′Papai′ Naldo: ″Wir sind alle gleich″ | Bundesliga | DW | 15.03.2018
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Bundesliga

'Papai' Naldo: "Wir sind alle gleich"

Schalkes Innenverteidiger Naldo erlebt gerade seinen dritten Frühling. Im Interview mit der DW spricht der Brasilianer über seine Frau, seine Ex-Klubs, seine WM-Träume und über Rassismus in Fußball.

DW: Naldo, wie oft werden Sie aktuell auf ihr Alter angesprochen?

Naldo: (lacht) Oft, sehr oft. Für mich gehört das aber dazu. Das ist kein Problem. Ich bin froh, dass ich mit 35 Jahren immer noch Lust habe Fußball zu spielen.

Sie sind der älteste Spieler im Kader des FC Schalke. Ihre Kollegen nennen Sie auch deshalb 'Papai' [portugiesisch für Papa, Anm. d. Red].

Ja, das stimmt. Das hat etwas mit Respekt zu tun und damit, dass ich immer versuche ein Vorbild zu sein. Ich versuche der Mannschaft zu helfen und das nicht nur auf dem Fußballplatz. Ich erkläre ihnen, dass sie immer auf dem Boden bleiben sollen. Deswegen nennen sie mich 'Papai'. Ich bin ein erfahrener Spieler, habe aber trotzdem das Gefühl, dass ich von den Jungs etwas lernen kann. Ich lerne jeden Tag und bringe meine Erfahrung mit ein. Man muss immer im Austausch bleiben und sich gegenseitig mit Respekt behandeln. Das ist ganz wichtig.

Ihr Trainer, Domenico Tedesco, ist drei Jahre jünger - wie würden Sie ihr Verhältnis beschreiben?

Er ist der Chef. Er ist ein sehr intelligenter Trainer und er tut uns sehr, sehr gut. Ich habe großen Respekt, da ist es egal, dass ich auch etwas älter als der Trainer bin. Er bleibt der Chef.

FC Schalke 04 Domenico Tedesco Naldo (picture alliance/Norbert Schmidt)

Haben ein sehr gutes Verhältnis - Innenverteidiger Naldo und sein Trainer Domenico Tedesco

Gehen wir 13 Jahre zurück, damals sind Sie von Brasilien nach Deutschland gekommen. Erinnern Sie sich noch daran?

Das ist schon lange her, aber ich habe immer noch das Gefühl als wäre ich erst gestern zu Werder gekommen. Ich möchte mich besonders bei Thomas Schaaf, meinem damaligen Trainer, bedanken, der mich sehr schnell in die Mannschaft integriert hat. Damals war ich mir sicher, dass ich hier in Deutschland bleiben möchte.

Das ist doch eher untypisch für einen Brasilianer, oder?

Genau. Aber ich komme aus dem Süden von Brasilien und dort ist es ähnlich wie hier in Deutschland. Die Pünktlichkeit zum Beispiel und auch das Wetter ist nicht immer optimal, es ist manchmal saukalt dort. Ich glaube, deswegen hat es sofort gepasst. Es ist schade, dass so viele Brasilianer nach kurzer Zeit wieder nach Brasilien zurückkehren.

Woran liegt das?

Die Frau spielt immer eine große Rolle. Wenn du nach Hause kommst und sie oder deine Familie ist traurig - das ist nicht einfach. Bei mir war das aber anders. Meine Frau hatte immer ein freundliches Gesicht, das war sehr, sehr wichtig für mich.

Sie haben bei ihren ersten beiden Klubs Bremen und Wolfsburg ihre Verträge immer erfüllt. Mittlerweile wechseln viele Spieler recht schnell den Verein. Das Geld spielt dabei eine wichtige Rolle. Wie bewerten Sie das?

Vor zehn Jahren war das etwas anders. Jetzt geht alles immer sehr schnell. Junge Spieler mit 18 oder 19 spielen eine gute Saison und denken sie, wären bereits auf einem hohen Niveau und hätten alles erreicht. Aber das ist falsch. Sie müssen aufpassen, dass sie einen so großen Schritt nicht zu früh machen. Ich habe für Bremen, Wolfsburg und jetzt Schalke immer alles gegeben und versuche für den Verein da zu sein und zu helfen. Nicht nur auf dem Platz, sondern auch außerhalb. Ich will immer ein Vorbild sein und den Verein gut zu repräsentieren.

Sie haben in ihrer Karriere viele Höhepunkte erlebt, aber auch einige Rückschläge verkraften müssen - was ist Ihnen im Kopf geblieben?

Ich werde nie vergessen, als ich nach meiner schweren Verletzung [in der Saison 2010/11, Anm. d. Red.] wieder zurück auf den Platz kam. Das war an meinem Geburtstag und dann auch noch gegen den HSV, ein Derby. Das ganze Stadion ist aufgestanden und hat meinen Namen gerufen - das war ein ganz besonderer Tag für mich. Ich bin ein positiver Mensch und war mir auch damals immer sicher, dass ich zurückkommen werde. Ich habe gekämpft und die Verletzung auskuriert. Eine Verletzung ist aber gar nichts, wenn man sieht, wie viele Menschen im Krankenhaus um ihr Leben kämpfen müssen. Was ist schon eine Verletzungspause von drei Monaten, wenn andere mit einer Krebserkrankung kämpfen müssen? So müssen wir denken, deswegen ist eine Verletzung nie wirklich schlimm.

