Peinlicher Umweltpreis für Einweg-Lobby | Wirtschaft | DW | 27.12.2013
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Wirtschaft

Peinlicher Umweltpreis für Einweg-Lobby

Ob Wasser, Saft oder Cola - trotz Pfandzahlung greifen immer mehr Deutsche zur Einwegflasche, wenn sie ein Getränk kaufen. Den Herstellern und Händlern gefällt das - Naturschützern nicht.

Umweltschutz wird in Deutschland groß geschrieben – auf dem Papier jedenfalls. So schreibt die Verpackungsverordnung vor, dass mindestens 80 Prozent aller Getränkebehälter Mehrwegflaschen und "ökologisch vorteilhafte" Einwegverpackungen wie Getränkekartons und Schlauchbeutel sein müssen. Eine Quote, die in Deutschland allerdings nie erfüllt wurde. Im Gegenteil: Seit 2008 werden mehr Getränke in Plastikflaschen und Dosen als in Mehrwegflaschen verkauft und das, obwohl in der Regel ein Pfand von 25 Cent pro Einwegbehälter bezahlt werden muss.

2011 lag die Einwegquote bei Erfrischungsgetränken wie Limonade und Saftschorle bei über 71 Prozent. Auch mehr als die Hälfte des Mineralwassers wird in Einwegbehältern, meistens PET-Kunststoffflaschen, verkauft. Eine Entwicklung, die sich massiv beschleunigt hat, seit Wasser in großen Discountern konkurrenzlos billig ausschließlich in Einwegflaschen angeboten wird. Der Preis für eine 1,5-Liter Flasche liegt unter 20 Cent. Regionale Abfüller von Mineralwaser, die in der Regel Mehrwegflaschen anbieten, sind dadurch wirtschaftlich massiv unter Druck geraten.

Einweg-Lobby formiert sich

Den Herstellern der Einwegverpackungen, den Abfüllern, aber auch großen Handelsketten, die keine Getränke in wiederverwertbaren Flaschen verkaufen, gefällt die Entwicklung. Gerne würden sie die Einweg-Quote noch weiter steigern. Zu diesem Zweck gründeten sie im Oktober dieses Jahres den "Bund Getränkeverpackungen der Zukunft" (BGVZ).

Plastikflaschen Pfand

Flasche oder Dose, Plastik, Aluminium oder Glas?

Der Lobbyverband, zu dem die Discounter Aldi und Lidl, das Handelsunternehmen Lekkerland, der Getränkehersteller MEG, Pepsi Cola und Red Bull sowie die Dosenproduzenten Ball und Rexam gehören, will gegen die "Diskriminierung" von Einwegverpackungen vorgehen und argumentiert, diese seien hygienischer, leichter und ressourcenschonender als Mehrweg-Systeme.

Eine Stoßrichtung, die der Naturschutzbund Deutschland (NABU) ausdrücklich kritisiert. "Schon der Name ist dreist: Hier geht es nicht um Getränkeverpackungen der Zukunft, sondern um knallharte wirtschaftliche Interessen auf Kosten der Umwelt", sagt NABU-Präsident Olaf Tschimpke. Es sei Heuchelei, Einwegverpackungen als aktiven Beitrag zum Klima- und Umweltschutz darzustellen. Mit Hilfe falscher Umweltargumente würden hohe Gewinne gemacht. "Die Abfüller verdienen sich eine goldene Nase an nicht zurückgegebenen Pfandflaschen und die Einzelhändler am Verkauf des gesammelten Kunststoffs", erklärt Tschimpke.

"Dinosaurier 2013" als Anti-Preis

Dosen und billige PET-Flaschen seien auch keinesfalls gesundheitlich unbedenklich. Das österreichische Umweltbundesamt veröffentlichte 2012 eine Analyse, bei der die hormonwirksame Substanz Bisphenol A in vielen Getränken aus Aluminiumdosen gefunden wurde. Bei der Produktion von PET wird das möglicherweise krebserzeugende Schwermetall Antimon verwendet. Es findet sich in geringsten Mengen auch in den Getränken, wie das Schweizer Bundesamt für Gesundheit und die Universität Heidelberg nachwiesen.

Nabu Pressekonferenz Olaf Tschimpke Dinosaurier des Jahres 2013 (Foto: DW)

NABU-Präsident Tschimpke: "Hier geht es um knallharte wirtschaftliche Interessen auf Kosten der Umwelt."

Um eine Debatte über die Vor- und Nachteile von Mehrweg- und Einwegverpackungen anzustoßen, hat der NABU dem Geschäftsführer des "Bundes Getränkeverpackungen der Zukunft" den negativ gemeinten Umweltpreis "Dinosaurier des Jahres 2013" verliehen. Die aus Zinn gegossene, rund zweieinhalb Kilogramm schwere Nachbildung einer Riesenechse wird seit 1993 jährlich an Persönlichkeiten vergeben, die sich in Sachen Umweltschutz negativ hervorgetan haben. Im vergangenen Jahr bekam die damalige Bundeslandwirtschaftsministerin Ilse Aigner (CSU) den Preis.

Muss Einweg teurer werden?

Einwegflaschen und Dosen verschwendeten Rohstoffe und heizten das Klima an, argumentiert NABU-Präsident Tschimpke. Er rechnet vor, dass mehr als 400.000 Tonnen Plastikmüll und 1,5 Millionen Tonnen CO2 in Deutschland jährlich vermieden werden könnten, wenn Getränke zu mindestens 80 Prozent in Mehrweg-Verpackungen verkauft würden. Der NABU findet es zudem unseriös, wenn Verbraucher aufgrund fehlender Alternativen im Regal nicht mehr zwischen umweltfreundlicher und umweltschädlicher Verpackung wählen könnten und die Kaufentscheidung dann als Zuspruch zur Verpackung umgedeutet werde.

Um die in der Verpackungsverordnung vorgeschriebene Quote von 80 Prozent Mehrweg zu erreichen, spricht sich der NABU für eine lenkende Umweltsteuer auf alle Getränkeverpackungen aus. Der Steuersatz sollte nach Klimaschädlichkeit differenziert werden. Die Naturschützer schlagen vor, den Liter Mineralwasser in der Einwegflasche aus Plastik um 9,4 Cent, in der Mehrwegflasche aus Plastik dagegen nur um zwei Cent zu verteuern. Der Liter Saft im Getränkekarton müsste einen Preisaufschlag von 3,3 Cent erhalten. Darüber hinaus fordert der NABU eine klare Kennzeichnung von Einweg- und Mehrwegflaschen. In einer repräsentativen Verbraucherumfrage hatte 2012 jeder zweite Deutsche gesagt, er könne auf den ersten Blick eine Einwegflasche nicht von einer Mehrwegflasche unterscheiden.

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