Polens Gesundheitswesen vor dem Kollaps | Europa | DW | 30.10.2020
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Corona-Krise

Polens Gesundheitswesen vor dem Kollaps

In Polen fehlt es an Ärzten, Pflegepersonal und Intensivbetten für Kranke. Wegen der Corona-Pandemie werden im Eiltempo Feldlazarette gebaut. Dennoch stößt das Gesundheitssystem an seine Grenzen.

Polen Warschau | Coronavirus Abstrich

Warschau: Corona-Test auf dem Gelände des Solec-Krankenhauses

Als am Donnerstag (29.10.) die Zahl der Corona-Neuinfektionen in Polen die 20.000-Marke durchbrach, schlug der Epidemiologe und Regierungsberater Andrzej Horban Alarm. Bei diesem Tempo werde das Gesundheitssystem bald an seine Grenzen stoßen.

"Wenn der Anstieg der Erkrankungszahlen auf dem jetzigen Niveau bleibt, dann wird es keinen Ausweg mehr geben und man wird einen Lockdown einführen müssen", warnt Horban. "Unser System ist in der Lage, bis zu 30.000 COVID-19-Kranke aufzunehmen, die nach allen Regeln der medizinischen Kunst behandelt werden können", sagt der Regierungsberater. Alles andere würde das Gesundheitssystem "ruinieren".

Schrumpfende Kapazitäten

Die Regierung verspricht, bald insgesamt 35.000 Intensivpflegebetten für Corona-Infizierte zur Verfügung zu stellen. Derzeit sind es 22.500, davon sind bereits fast 15.000 besetzt - und jeden Tag kommen weitere 700 COVID-Patienten in die Krankenhäuser. Von den 11.000 in Polen vorhandenen Beatmungsgeräten wurden 1.700 für Corona-Kranke bereitgestellt. Davon sind schon jetzt 1.200 im Einsatz.

Noch vor einem Monat lagen in polnischen Krankenhäusern lediglich 2.400 COVID-19-Kranke und nur 140 waren an Beatmungsgeräte angeschlossen. Auch wenn das Infektionstempo auf dem jetzigen Niveau bleibt, dürften die Kapazitäten in etwa zwei Wochen ausgeschöpft sein.

Eines der größten Probleme ist zur Zeit der Personalmangel, der auch schon vor der Pandemie akut war. Von den 4.000 Ärzten, die jedes Jahr in Polen ausgebildet werden, gehen jeweils mehrere hundert ins Ausland, weil sie nicht im chronisch unterfinanzierten polnischen Gesundheitssystem arbeiten wollen.

Dramatische Lage in Krankenhäusern

Die Folgen des Ärztemangels bekommen Rettungssanitäter und Patienten in ganz Polen schmerzhaft zu spüren. Polnische Medien listen derzeit zahlreiche Beispiele von Menschen auf, die auch in bedrohlichem Gesundheitszustand keine Hilfe bekommen, weil COVID-Patienten absoluten Vorrang haben.

Aus Gesprächen, die Rettungssanitäter dem Fernsehsender TVN24 zugespielt hatten, geht beispielsweise hervor, dass ein Notfallpatient stundenlang zwischen vier Krankenhäusern hin- und hergeschickt wurde. Das Rettungsteam fragte die Notaufnahme eines der größten Warschauer Krankenhäuser am Ende verzweifelt, ob man den Patienten etwa "vor die Tür hinlegen" solle und rief sogar die Polizei zur Hilfe. Doch auch die konnte die Ärzte nicht zur Aufnahme des Patienten zwingen. Die Intensivstation war mit COVID-19-Kranken belegt.

BG | Bau von temporären Coronavirus Kliniken | Polen - Wroclaw

Bereits im April 2020 wurden temporäre Corona-Kliniken eingerichtet

Die dramatische Lage in diesem Krankenhaus beschrieb der Chef der dortigen Anästhesiologie-Station, Tomasz Siegel. Er war kurzfristig zum medizinischen Leiter des Krankenhauses berufen worden, hatte das Amt jedoch schon nach einer Woche wieder hingeworfen, weil er sich nicht in der Lage sah, innerhalb weniger Tage 38 Intensivpflegebetten einzurichten, wie es der Gesundheitsminister zuvor angordnet hatte.

