Postkarte aus Srebrenica: Das stille Leiden | Fokus Südosteuropa | DW | 08.07.2010
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Fokus Südosteuropa

Postkarte aus Srebrenica: Das stille Leiden

20 Jahre ist es her, seit ich das letzte Mal in Srebrenica war. Es ist ein heißer Nachmittag, als ich ankomme. Zwischen meinem Besuch damals und heute liegt eine Tragödie: der Völkermord von 1995.

Eine traurige Frau im Friedhof (Foto: dpa)

Bosnien gedenkt der Opfer des Srebrenica-Massaker

Im Zentrum von Srebrenica steige ich aus dem kleinen und heißen Bus. Die erste Frage ist: Wo werde ich wohnen? Ich weiß, dass es das Hotel "Domavija" und das Kurbad "Guber" nicht mehr gibt. Vor dem Krieg übernachteten dort viele Touristen. Srebrenica war eine der entwickeltsten Gemeinden in Bosnien-Herzegowina. Heute muss man sich eine private Unterkunft suchen. "Ich bringe dich zu meiner Suada. Da habe ich drei Monate gewohnt", sagt Ajla Selimadžovic, meine Mitreisende. Suada Sirucic empfängt mich wie ein Mitglied der Familie, obwohl wir uns zum ersten Mal im Leben sehen.

Lebendige Erinnerung

Suada Sirucic, Rückkehrin in Srebrenica (Foto: Ljiljana Pirolic / DW)

Suada Sirucic ist zurückgekehrt

Sie ist eine schöne Frau, aber die Vergangenheit hat in ihrem Gesicht Spuren hinterlassen. In den Gesichten vieler Menschen hier lässt sich lesen: "Oh, wie schön es wäre, wenn wir die Vergangenheit rückgängig machen könnten." Diese Vergangenheit ist grausam: Im Juli 1995 wurden über 7000 bosnische Muslime von der Armee der bosnischen Serben ermordet.

Suada serviert mir Kaffee und bringt Süßigkeiten. So ist es überall in Bosnien-Herzegowina: Wenn ein Gast kommt, egal ob bekannt oder fremd, bietet man alles, was man hat, an. So ist es in diesem wunderschönen und unglücklichen Land.

Keine Perspektive für Srebrenica?

Beim Kaffeetrinken beginnt Suada zu erzählen. "Es gibt keine Menschen hier, das ist das Hauptproblem von Srebrenica. Es gibt keine Arbeit, keine neuen Investitionen. Fabriken wurden zerstört und geschlossen. Die Menschen haben ihre Jobs verloren. Die junge Leuten würden wahrscheinlich zurück kommen, aber wie und wohin?", fragt sie sich. Eine Antwort auf diese Fragen gibt es nicht.

Suadas Mann ist 1999 als einer der ersten in die Stadt zurückgekehrt. Drei Jahre später folgte ihr Sohn. "Srebrenica hat sich verändert: Alles ist leer und diese Leere tötet auch die Hoffnung der Menschen. Mein Mann hat sich vor drei Monaten umgebracht. Er hat als Beamter in der Gemeinde gearbeitet. Wir haben das Haus renoviert... er hat alles getan, um das Leben in Srebrenica erträglich zu machen. Ich weiß es nicht, wieso er Selbstmord begangen hat. Niemand weiß das", erzählt Suada.

"All dies wurde in Brand gesetzt"

Zwei bosnische Frauen trauern an einem Massengrab (Foto: AP)

Tragische Vergangenheit und traurige Gegenwart

Ajla Selimadžovic erklärt mir später, dass es in Srebrenica allein in den vergangenen drei Monaten sechs Selbstmorde gegeben habe. Da ist viel für eine Stadt mit rund 10.000 Einwohnern. Und für eine Stadt wie Srebrenica, wo es einen Völkermord gegeben hat, ist es sowieso viel zu viel. "Alles hier wurde damals in Brand gesetzt. Ohne meinen Mann gäbe es gar nichts. Inzwischen sind auch seine Eltern gestorben. Sein Bruder wurde schon 1992 getötet. Für meine Kinder und für mich ist es sehr schwer, ohne Vater und Ehemann zu leben ", sagt Suada.

Sie ist überzeugt, dass die Situation nur durch gemeinsames Engagement der Menschen verändert werden kann. Zur Beerdigung ihres Mannes sei ganz Srebrenica gekommen: sowohl Serben als auch Muslime. Die ethnischen Beziehungen hätten sich inzwischen normalisiert, sagt Suada. Zumindest ihre Familie hat keine Probleme. Sie feiern gemeinsam mit ihren Nachbarn religiöse Feiertage wie Bajram oder Ostern. Auch früher haben sie gut zusammen gelebt, aber heute viele flüchten aus Srebrenica. "Warum?" Suada weiß es nicht.

Die Stille

Gedenkstätte Potocari (Foto: DW)

Gedenkstätte Potocari

Später, auf dem Weg zur Gedenkstätte in Potocari, habe ich genug Zeit, nachzudenken. Es ist seltsam, dass es in Srebrenica kein Zentrum für die psychologische Betreuung und Unterstützung der Opfer gibt. Eine solche Hilfe wäre für viele Menschen willkommen. Vor der Gedenkstätte in Potocari ist ein großes Polizeiaufgebot versammelt. Jemand hat am Mast die Kriegsflagge der Armee von Bosnien-Herzegowina gehisst. Wer braucht eine solche Provokation an einem solchen heiligen Ort?!

Ich treffe Ibrahim Hadžic, einen Richter des Kanton-Gerichts in Sarajevo. Er war an der Aufklärung der Kriegsverbrechen beteiligt. "Es fällt mir sehr schwer, hier zu reden. Ich habe etwa 3000 Opfer exhumiert - in Foca, Rogatica, Sarajevo und Sokolac. An diesem Ort habe ich sechs Leichen exhumiert", sagt er. Dann schweigen wir beide, eine lange Zeit...

"Ist es nicht schrecklich, dass der Hauptschuldige für alle diese Verbrechen immer noch auf dem freiem Fuß ist?", frage ich. "So denkt jeder normale Mensch. Die Menschen, die ihn schützen, sind wie er. Ich glaube nicht, dass Ratko Mladic nicht verhaftet werden kann. Viele Menschen wissen, wo er sich befindet und wo er sich versteckt", antwortet Hadžic.

Autor: Ljiljana Pirolic
Redaktion: Bahri Cani / Julia Kuckelkorn 

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