Panikattacken auf den Ölmärkten | Wirtschaft | DW | 16.09.2019
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Rohstoffe

Panikattacken auf den Ölmärkten

Der größte abrupte Ausfall der Geschichte: Der Angriff auf eine Erdölraffinerie in Saudi-Arabien führt zu heftigen Turbulenzen auf dem Ölmarkt. Am Montagmorgen kostet der Rohstoff zehn Prozent mehr als am Freitag.

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Ölpreis steigt nach Drohnen-Attacken

In den ersten Handelsminuten zum Wochenbeginn waren die Rohölpreise zunächst um bis zu 20 Prozent gestiegen. Am Morgen pendelte der Preis sich dann für die beiden wichtigsten Ölsorten der Welt bei einem Plus von zehn Prozent gegenüber dem letzten Handelstag ein.

Zuletzt kostete ein Barrel (159 Liter) der Nordseesorte Brent 66,54 US-Dollar. Das waren 6,32 Dollar mehr als am Freitag. Der Preis für ein Barrel der amerikanischen Sorte West Texas Intermediate (WTI) stieg um 5,29 Dollar auf 60,14 Dollar. In der Spitze hatten die Rohölpreise ein Viermonatshoch erreicht. US-Präsident Trump genehmigte die Freigabe von Öl aus den strategischen Reserven der Vereinigten Staaten.

Ob es aber tatsächlich dazu kommt, dass die strategische US-Reserve angetastet wird, scheint nicht ausgemacht. "Ich vermute, das ist nur eine verbale Beruhigungsmaßnahme", sagte Energieanalyst Joe McMonigle von der Investmentberatung Hedgeye Risk Management zu der Ankündigung Trumps. "Wenn der Schaden nicht immens ist, bezweifle ich, dass wir ein Anzapfen sehen werden."

Hälfte der saudischen Ölproduktion betroffen

Noch ist der Schaden nicht sicher zu beziffern. Zwar ist rund die Hälfte der aktuellen saudischen Ölproduktion betroffen. Allerdings verfügt auch Saudi-Arabien über große Ölreserven, die im Ausland gelagert sind. Das Land wird damit selbst zu einem großen Puffer in Sachen Liefersicherheit.

Dennoch machen die wachsenden Spannungen in der Golf-Region nach dem Angriff auf die saudiarabische Öl-Anlagen Anleger nervös. Die "Antikrisen-Währung" Gold verteuert sich um 1,6 Prozent auf 1511,91 Dollar je Feinunze. Die Preis-Explosion des wichtigen Importgutes Rohöl schickt derweil die Währungen einiger Schwellenländer auf Talfahrt. Im Gegenzug verteuert sich der Dollar um jeweils etwa ein Prozent auf 5,7388 türkische Lira und 71,67 indische Rupien.

Saudi-Arabien Feuer in der Aramco-Ölaufbereitungsanlage in Abkaik (Reuters)

Aramco-Raffinerie in Abkaik

Aus Furcht vor Liefer-Ausfällen nach den Angriffen in Saudi-Arabien deckten sich Anleger geradezu panikartig mit Rohöl ein. Bei der Nordsee-Sorte Brent führte das zum größten Kurssprung seit dem Golfkrieg von 1992. US-Leichtöl WTI verteuert sich so stark wie zuletzt 2001.

Kurssprung wie nach dem Golfkrieg

Am frühen Samstagmorgen hatten mehrere Explosionen Anlagen des staatlichen Ölkonzerns Saudi Aramco erschüttert. Nach Angaben von Saudi Aramco wurden der die größte Raffinerie des Landes und die größte Rohölstabilisierungsanlage der Welt angegriffen. Betroffen von dem Anschlag ist eine Tagesproduktion von etwa 5,7 Millionen Barrel. Das entspricht rund fünf Prozent des weltweiten Angebots an Erdöl.

Unter den Hauptabnehmern saudischen Öls sind derzeit China, aber auch Japan - allerdings ist die Liste der Länder lang, die saudisches Öl kaufen. Die USA sind mittlerweile dank des Schieferöls praktisch Selbstversorger. Einfuhren aus Saudi-Arabien gingen in den letzten Jahren stark zurück.

Infografik Saudi Arabien Top Export Länder DE

Die Auswirkungen auf den deutschen Markt dürften sich nach Einschätzung des Mineralölwirtschaftsverbandes (MWV) zunächst in Grenzen halten.  "Aus Saudi-Arabien kommt kaum Öl nach Deutschland - 2018 war es ein Prozent", sagte ein Verbandssprecher der Deutschen Presse-Agentur. "Eine Engpass-Gefahr beim Öl besteht für Deutschland also nicht." Der globale Ölpreis könnte sich zwar kurzfristig erhöhen. Ob sich das spürbar und dauerhaft auf deutsche Tankkunden auswirke, sei aber offen. Andere Länder seien mittelfristig in der Lage, ihre Fördermengen auszuweiten und den Ausfall so zu kompensieren.

Bisher geringe Auswirkungen für Deutschland

"Der Drohnenangriff hat den Rohölpreis um sieben Dollar ansteigen lassen", sagte Commerzbank-Chefvolkswirt Jörg Krämer am Montag der Nachrichtenagentur Reuters. "Das erhöht die deutsche Ölrechnung um schätzungsweise fünf Milliarden Euro." Das entspreche nicht einmal 0,2 Prozent des Bruttoinlandsprodukts.

"Allerdings könnten die geopolitischen Unsicherheiten die Stimmung der Unternehmen und Konsumenten belasten, in Deutschland und weltweit", warnte sein Kollege Andreas Rees von UniCredit. "Neben dem Handelskonflikt und dem Brexit ist ein weiterer Unsicherheitsfaktor dazu gekommen." "Allein am Öl wird es wohl nicht liegen, ob es zur Rezession kommt", sagt auch der Chefvolkswirt der Berenberg Bank, Holger Schmieding.

Zapfpistole mit einem Tropfen (picture alliance/dpa/U.Baumgarten)

Bisher kaum höhere Spritpreise in Deutschland

Dennoch könnte ein stärkerer Anstieg des Ölpreises zu Problemen führen: "Ein Anstieg der Ölpreise um zehn Euro pro Barrel würde die deutsche Wirtschaft vermutlich endgültig aus der Stagnation in eine milde Rezession abrutschen lassen", so Schmieding.

Radikal anders sähe das Bild nach Einschätzung der Ökonomen aus, wenn die gegenwärtige Krise zu einem Krieg zwischen den USA und Iran führen sollte. "Das würde die gesamte Golfregion destabilisieren", sagte Commerzbank-Chefökonom Krämer. "Immerhin gehen 30 Prozent der seewärtigen Ölexporte‎ durch die Straße von Hormus."

In diesem Risikoszenario wäre eine Verdoppelung des Ölpreises nicht ausgeschlossen. "Dann würde sich die deutsche Ölrechnung um einen Betrag erhöhen, der 1,6 Prozent des Bruttoinlandsprodukts entspräche", sagte der Volkswirt.  

ar/hb (rtr, dpa, ap)

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