Pina Bausch: ″Eigentlich wollte ich immer nur tanzen″ | Kunst | DW | 03.03.2016
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Kunst

Pina Bausch: "Eigentlich wollte ich immer nur tanzen"

Kann man das Werk der weltberühmten Tänzerin Pina Bausch in einer Ausstellung im Museum zeigen? Nein, sagt ihr Sohn Salomon Bausch. Und trotzdem hat er es in der Bonner Kunst- und Ausstellungshalle gewagt.

Pina Bausch lebte für den Tanz. In der Bonner Ausstellung "Pina Bausch und das Tanztheater" wird das nicht nur gezeigt, sondern hautnah erfahrbar gemacht. Wie ernst es den Kuratoren damit ist, erlebe ich am eigenen Leib. Das Herzstück der Ausstellung ist der nachgebaute Probenraum der Pina Bausch Kompanie: die Lichtburg, ein alter Kinosaal im Stil der 50er Jahre in Wuppertal.

Josephine Ann Endicott, klein, zierlich, mit rötlichen Haaren, steht in der Mitte des Raumes und wartet auf Tanzwillige. Pina sei ihr ein und alles gewesen, erzählt die Australierin im Gespräch mit der DW: "Sie hat mich in London gefunden, beim Training in Covent Garden. Sie wollte mich haben." Das war 1973. Damals suchte Pina Bausch nach Tänzern für eine eigene Kompanie. Ihre Aura habe sie fasziniert, sagt Josephine Ann. "Und diese blauen Augen, sie war so hübsch und hat mich in ihren Bann gezogen."

Zuschauer üben den Ausdruckstanz

Bonn: Tanzworkshop mit Josephine Endicott für Besucher der Ausstellung

Josephine Ann Endicott gibt Tanzunterricht für die Besucher der Ausstellung

Bis August 2015 war Josephine Ann Endicott noch Mitglied der Pina Bausch Kompanie in Wuppertal. Zwischendurch musste sie pausieren – Burnout. "Bei Pina wurde man gefordert. Wenn man das zu lange macht, kann man irgendwann nicht mehr", erzählt Josephine Ann. Jetzt ist sie im Ruhestand oder besser gesagt im Unruhezustand.

Ob ich nicht mit ihr die "Nelkenreihe" tanzen wolle, fragt sie, und schon stehen wir vor dem großen Spiegel und proben mit Händen und Schritten die vier Jahreszeiten. Die riesige Kinoleinwand zeigt, wie Pina Bausch es gemacht hat: Die Fingerspitzen nach oben, dann rechte Hand hoch, Daumen und Zeigefinger zusammen, linker Arm nach unten, das ist schon mal der Frühling.

Der Tanzraum liegt im Zentrum der Ausstellung. Die gewellten Wände in hellem Moosgrün sind mit Stoff überzogen. Längliche Leuchter geben gedämpftes Licht. An Stangen hängen Kleider der Requisite. Josephine Ann ist streng mit mir: Den einen Arm mehr nach unten, den anderen etwas höher, die Finger nicht abspreizen. "Das sieht immer so leicht aus", meint sie, "aber in Wirklichkeit ist es sehr schwer.“ Hände hoch, Handflächen nach innen, jetzt kommt der Sommer. Allmählich gesellen sich andere Schaulustige hinzu, werden aufgefordert mitzutanzen.

Salomon Bausch verwaltet das Erbe seiner Mutter

Foto von Pina Bausch auf Reisen, Ausstellung in der Bundeskunsthalle Bonn

Pina Bausch sammelte auf Reisen Ideen für ihre choreografische Arbeit

Salomon Bausch, der Sohn von Pina Bausch, hat zusammen mit der Theaterwissenschaftlerin Miriam Leysner die Bonner Ausstellung kuratiert. Am Anfang habe die Frage gestanden: "Kann man das Werk von Pina Bausch überhaupt in einer Ausstellung zeigen?" Nein, das gehe natürlich nicht, fügt er gleich hinzu, da müsse man schon ins Theater gehen. Aber sie hätten andere Wege gefunden, das zu zeigen, was man auf der Bühne nicht sieht. "Uns war es wichtig Menschen, die Erfahrung und ein Wissen zu den Stücken haben, zu integrieren."

