Politik als Droge - wie Politiker mit dem Druck umgehen | Deutschland | DW | 04.09.2013
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Deutschland

Politik als Droge - wie Politiker mit dem Druck umgehen

Politiker arbeiten oft 70 bis 80 Stunden in der Woche und ernten viel Kritik und Ablehnung. Einige macht die permanente Belastung krank. Dennoch können viele nicht von der Macht lassen.

Wer Bundeskanzlerin Angela Merkel in der jüngsten Vergangenheit in die Augen sah, konnte erkennen: Die CDU-Politikerin wirkt müde. Trotzdem macht sie im Wahlkampf immer wieder klar, dass sie nach acht Jahren als Bundeskanzlerin längst nicht amtsmüde ist. "Ihre Physis ist bewundernswert, und wie unglaublich sie sich in Dinge einarbeitet", lobt Wolfgang Clement, langjähriger politischer Kontrahent Merkels. Wie auch Merkel kommt der frühere Bundesminister für Wirtschaft und Arbeit und NRW-Ministerpräsident (damals SPD) mit wenig Schlaf aus. Und auch mit 73 Jahren läuft er jeden Morgen zehn Kilometer und macht 40 Liegestütze.

Politiker sein - ein entspannter Job? Nicht für die Spitzenkräfte. Doch obwohl einige den harten Anforderungen nicht dauerhaft gewachsen zu sein scheinen, können viele einfach nicht aufhören - für sie ist Politik wie eine Droge.

Wolfgang Clement: "Amtszeit beschränken"

Ginge es nach Clement, müssten politische Spitzenkräfte nach acht Jahren ihr Amt niederlegen. "Mehr als zwei Legislaturperioden in einem Amt sind nicht durchzuhalten, jedenfalls nicht kreativ", sagt er. Bundeskanzlerin Angela Merkel denkt nicht an Rücktritt. Sie weiß aber, dass sie es sich nicht leisten kann, Energie zu verschwenden. Zu ihrem Erfolgsgeheimnis gehört, dass sie nüchtern, pragmatisch agiert. Sie konzentriere sich zu 100 Prozent auf ihre Arbeit, sagt ihr Parteikollege Wolfgang Bosbach der Deutschen Welle: "Ihr Zeitablauf ist wirklich sekundengenau geplant. Und sie verfügt über gute Mitarbeiter, die sich mit der Arbeit identifizieren können, die die Organisation regeln und die Kommunikation übernehmen."

Der frühere Superminister Wolfgang Clement (Foto: Andreas Rentz/Getty Images)

Als Berater gut im Geschäft: Wolfgang Clement

Merkel schreibt Kurznachrichten von ihrem Handy statt zu telefonieren, wo und wann es geht, und isst auch mal einen Teller Linsensuppe am Schreibtisch im Kanzleramt. Sie raucht nicht, trinkt kaum Kaffee und Alkohol und soll keine Süßigkeiten essen. Außerdem entspannt die Bundeskanzlerin bei klassischer Musik. Sie gilt nicht als eitel, greift morgens zu einem ihrer Blazer, die sich nur in der Farbe unterscheiden, und belastet sich nicht damit, Urlaubskataloge zu wälzen, sondern fährt immer an die gleichen Orte: Im Winter nach Pontresina zum Skilanglaufen, im Sommer tankt sie Ausdauer beim Bergwandern in Südtirol.

"Ausdauer ist in der Politik das Entscheidende, sowohl in der Sache als auch im persönlichen Befinden", sagt Wolfgang Clement. "Demokratische Politik ist sehr anstrengend, sehr herausfordernd, weil sie verlangt, bis zum Beweis des Gegenteils um den Kompromiss zu ringen." Wenn man sich im ersten Anlauf nicht durchsetze, müsse man immer wieder aufstehen - diese Einstellung gehöre zu den Geboten der Politik, sagt Clement. Er habe allerdings Politiker erlebt, die an diesen Ritualen gescheitert seien - und körperlich stärkste Ermüdungserscheinungen offenbart hätten.

Die große Politik - eine Sache der Konstitution

Jüngstes Beispiel ist Matthias Platzeck, der Ende August als Ministerpräsident Brandenburgs zurücktrat. Der ehemalige SPD-Bundesvorsitzende wollte bis 70 Politik machen - heute ist er 59 Jahre alt. Platzeck war elf Jahre Ministerpräsident, ehe ein Arzt ihm nach einem leichten Schlaganfall den Ausstieg empfahl. "40 bis 50 Stunden kannst du gut und gerne arbeiten, aber 80 - vergiss es", zitierte Platzeck den Mediziner.