Vor wenigen Wochen haben Sie sich mit ihrem Ausgleichstor gegen Borussia Dortmund in die Geschichtsbücher des FC Schalke eingetragen.

Bundesliga Borussia Dortmund - FC Schalke 04 (picture-alliance/Fotostand/Wundrig)

Beim Revierderby in Dortmund erzielt Naldo in der Nachspielzeit den 4:4-Ausgleichstreffer

(lacht) Ja, das stimmt. Dieses 4:4 war unbeschreiblich. Das war einfach Wahnsinn. In Dortmund nach einem 0:4-Rückstand noch den Ausgleich geholt. Und das ich dann in der Nachspielzeit noch das 4:4 erziele - das bleibt für immer. Da sprechen wir immer noch drüber, nicht nur im Verein, auch die Fans natürlich. Das war ein Moment, den ich nie vergessen werde.

Leider gibt es im Fußball aber auch immer noch negative Themen, wie Rassismus und Diskriminierung. Zuletzt gab es Vorfälle beispielsweise in Hannover, aber auch in anderen europäischen Ligen. Wie denken Sie über dieses Thema?

Ich bin Integrationspate einer Bundesliga-Stiftung und engagiere mich dort. Ich kann nicht verstehen, dass wir heutzutage noch über Rassismus sprechen müssen und dass solche Vorfälle noch passieren. Das ist einfach traurig. Ich kämpfe dafür, dass es in Zukunft nicht mehr vorkommt. Wir sind alle gleich. Wir müssen immer Respekt für den anderen haben - nur so kann unsere Welt besser werden.

Das nächste Spiel in der Bundesliga ist gegen ihren ehemaligen Verein, den VfL Wolfsburg. Wenn Sie mit Schalke dort gewinnen, könnte es richtig eng für die 'Wölfe' werden.

Ja, das stimmt leider. Ich verfolge Wolfsburg, aber auch Bremen sehr genau. Beide spielen gegen den Abstieg, das ist gerade keine schöne Zeit. Ich denke aber, das Wolfsburg genügend Qualität in der Mannschaft hat. Sie müssen einfach geschlossen auftreten, jeder muss für den anderen laufen - nur so wird es klappen. Ich will aber auf jeden Fall das Spiel am Samstag (ab 18 Uhr MEZ im DW-Liveticker) gewinnen.

Mit welchem Gefühl spielt man gegen den Ex-Verein?

Fussball Bundesliga Wolfsburg vs. Leverkusen (Getty Images/AFP/T. Schwarz)

Auch in Wolfsburg mit vollem Einsatz dabei: Naldo

Ich habe großen Respekt für Wolfsburg und hatte tolle vier Jahre dort. Wenn ich ein Tor schieße, dann werde ich nicht jubeln - aus Respekt. Beide Ex-Vereine bleiben in meinem Herzen und ich drücke ihnen immer Daumen.

Zum Abschluss noch ein kurzer Blick in die Zukunft. Welche Träume haben Sie noch?

Ich habe mit Bremen und Wolfsburg den DFB-Pokal gewonnen. Mit Schalke stehen wir jetzt im Halbfinale gegen Frankfurt. Die Eintracht spielt zwar eine gute Saison, aber es ist mein Traum wieder nach Berlin zu fahren und dort noch einmal den Pokal zu holen.

Ein WM-Finale mit Brasilien in diesem Sommer wäre aber auch schön.

Ja, das wäre auch eine Möglichkeit (grinst), aber es wird eng. Ich werde bei den kommenden Freundschaftsspielen nicht dabei sein, der Trainer wird mich nicht nominieren. Deswegen wird es fast unmöglich für mich dabei zu sein. Aber auch wenn die Chancen minimal sind, ich hoffe immer noch. Ich werde meine Leistung jede Woche auf dem Platz zeigen und dann mal sehen, ob der Nationaltrainer an mich denkt.

Sie haben die doppelte Staatsbürgerschaft, die deutsche und die brasilianische - wem drücken Sie denn die Daumen bei der WM in Russland?

Beiden. Wenn Deutschland und Brasilien aber gegeneinander spielen, bin ich für Brasilien. Wenn die Brasilianer aber rausfliegen, drücke ich natürlich Deutschland die Daumen, das ist klar.

Ronaldo Aparecido Rodrigues, kurz Naldo, wird am 10. September 1982 in Londrina, Brasilien geboren. 2005 wechselt der Innenverteidiger zu Werder Bremen in die Bundesliga. Naldo gewinnt mit den Bremern und später mit dem VfL Wolfsburg den DFB-Pokal. 2016 wechselt er zum FC Schalke. Seit 2014 besitzt der 35-Jährige auch die deutsche Staatsangehörigkeit.

Das Interview führte Thomas Klein.