein harter Brexit", schreibt die NZZ.

Kritik am politischen Stil

Breites Medienecho fand die Kritik an der Wahlkampfführung und dem Auftreten Johnsons. Der britische "Independent" schreibt von einer sich verändernden politischen Landschaft. Man könne eine "Trumpifizierung der britischen Politik" beobachten, eine "Umformung des alten konservativen Bundes in eine getriebene populistische Bewegung ohne feste Grundsätze und mit mehr als nur Anzeichen eines Personenkults." 

Und der deutsche Spiegel-Journalist Jonas Schaible bezeichnet Johnson auf Twitter als "lügenden Lead-Destructor".

Eine Stimme gegen Corbyn, nicht für Johnson

Doch auch der unterlegene Labour-Chef Jeremy Corbyn muss Kritik einstecken. Die britische "Times" analysiert, Corbyn habe dafür gesorgt, dass auch gemäßigtere Konservative "Torries" gewählt hätten, "obwohl sie Zweifel an Boris Johnson hatten."

Großbritannien | Wahlkampf Jeremy Corbyn (Getty Images/AFP/O. Scarff)

Corbyn hat das schlechteste Labour-Ergebnis seit fast 80 Jahren eingefahren

 Thomas Mayer, Redaktions-Gründungsmitglied des österreichischen "Standard", bescheinigt Corbyn auf Twitter eine "ideologische Blindheit"

 Das aus den Niederlanden stammende "NRC Handelsblad" analysiert, der Wahlsieg Johnson gründe sich vor allem in Mittel- und Nordengland, und dort in "Städten, die jahrzehntelang, manchmal fast hundert Jahre lang in den Händen von Labour waren." Dort sei die Armut groß und der Brexit gewollt, das sollten die Konservativen im Blick behalten.

Jüdische Stimmen zeigen sich erleichtert

Angesichts anhaltender Antisemitismus-Vorwürfe sowohl gegen Corbyn selbst, als auch die Labour-Partei, melden sich auch jüdische Presse-Stimmen zu Wort. Die israelische Internetzeitung "Times of Israel" spricht von einem "Aufatmen der britischen Juden". Die Zeitung weist daraufhin, dass die Wahl für viele britische Juden eine Schicksalswahl dargestellt hätte, da sie Labour einen strukturellen Antisemitismus vorwerfen. 

Großbritannien London Parlamentswahlen Protest Juden (picture-alliance/NurPhoto/B. Zawrzel)

Auch diese Gruppe Gegendemonstranten auf Corbyns letzter Wahlkampfveranstaltung wurde später am Abend antisemitisch beschimpft

Lesen Sie dazu: Großbritanniens wütender Rabbiner

Der jüdische Journalist Stephen Pollard von der britischen "The Jewish Chronicle" zeigte sich auf Twitter erleichtert über das Wahlergebnis.

Pollard verweist auf eine Erkenntnis unter britischen Juden, die bleiben werde: Die Bereitschaft "sogenannter Verbündeter", den Schulterschluss mit Corbyn zu suchen.

lh/rb (mit dpa, rtr, nzz, times of israel)

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