Wolfgang Bosbach, Vorsitzender des Innenausschusses des Bundestags (CDU) (Foto: Karlheinz Schindler)

Wolfgang Bosbach arbeitet 70 Stunden pro Woche

Wolfgang Bosbach ist auch krank und verheimlicht das nicht. Der CDU-Innenpolitiker hat Krebs und wegen seiner Herzschwäche lebt er mit Defibrillator und Herzschrittmacher. Trotzdem denkt der 61-Jährige nicht an Rückzug, sondern kandidiert am 22. September erneut für den Bundestag. Bosbach arbeitet nach eigenen Angaben etwa 70 Stunden in der Woche, betont aber: "Es kommt darauf an, was man unter Arbeit versteht."

Keine Aufputschmittel für Bosbach

Er gibt an, noch Zeit für Familie und Freunde zu haben. Süchtig sei er nicht nach der Politik, sie sei "nur" ein wichtiger Teil seines Lebens. Aufbauspritzen oder Nahrungsergänzungsmittel brauche er nicht: "Das beste Aufputschmittel ist das Wahlergebnis." Er gibt zu, dass ihn die teilweise pauschale Kritik an seiner Zunft anfangs sehr belastet habe. Heute halte er den Menschen zugute, dass sie zum Teil gar nicht wissen könnten, wie groß die Belastung eines Politikers sei, da 99 Prozent der Tätigkeit nicht in der Öffentlichkeit stattfinde.

Angelika Graf, SPD-Bundestagsabgeordnete (Foto: privat)

Angelika Graf sucht neue politische Herausforderungen

Nur wenige Politiker gewähren Einblicke in ihren Terminkalender. Die SPD-Abgeordnete Angelika Graf hat es versucht, veröffentlichte Daten auf ihrer Homepage oder gab Besuchergruppen im Bundestag in Berlin Kopien ihres Tagesablaufs mit, um dem Eindruck zu widerlegen, "wir legen die Füße auf den Schreibtisch und werden dafür auch noch gut bezahlt".

Aber für die Medien seien solche Fakten nicht interessant, weil es einfacher sei, ein negatives Bild zu vermitteln, kritisiert die Politikerin. Sie ärgere sich darüber, seit sie im Bundestag sei - seit 19 Jahren. Unpässliche Tage kann sich die SPD-Drogenbeauftragte nicht leisten: "Ich steh' auf, reiß' mich am Riemen und gehe dahin, wo ich hin muss."

Die Droge Politik

Das funktioniere, ohne Tabletten einzunehmen, allerdings könne man am Abend leichter abschalten mit einem Glas Wein. Alkoholismus sei bei Politikern schon ein Thema, aber ein verdrängtes, gesteht Graf. Sie hat sich einmal für eine psychologische Beratungsstelle für gestresste Bundestagsabgeordnete eingesetzt, ist damit jedoch gescheitert. Den Kollegen wäre es zu peinlich gewesen, vor der Tür gesehen zu werden.

Was einen Politiker antreibt, die Strapazen, die kaum als solche anerkannt werden, durchzuhalten, die Gesundheit zu riskieren und das Familienleben aufs Spiel zu setzen? "Es ist die Tatsache, dass der Job sehr erfüllend sein kann", erklärt Angelika Graf spontan. "Man kann vielen Menschen helfen, man kann die Politik gestalten, die man selbst für richtig hält." Dazu müsse man nicht an der Spitze eines Ministeriums stehen, fügt die 66-Jährige hinzu, die nun nach fünf Legislaturperioden nicht mehr für den Bundestag kandidiert.

Politik sei eine Droge, gibt Graf zu. Sie werde weitermachen, ohne Mandat, und vielleicht nicht mehr so häufig angesprochen werden von Menschen, die ein politisches Anliegen haben. Auch Matthias Platzeck kann nicht ganz von der Politik lassen: Er will nach seinem Rücktritt als Ministerpräsident Brandenburgs erneut für den Landtag kandidieren.

Politiker - Beruf ohne Ablaufdatum

Ein Ausstieg aus der Politikmaschinerie muss gut vorbereitet sein. Wolfgang Clement arbeitet nicht viel weniger als zu Zeiten, in denen er noch Mandatsträger war. Als Berater und Lobbyist ist er so gefragt, dass er ein Büro einrichten musste, das "mein berufliches Leben organisiert". Allerdings habe er sich angewöhnt, sich an viel beschäftigten Tagen mittags zehn bis zwanzig Minuten hinzulegen, um aufzutanken.

Er hat sich auch gegen das gesetzlich vorgegebene Ausscheiden aus dem Arbeitsleben mit 67 ausgesprochen. "Es hängt alles davon ab, ob Sie Freude an dem haben, was Sie tun", sagt Clement, "ich beantworte diese Frage mit ja." Angela Merkel würde es ihm wohl gleichtun.

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