Papst Franziskus: ″Öffnet die Käfigtür und fliegt hinaus!″ | Deutschland | DW | 02.04.2019
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Deutschland

Papst Franziskus: "Öffnet die Käfigtür und fliegt hinaus!"

In einem öffentlichen Brief appelliert der Papst an Jugendliche, "Hauptdarsteller der Veränderung" zu sein. Er fordert außerdem Gerechtigkeit für Frauen und ein Ende von "machohafter Gewalt" in der katholischen Kirche.

"Liebe junge Menschen, verzichtet nicht auf das Beste an eurer Jugend, beobachtet das Leben nicht von einem Balkon aus!" Als würde er einen Brief an junge Leute schreiben, ruft Papst Franziskus sie auf, nicht das Leben vor einem Bildschirm zu verbringen und wie "das traurige Spektakel eines verlassenen Fahrzeugs" zu wirken. "Lasst lieber eure Träume aufblühen (...) Öffnet die Käfigtür und fliegt hinaus! Geht bitte nicht schon vorzeitig in den Ruhestand."

Fünf Monate nach der sogenannten Jugendsynode im Vatikan (siehe Artikelfoto) wendet sich der Papst in einem 60-seitigen Schreiben unter dem Titel "Christus lebt" an junge Menschen und alle Gläubigen.

Polen Weltjugendtag 2016 in Krakau Papst Franziskus (picture-alliance/dpa/A. Weigel)

Das Symbol für Begegnungen von Papst und Jugend: die Weltjugendtage. Hier in Krakau 2016

Über weite Passagen wirkt das Schreiben wie eine werbende Zuwendung des Papstes an junge Menschen, nicht nur an junge Katholiken. Er thematisiert die Träume junger Menschen, ihren Optimismus, aber auch die Schwierigkeiten heutigen Heranwachsens, die Herausforderung durch Migration oder Ausbeutung. Sie selbst sollten "Hauptdarsteller der Veränderung" sein. Einen Bezug zur namentlich nicht genannten #FridaysforFuture-Bewegung kann man durchaus erahnen, wenn der Papst ausdrücklich Engagement bei Demonstrationen nennt. Aber darüberhinaus kommen auch heiße Eisen zur Sprache, die Franziskus in seinen gut sechs Jahren als Kirchenoberhaupt am Herzen liegen und die er immer wieder thematisiert.

Klerikalismus...

Da ist seine Klage über Klerikalismus, das dominante Auftreten von Geistlichen und eine erstarrte Kirche. Der Klerikalismus sei "eine ständige Versuchung" für jene Priester, die ihr Amt als Macht verstünden. Die Kirche dürfe aber "nicht zu sehr auf sich selbst bezogen sein". Ein Teil der jungen Menschen wünsche sich "eine Kirche, die mehr zuhört und nicht ständig die Welt verdammt". Gerade mit Blick auf die Jugend solle die Kirche nicht auf "vorgefertigte Antworten und Patentrezepte" setzen, sondern "starre Schemata" aufgeben und sich öffnen, um den jungen Menschen aufmerksam zuzuhören.

...und die Rolle der Frau

Franziskus thematisiert auch die Rolle der Frau. Eine "übertrieben ängstliche und starr strukturierte Kirche" könne "ständig kritisch gegenüber allen Äußerungen zur Verteidigung der Frauenrechte eingestellt" sein und dauernd Risiken oder mögliche Irrtümer aufzeigen. Wenn eine Kirche lebendig sei, könne sie "den berechtigten Ansprüchen von Frauen, "die größere Gerechtigkeit und Gleichheit verlangen", Aufmerksamkeit schenken und einen Beitrag zu einer "größeren Reziprozität (Wechselseitigkeit) von Männern und Frauen leisten". Der Papst erinnert seine Kirche an eine "lange Geschichte autoritären Verhaltens seitens der Männer", "Unterwerfung und verschiedene Formen von Sklaverei, Missbrauch und machohafte Gewalt". Und an anderer Stelle heißt es, einige junge Frauen spürten, "dass es in der Kirche keine weiblichen Bezugspersonen in Leitungspositionen gibt". 

Vatikan Thomas Andonie übergibt Papst Franziskus Postkarten und Briefe (picture-alliance/Vatican New)

Der Bund der Deutschen Katholischen Jugend (BDKJ) hatte kurz vor der Synode dem Papst Postkarten mit Erwartungen junger Leute aus Deutschland überreicht.

Gerade beim Thema Sexualität nimmt Franziskus lediglich das auf, was das Abschlussdokument der Synode Ende Oktober 2018 ihm geliefert hatte. Er verweist auf den "ausdrücklichen Wunsch" nach Auseinandersetzung mit Fragen zum Unterschied zwischen männlicher und weiblicher Identität, zur Wechselseitigkeit zwischen Mann und Frau und zur Homosexualität. Dieser Begriff wird ein einziges Mal auf 60 Seiten genannt. Im Oktober hatte es bei der Schlussabstimmung der Bischöfe beim Thema Sexualität den größten Gegenwind gegeben. 

Das Thema Missbrauch

Papst Franziskus bekräftigt recht knapp die Absage an jede Form des Missbrauchs. Dieses Phänomen betreffe auch die Kirche und stelle für ihr Wirken ein "ernsthaftes Hindernis" dar. "Es gibt kein Zurück mehr" hinter den notwendigen Aktionen zu rigoroser Prävention und Sanktionen. Er dankt jenen, "die den Mut haben, das Schlimme, das sie erlitten haben, öffentlich anzuklagen".  

Costa Rica Vorbereitung für katholischen Weltjugendtag ind Panama (Reuters/J.C. Ulate)

Jugendliche im Nachbarland Costa Rica auf dem Weg zum Weltjugendtag in Panama 2019

Der Papst thematisiert auch das Aufkommen von neuen "Vereinigungen und Bewegungen" für junge Leute in der Kirche - und mahnt zu deren Beteiligung an der gesamten Seelsorge der Kirche und zur Offenheit. Es gehe nicht um "konservativ oder progressistisch", sondern um die Freude des Evangeliums. Dabei geht es um Gruppierungen, die gerade unter Johannes Paul II. (1978-2005) aufkamen und gestärkt wurden.

 

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