Personalmangel lähmt die Tourismusbranche | DW Reise | DW | 07.07.2022
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Reisen

Personalmangel lähmt die Tourismusbranche

Ob in Hotels, an Flughäfen oder in der Gastronomie - überall fehlen Mitarbeitende. Flugchaos, lange Wartezeiten im Restaurant und deutlich höhere Preise sind die Folgen. Und die Aussichten auf Besserung sind schlecht.

Reisechaos am Düsseldorfer Flughafen: Viele Menschen stehen dicht gedrängt mit Gepäck am Schalter von Eurowings.

Lange Warteschlangen vor dem Eurowings-Schalter am Düsseldorfer Flughafen

Die Schwestern Amelie und Amrei Quincke aus Essen haben sich lange auf ihren Sommer-Trip nach Budapest gefreut. Endlich mal ein paar stressfreie Tage! Doch zu früh gefreut: Bereits zwei Tage vor Reiseantritt wird ihr Eurowings-Flug gecancelt. Statt wie geplant mit dem Flugzeug von Düsseldorf nach Budapest zu kommen, müssen die beiden mit dem Zug fahren - alternative Flüge gibt es keine mehr.

Amrei Quincke, blond mit blauer Maske und im Streifenpulli lehnt im Zug am Fenster

Amrei Quincke im Zug nach Budapest

Etwa 7200 Mitarbeitende fehlen an deutschen Flughäfen. Das hat eine Studie des Instituts der deutschen Wirtschaft ergeben. Viele haben die Branche aufgrund der Pandemie verlassen. Flugausfälle und lange Warteschlangen gehören aktuell zur Tagesordnung. Über 2000 Flüge wurden bereits von der Fluggesellschaft Lufthansa für die Hauptferienzeit in den Drehkreuzen München und Frankfurt am Main gestrichen. Hinzu kommen 900 bereits angekündigte Flüge an Feiertagen und Wochenenden im Juli.

Die Bahn hat keinen Personalmangel

Anders sieht es bei der Deutschen Bahn aus. Diese verzeichnet keinen Personalmangel. Im Jahr 2021 konnte das Unternehmen bundesweit 22.000 neue Mitarbeitende einstellen. Allerdings ist die Bahn zurzeit von erhöhten Krankenständen betroffen, was kurzfristig regional zu Personalengpässen führen kann.

Amelie Quincke, blond im hellblauen Fleecepulli und mit weißer Maske hält ihr Handy in der Hand. Sie sitzt in einem fahrenden Zug.

Amelie Quincke lässt sich die Laune durch das Reisechaos nicht verderben

Nach zahlreichen Stunden Verspätung kommen die Schwestern in Budapest an und genießen ihre freie Zeit bis es dann wieder zum Flughafen geht. Geplant ist der Rückflug wieder mit Eurowings. Bereits auf dem Weg zum Flughafen bekommen sie die erste SMS: Der Flug hat eine Stunde Verspätung. Am Flughafen folgt die nächste SMS: Der Flug hat eine weitere Stunde Verspätung. Kurze Zeit später noch eine Stunde Verspätung - der Flug soll um 23 Uhr starten. Auf den Anzeigen am Gate steht davon nichts. Auf einmal bekommen sie die Mitteilung, dass der Abflug um 21:15 Uhr ist. Am Gate beginnt bereits das Boarding und sie sprinten los.

Flughäfen arbeiten an Rekrutierung

Auch am Frankfurter Flughafen kommt es derzeit zu extremem Verkehrsaufkommen, das nahezu die hohen Werten von 2019 erreicht. Zusätzlich kommt es zu Flugverschiebungen, die vor allem bedingt durch das Wetter beziehungsweise einen überfüllten Luftraum seien. Um dem Mangel vorzubeugen, arbeitet der Frankfurter Flughafen zurzeit verstärkt an der Rekrutierung neuen Personals, besonders im Bereich Bodenverkehrsdienste. Nichtsdestotrotz werden hohe Wartezeiten in den Terminals in den kommenden Monaten erwartet.

Hinter Menschenmassen ist eine Anzeigetafel am Düsseldorfer Flughafen zu sehen.

