Pionierin des ″Bauhaus″: Anni Albers | Kunst | DW | 08.06.2018
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Architektur

Pionierin des "Bauhaus": Anni Albers

Frauen wurden am Staatlichen Bauhaus zwar akzeptiert, aber die wenigsten haben es zu Ruhm gebracht. Auch Anni Albers erging es so. Ihr Werk geriet in Vergessenheit und kann jetzt in Düsseldorf neu entdeckt werden.

Es gibt einiges nachzuholen. Noch zahlreiche Ausstellungen sind nötig, um Leben und Werk von zu Unrecht vergessenen Künstlerinnen aufzuarbeiten. Dazu gehören auch die Frauen des Bauhaus. Von ihnen haben nur wenige Berühmheit erlangt. Dabei bewarben sich im Gründungsjahr 1919 mehr Frauen als Männer am Staatlichen Bauhaus in Weimar.

1919 war in mehrfacher Hinsicht ein historisches Jahr. Frauen bekamen in Deutschland das Wahlrecht zugesprochen. Und als Walter Gropius die Kunstschule Bauhaus gründete, schwebte ihm eine möglichst große Öffnung vor. Auch zwischen den Geschlechtern sollten keine Unterschiede mehr herrschen. Die Möglichkeit, eine Kunstschule zu besuchen, war Frauen bis dahin nur mit der Erlaubnis ihrer Ehemänner möglich. Es kam zu einem wahren Ansturm von Bewerberinnen.

Anni Albers wurde in die Weberei-Klasse aufgenommen

Anni Albers sitzt am Webstuhl (Kunstsammlung NRW/Helen M. Post)

Anni Albers 1937 am Webstuhl im Black Mountain College

So weit ging Walter Gropius' Geschlechtergerechtigkeit allerdings doch nicht. Die begehrten Malerei-, Architektur- und Bildhauerei-Klassen waren allein den Männern vorbehalten. Die Bewerberinnen kamen in eine eigens für sie gegründete "Frauenklasse", die ab 1921 in der Weberei mündete. Als Anni Albers 1922 ein Studium am Staatlichen Bauhaus in Weimar aufnahm, wechselte auch sie, nach dem dreijährigen Vorkurs bei Johannes Itten und ihrem späteren Ehemann, Josef Albers, zu Gunta Stölzl in die Weberei-Klasse. Kein einziger Mann studierte dort. Es war das Jahr 1925 und kurz nach ihrer Aufnahme siedelte das Bauhaus nach Dessau um.

Weben ebenbürtig zum Malen

Geboren wurde Annelise Elsa Frieda Fleischmann am 12. Juni 1899 in Berlin. Sie wuchs in einer großbürgerlichen Atmosphäre auf. Ihre Mutter stammte aus der deutsch-jüdischen Verlegerfamilie Ullstein, ihr Vater war Möbelfabrikant. Schon während der Schulzeit durfte sie privaten Kunstunterricht nehmen. Eigentlich wollte Anni Albers Malerin werden. Ihrer großen Begeisterung blieb sie ein Leben lang treu. Und sie setzte alles daran, dass ihre Teppiche oder Wandbehänge, die sie für Gebäude und Innenräume entwarf, künstlerisch genau so viel wert waren, wie die Gemälde der Männer. Ihr Können als Malerin integrierte sie in die Textilkunst. Sie verwandelte ihre Teppiche, Stühle oder Entwürfe in Gemälde. Und nannte sie selber auch so.

Blaue, rote und gelbe gemalte Fäden durcheinandergewuselt (Kunstsammlung NRW/The Josef and Anni Albers Foundation/VG Bild-Kunst)

Guache auf Papier. Anni Albers hatte die Idee vom gewebten Faden als universelle Sprache

Anni Albers entwickelte sich zu einer der innovativsten Textilkünstlerinnen der Zeit. Das Weben als uralte Technik übersetzte sie in die für das Bauhaus typische moderne Formensprache. Dabei erkundete und erweiterte sie voller Experimentierfreude die Möglichkeiten des Webens. Sie stellte sowohl Gebrauchswerke her als auch Webereien, die wie abstrakte Gemälde an der Wand hängen sollten. Mit Hilfe von Kästchenpapier gelang ihr eine Mischung aus konstruktivistischer Ästhetik und traditioneller Technik des Textildesigns. Anni Albers' Vorbild am Bauhaus war Paul Klee, von dessen Denken und Arbeit sie zutiefst beeindruckt und auch beeinflusst war. Vor allem die wechselseitige Dynamik beim Mischen unterschiedlicher Farben prägte ihren eigenen Umgang mit Farbe. Albers fertigte im Laufe ihrer Karriere nicht nur Textilarbeiten an, sondern auch Gouache- und Aquarellentwürfe voller Abstufungen und Schichtungen.

Ihr Können überzeugte und so gelang es Anni Albers, wie einigen anderen Frauen auch - Gunta Stölzl, Otti Berger, Lilly Reich, Karla Grosch -  in der männerdominierten Bauhaus-Schule Lehrerin zu werden.

"Frau von" Josef Albers

1933, nach der Machtergreifung Adolf Hitlers, emigrierte Anni mit ihrem Ehemann Josef Albers in die USA. Am legendären Black Mountain College in North Carolina fanden sie eine neue spirituelle und künstlerische Heimat. Das berühmte Kunstinstitut verfolgte Ideen, die auf denen des Bauhaus' aufbauten, indem man versuchte, verschiedene Künste und Wissenschaften miteinander in Verbindung zu bringen. 

Kette mit Anhänger aus einem Abflussieb(Kunstsammlung NRW/The Josef and Anni Albers Foundation/Artists Rights Society (ARS)/VG Bild-Kunst)

Kreativ nicht nur in der Webkunst: Kette von Anni Albers und Alexander Reed aus Abflusssieb und Büroklammern

Ihrer innovativen Leistungen und der beruflichen Anerkennung in den USA zum Trotz ging Anni Albers mit ihren Textilarbeiten als "Frau von" in die Kunstgeschichte ein. Ihre Werke fielen der Unterscheidung von Kunstgewerbe und Kunst zum Opfer. Angewandte Kunst kämpft bis heute um Wahrnehmung und einen angemessenen Status. So wurde ihr Ehemann weitaus bekannter. Josef Albers, Maler der Quadrate, besuchte schon ab 1920 den Vorkurs von Johannes Itten und wurde später selber Professor am Bauhaus. Während Josef Albers nicht nur in den USA, sondern auch in Deutschland Anerkennung genoss, sind Anni Albers' künstlerische Leistungen in Deutschland nur wenigen Kennern bekannt. Nach Josef Albers und seinen markanten Gemälden ist hierzulande ein Museum benannt: das "Quadrat" in Bottrop. Auch in den Sammlungen der großen Kunstmuseen befinden sich viele Werke von Josef Albers, nach Werken von Anni Albers, die am Webstuhl entstanden, sucht man indes vergeblich.

Aber 2018 könnte sich das ändern. Das 100-jährige Jubiläum des Bauhaus im nächsten Jahr spült auch die Geschichte der Bauhaus-Frauen an die Öffentlichkeit. Anni Albers macht den Anfang. Die Aufarbeitung der Geschichte der Textil-Künstlerin nimmt die Kunstsammlung K20 in Düsseldorf - unter anderem mit Werken aus der Josef und Anni Albers Stiftung - in Angriff. Die Besucher lernen eine fortschrittliche und ungemein weltoffene Pionierin des Bauhaus' kennen, eine Künstlerin, deren Werk zu Unrecht in den Untiefen der Geschichte verloren gegangen ist. 

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