Pharmakonzerne zeigen kein Interesse an neuen Antibiotika | Aktuell Welt | DW | 12.09.2019
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Antibiotika-Resistenzen

Pharmakonzerne zeigen kein Interesse an neuen Antibiotika

Immer weniger Arzneimittelhersteller forschen nach neuen Antibiotika. Eine Recherche des Norddeutschen Rundfunks (NDR) deckt auf, dass Pharmafirmen sich nicht an gegebene Zusagen halten.

Antibiotika-Resistenz (picture-alliance/dpa)

Antibiotika-Forschung: Pilzkultur in einer Petri-Schale

Obwohl die zunehmende Ausbreitung resistenter Keime als eine der größten globalen Gefahren gesehen wird, stoppen Pharmaunternehmen die Forschung an neuen Antibiotika. Noch 2016 hatten etwa 100 Firmen eine gemeinsame Erklärung über mehr Anstrengungen im Kampf gegen Resistenzen vereinbart. Der Internationale Pharmaverband (IFPMA) hatte damals eine "Industrie-Allianz" (AMR Industry Alliance) gegründet. Inzwischen sei die Hälfte der Unternehmen in dem Bereich nicht mehr aktiv, berichtet der NDR.

Neue Antibiotika werden jedoch dringend benötigt, weil Bakterien zunehmend gegen ältere Wirkstoffe resistent werden. Weltweit sterben nach Angaben der Weltgesundheitsorganisation WHO etwa 700.000 Menschen jährlich an den Folgen von Antibiotika-Resistenz.

Andere Forschungsfelder sind lukrativer

Auch bei Johnson & Johnson, dem größten Gesundheitskonzern der Welt, befinden sich derzeit "keine weiteren Antibiotika in der Entwicklung", wie das Unternehmen einräumt. Im vergangenen Jahr hatten sich die Branchenriesen Novartis und Sanofi so wie AstraZeneca bereits Ende 2016 aus der Antibiotikaforschung verabschiedet. Die Großkonzerne Pfizer und Allergan entwickeln nach Einschätzung von Branchen-Insidern ebenfalls keine antibiotischen Wirkstoffe mehr, obwohl auch sie Mitglieder der "AMR Industry Alliance" sind.

Grund für den Rückzug der Unternehmen sind nach NDR-Recherchen offenbar wirtschaftliche Erwägungen. Im Vergleich zu Krebsmedikamenten oder Mitteln gegen chronische Erkrankungen lässt sich mit Antibiotika deutlich weniger Geld verdienen, vor allem, weil diese nur wenige Tage eingenommen werden. Zudem sollten neue Mittel nur im Notfall eingesetzt werden, wenn alle herkömmlichen Antibiotika nicht mehr anschlagen.

Antibiotika-Resistenz durch Tierhaltung (picture-alliance/dpa/P. Pleul)

Antibiotika-Resistenz durch Massentierhaltung

Der deutsche Verband Forschender Arzneimittelhersteller (VFA) ist der Ansicht, dass es insgesamt zu wenig Forschungsprojekte gibt. Die Aktivitäten stagnierten auf zu niedrigem Niveau, sagte der Geschäftsführer Forschung, Siegfried Throm, der Deutschen Presse-Agentur. Antibiotika-Resistenzen seien weltweit ein großes Problem.

Muss die Politik die Forschung anstoßen?

Aufgrund der besseren Versorgung und Hygiene könnten in Deutschland allerdings bis zu 90 Prozent aller Patienten mit den vorhandenen Mitteln gut behandelt werden. Pro Jahr gebe es in Deutschland rund 3300 Todesfälle infolge von Antibiotika-Resistenzen, sagte Throm unter Berufung auf Zahlen des Europäischen Zentrums für die Prävention und die Kontrolle von Krankheiten (ECDC). In anderen Ländern seien die Zahlen sehr viel höher. Die Politik müsste auf internationaler Ebene die Entwicklung neuer Mittel stärker fördern.

Die Entwicklung eines neuen Antibiotikums kostet mehrere hundert Millionen Euro. Bei einer erfolgreichen Zulassung des Mittels kommen die Ausgaben für Herstellung, Vertrieb und Vermarktung hinzu. Kleine Unternehmen, die keine zusätzlichen Einnahmen aus anderen Bereichen haben, können diese Kosten in der Regel allein nicht stemmen. Auch deshalb ist es aus Sicht vieler internationaler Experten fatal, wenn sich die großen Konzerne zurückziehen.

rb/se (afp, dpa, kna)

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