PISA für Große - OECD testet Alltagswissen | Welt | DW | 08.10.2013
  1. Inhalt
  2. Navigation
  3. Weitere Inhalte
  4. Metanavigation
  5. Suche
  6. Choose from 30 Languages

Welt

PISA für Große - OECD testet Alltagswissen

Der weltweite Vergleich von Schülerleistungen hat ein Jahrzehnt lang regelmäßig für Aufsehen gesorgt. Jetzt hat die OECD das Wissen der Erwachsenen getestet. Deutschland liegt im Mittelfeld.

"Es geht nicht nur darum, die wirtschaftliche Bedeutung von Kompetenz zu messen", stellt Andreas Schleicher gleich zu Anfang im Gespräch mit der Deutschen Welle klar. Schleicher ist Statistiker und Bildungsforscher und hat die jetzt vorgestellte Bildungsstudie (08.10.2013) der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) mit ausgearbeitet. Es sei wichtig, "welche Fähigkeiten Erwachsene mitbringen, wie sie diese Kompetenzen im Leben und bei der Arbeit einsetzen und damit Wohlstand und auch Wohlbefinden erzeugen."

Andreas Schleicher, Leiter der Abteilung für Indikatoren und Analysen im Direktorat der OECD (Organisation for Economic Cooperation and Development), Foto: Stephanie Pilick dpa/lbn

Andreas Schleicher: Fähigkeiten für Wohlstand und Wohlbefinden

Die Studie hat Zusammenhänge zwischen Kompetenz und Erfolg im gesellschaftlichen Leben erfasst. Wirtschaftliche und gesellschaftliche Aspekte hingen dabei ganz eng zusammen, so Schleicher. Kompetenzen entschieden über den Status am Arbeitsmarkt, aber auch, ob man sich in der Politik als Akteur oder als Objekt empfinde. Bildung beeinflusse das Gefühl für die eigene Gesundheit und das persönliche Engagement, betont der Wissenschaftler.

In der PIAAC-Studie (Programme for the International Assessment of Adult Competencies) hatten die Forscher Lesekompetenz untersucht, mathematische Grundfertigkeiten und Problemverständnis, Fähigkeiten also, die man im Alltag braucht. Schleicher erläutert: "Nehmen Sie zum Beispiel eine Information, wann Ihre Kinder im Kindergarten erscheinen müssen. Wer daran scheitert, kann sich am gesellschaftlichen Leben in Deutschland nicht angemessen beteiligen."

Entscheidend ist der soziale Hintergrund

International wurden für die Studie mehr als 160.000 Personen befragt, in Deutschland rund 5000 aus allen Bevölkerungsschichten. Der Bildungsforscher bilanziert das Ergebnis nüchtern: "Deutschland liegt im Mittelfeld, im Bereich Lesekompetenz etwas drunter, im Bereich Problemlösen und mathematische Grundfertigkeiten etwas über der Mitte." Italien und Spanien schneiden bei dem Ranking am schlechtesten ab. Finnen und Japaner stehen an der Spitze. Was für Deutschland hervorsteche, sagt Schleicher, sei, dass es eine relativ große Gruppe von Erwachsenen am unteren Ende der Skala gebe, insbesondere Personen mit Migrationshintergrund. Außerdem sei auffällig, dass der soziale Hintergrund einen überdurchschnittlich starken Einfluss auf die Kompetenz im Erwachsenenleben habe.

Prof. Dr. Michael Schemmann Foto:Prof. Dr. Michael Schemmann

Michael Schemmann: Bildungsangebote für sozial Schwache

Auch für Michael Schemmann, Professor für Erwachsenenbildung und Weiterbildung an der Universität Köln, ist die Beziehung von Kompetenz und sozialer Schicht einer der wichtigsten Punkte der Studie. Er warnt davor, die Ergebnisse als Hitliste eines Ländervergleichs zu betrachten. "Das interessanteste Ergebnis für mich ist der Befund, dass der größte Unterschied bezüglich der Kompetenzniveaus innerhalb der Länder zu beobachten ist." So gibt es beispielsweise in Korea einen großen Unterschied zwischen den kompetenteren Jungen und den weniger gebildeten Alten. Ähnliches bringt die Studie für Finnland hervor.

Ziel: Lebenslanges Lernen

In Deutschland gibt es ein breitgefächertes Bildungsangebot auch für Erwachsene. Doch diejenigen, die es am meisten brauchten, profitieren davon am wenigsten, stellt Bildungsforscher Andreas Schleicher fest. "Die am oberen Ende der Leistungsskala nehmen acht Mal mehr an Weiterbildungen teil als die am unteren Ende." Wer gebildete Eltern habe, sei eindeutig im Vorteil. Damit bestätigt PIAAC das, was bereits PISA, die Studie über Schülerwissen, zutage gefördert hatte. Diese soziale Komponente ist jedoch nicht das einzige Manko.

In anderen Ländern wie Finnland, Schweden und Japan sei es viel selbstverständlicher, lebenslang zu lernen, betont Andreas Schleicher. Zu dieser anderen "Weiterbildungskultur" gehöre auch eine viel größere Durchlässigkeit der Bildungseinrichtungen. "Unsere Universitäten bilden vorwiegend junge Menschen aus. Diese Angebote sind zu einseitig." Die Weiterbildung am Arbeitsplatz müsse ebenso flexibler werden wie eine Ausbildung jenseits der Unis - und vor allem müsse es mehr Übergänge zwischen den Systemen geben.

Studenten im Hörsaal (Foto: Pressestelle KNU)

Hörsäle - nur für junge Menschen?

Bildung muss sich lohnen

Diesen Nachholbedarf hat nicht nur Deutschland, sondern ebenso Länder wie Frankreich, Spanien und Italien. Zur Verbesserung der Breitenbildung gehört nach Schleicher auch, dass die erworbene Fähigkeit entsprechend anerkannt wird: "Letztlich muss sich das auch in meinem Gehalt und an meinem Arbeitsplatz auswirken." Ein Mechaniker sollte durch entsprechende Weiterbildung auch Ingenieur werden können. Diese Kompetenz sollten Unis und Arbeitgeber anerkennen.

Bildungswissenschaftler Michael Schemmann hält die PIAAC-Studie für einen wichtigen Schritt. Ein Programm für eine Bildungsreform könne man daraus jedoch nicht ableiten. Notwendig sei es jetzt, die richtigen Bildungsangebote zu finden, um sozial schwache und wenig gebildete Menschen zu erreichen: "Es geht darum, diesen Kreis aus wenig Bildung und Arbeitslosigkeit zu durchbrechen. Das ist unsere Aufgabe der Erwachsenenbildung." Und das ist ganz sicher eine Gemeinschaftsaufgabe für Politik und Forschung.

Die Redaktion empfiehlt