Verspätungen gibt es zurzeit nicht nur am Düsseldorfer Flughafen

Ein Grund für den Personalmangel sind auch die schlechten Arbeitsbedingungen. Die Fluggesellschaft Ryanair halte sich nicht an Gesetze oder Gerichtsurteile, sagt die spanische Gewerkschaft USO. Aufgrund dessen teilten USO und die Gewerkschaft Sitcpla am Samstag mit, dass es zu vermehrten Streiks kommen wird. In ganz Europa waren und sind weitere Streiks geplant.

Ausländische Hilfskräfte sollen Bedarf decken

Die deutsche Regierung will nun die Einreise von hunderten Hilfskräften aus dem Ausland ermöglichen. Bisher war dies oder beispielsweise das Anstellen von ukrainischen Geflüchteten ein großer bürokratischer Aufwand. Flughafenverband ADV-Hauptgeschäftsführer Ralph Beisel befürwortet den Einsatz ausländischer Fachkräfte: "Jetzt gilt es, mit unseren Betrieben über die Details der Ausnahmeregelung zu sprechen, damit die privaten Ladedienste und die Flughäfen schnell Einstellungen vornehmen können." Die Lufthansa rechnet aber erst im Jahr 2023 mit einer Normalisierung des Flugbetriebs.

Aufsteller vor einem Restaurant mit der Aufschrift Mitarbeiter gesucht m/w/d.

Viele Restaurants sind auf der Suche nach Mitarbeitenden

Gastronomie und Hotellerie litten schon vor der Pandemie

Im Gastronomie- und Hotelgewerbe sieht es nicht besser aus. Die Hauptgeschäftsführerin des Bundesverbands der Systemgastronomie (BdS) Andrea Belegante spricht von einem Personalmangel, der bereits vor der Pandemie deutlich spürbar gewesen sei. Auch die Auszubildenenzahlen gingen stetig zurück. Um diesen Mangel zukünftig abfedern zu können, setze der BdS auf Tarifverträge, Zusatzleistungen und Ausbildungspakete.

Das Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung sieht allerdings keine oftmals befürchtete Massenabwanderung von Personal in der Gastronomie. Vielmehr sehen sie den Grund in unterbliebenen Einstellungen. Häufig ginge es bei den Krisenbranchen wie der Gastronomie um Bereiche mit einer hohen Fluktuation auch schon vor Corona. Sinke dann über einen längeren Zeitraum die Zahl der Neueinstellungen, nehme die Beschäftigung ab und die Arbeitskräfte verteilen sich auf andere Branchen.

Personalmangel in Deutschland: Aufsteller vor einem Geschäft in Stralsund

Viele Restaurants müssen aufgrund von Personalmangel schließen

Branche verliert Umsatz

Der Deutsche Hotel- und Gaststättenverband (DEHOGA) benennt die Rekrutierung neuer Mitarbeitenden als aktuell größte Herausforderung der Branche. Über 60 Prozent der Betriebe würden Personal suchen. Von März 2020 bis 2022 habe die Branche zusätzlich fast 75 Milliarden Euro Umsatz verloren. Guido Zöllick, Präsident der DEHOGA, sagt, es brauche Planbarkeit und verlässliche Perspektiven. "Erneute Beschränkungen und Schließungen werden viele Unternehmen nicht überleben. Die Zukunftssicherung der Betriebe und Arbeitsplätze muss jetzt Priorität haben."

Amelie und Amrei Quincke sitzen endlich in ihrem Flieger. Nachdem immer neue Passagiere hineinströmen, wundert sich das Flugpersonal irgendwann über den Zielort, der auf den Boardkarten steht: Düsseldorf. Die Crew ist bis dahin davon ausgegangen nach Hamburg zu fliegen. Es stellt sich heraus, dass Eurowings zwei Maschinen getauscht hat, da der Flieger nach Düsseldorf bereits so viel Verspätung hat. Dieser Tausch wurde allerdings lediglich dem Flughafen gemeldet, nicht aber der Hamburger Crew. Nach langem Hin und Her, dem Beantragen einer Landeerlaubnis und einem unentspannten Flug landen die beiden Schwestern um zwei Uhr nachts wieder völlig gestresst in Düsseldorf. 

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