"Wohin soll ich die Kranken evakuieren, die dort jetzt liegen? Der Minister sagt es nicht, weil es nirgendwo Plätze gibt", schrieb Siegel auf Facebook. Die Vorbereitung von Intensivstationen bedürfe Zeit, Personals und Geldes. Die offiziellen Statistiken seien eine "Fiktion". Die Verordnungen würden von den Regierenden nur "dazu geschaffen, um eine Pressekonferenz zu organisieren und das Blut derjenigen Menschen von den Händen zu waschen, die vor unseren Augen sterben und wegen mangelnder Hilfe weiter sterben werden".

Feldlazarette im ganzen Land

"Wir bereiten Sie auf ein sehr schlimmes Szenario vor", sagte Premierminister Mateusz Morawiecki auf einer Pressekonferenz am Donnerstag im Nationalstadion in Warschau, wo derzeit ein Feldlazarett entsteht. In solchen provisorischen Krankenhäusern, die in ganz Polen gebaut werden, sollen bis zu 10.000 COVID-19-Patienten behandelt werden, davon ein Teil auf Intensivstationen.

Angesichts des allgemeinen Ärztemangels ist allerdings unklar, wer dort arbeiten soll. Das Parlament hat deswegen gerade neue finanzielle Anreize für Ärzte und Pflegepersonal beschlossen. Diejenigen, die an die Corona-Front wollen, bekämen beträchtliche Zuschüsse. So etwa will man Ärzten das Doppelte ihres jeweiligen Grundgehaltes zahlen. Auch sollen sie bei der Behandlung von COVID-Kranken teilweise von der Haftungspflicht befreit werden.

Hilfsangebot aus Deutschland

Obwohl viele Mediziner eine internationale Zusammenarbeit beim Kampf gegen Corona begrüßen würden, will Polen auf sich gestellt bleiben. Vergangene Woche wurde Michał Dworczyk, der Chef der Kanzlei von Premierminister Mateusz Morawiecki, in einem polnischen Radiosender gefragt, ob der Regierungschef erwäge, Angela Merkel anzurufen und um Unterstützung beim Kampf gegen die Pandemie zu bitten.

Polen Präsident Andrzej Duda

Auch Polens Präsident Andrzej Duda hat es erwischt

"Wir stützen uns auf unsere eigenen Ressourcen", antwortete Dworczyk. "Wir sind davon überzeugt, dass wir einen angemessenen Pflegestandard aufrecht erhalten können." Kritiker bewerteten das als falschen Nationalstolz.

Trotzdem bot der deutsche Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier Polen medizinische Hilfe aus Deutschland an, nachdem bekannt wurde, dass Präsident Andrzej Duda sich mit dem Coronavirus infiziert hatte. "Dort, wo unsere medizinischen Kapazitäten national an ihre Grenzen stoßen, sollten wir uns so weit wie möglich gegenseitig helfen. Bitte lass mich wissen, wenn es Dinge gibt, die wir für Polen in der aktuellen Lage tun können", schrieb Steinmeier in einem handschriftlichen Brief an seinen polnischen Amtskollegen.

Ganz Polen eine "rote Zone"

Inzwischen hat die Regierung das ganze Land zu einer "roten Zone" erklärt. Das bedeutet unter anderem, dass Restaurants das Essen nur noch zum Mitnehmen verkaufen dürfen, dass überall die Pflicht gilt, Mund- und Nasenschutz zu tragen und dass die Obergrenze bei Treffen fünf Personen beträgt.

Sollte die Zahl der Neuinfektionen weiterhin so schnell steigen, müssten weitere Restriktionen folgen, sagt der Premierminister.

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