Deshalb wurde der Probenraum nachgebaut, in dem nicht nur Diskussionen und Vorträge, sondern auch kurze Tanzkurse und Workshops stattfinden. Zusammen mit Mitgliedern aus der Tanzkompanie, die Elemente aus Stücken von Pina Bausch mit den Besuchern einstudieren. Es sind einzelne kleine Szenen, aus denen die Choreografin Pina Bausch ihre Stücke zusammengesetzt hat. "Dazu hat sie den Tänzern Fragen gestellt, die diese mit Worten oder Bewegungen beantworten konnten", erklärt Miriam Leysner das Prinzip. "Auf handgeschriebenen Zetteln haben wir die Fragen in ihren Produktionsordnern gefunden."

Nie gesehene Dokumente aus dem Archiv von Pina Bausch

Zu sehen sind diese Zettel in Vitrinen außerhalb des alten Kinosaals. Hinzu kommen Programmhefte, Probenpläne, Bühnenskizzen und Regieanweisungen, sowie Videoaufnahmen von Bühnenauftritten. All das ist Teil des Archivs der Pina Bausch Stiftung. Die legendäre Tänzerin und Choreografin hatte alles aufgehoben und systematisch geordnet. "Nur so konnte sie die Stücke über eine so lange Zeit im Repertoire behalten", sagt Salomon Bausch.

Als Pina Bausch 2007 den berühmten Kyoto Preis in Japan erhielt, hat sie dort einen Vortrag gehalten und darin ihr Leben und Schaffen Revue passieren lassen. An diesen Worten orientiert sich die Ausstellung, zeigt anhand von Fotos die vielen Reisen und Erfahrungen, die Pina Bausch gemacht hat. Und die Menschen, die sie begleitet haben und ihr wichtig waren.

Pina Bausch , Ausstellung in der Bundeskunsthalle Bonn

Pina Bausch 1962 in "Fliedergarten" von Antony Tudor.

"Die Aura von Pina Bausch fehlt"

Zurück in die nachgebaute Lichtburg: Der Winter ist an der Reihe. Fäuste vor die Brust und kurz zittern. Das ist auch für mich leicht nachvollziehbar. Aber dann soll ich dabei auch noch zum Takt der Musik gehen. Die Leinwand zeigt die Kompanie, die genau das tut: Alle gehen hintereinander in einer Reihe. Und dann erkenne ich diesen Gang. Die "Nelkenreihe" ist ein immer wiederkehrendes Element in dem Dokumentarfilm "Pina" (2011) von Wim Wenders und gehört zu ihrem Stück "Nelken".

Ob der Raum in der Ausstellung denn so gelungen sei, wie der echte Probenraum, will ich von Josephine Ann Endicott wissen. Das habe viel von der Lichtburg, meint sie und lobt den Nachbau im Museum. Nur die Atmosphäre, die könne man natürlich nicht so richtig nachempfinden. "Wissen Sie, es fehlt der Lärm und der Geruch", erklärt die Tänzerin, "in Wuppertal ist unter dem Probenraum ein Mc Donalds, das hat man immer in der Nase".

Und natürlich fehlt Pina Bausch, die im Juni 2009 gestorben ist. "Das Gefühl von Pina ist nicht da. In der richtigen Lichtburg fühlst du ihre Aura und riechst ihren Schweiß, auch jetzt noch."

Die Ausstellung "Pina Bausch und das Tanztheater" ist noch bis zum 24. Juli 2016 in der Bonner Kunst- und Ausstellungshalle zu sehen.

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