Palmöl - zu viel des Guten? | Wissen & Umwelt | DW | 07.08.2018
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Palmöl - zu viel des Guten?

Palmöl ist allgegenwärtig. Es steckt in Benzin, Kosmetik und Lebensmitteln. Es liefert hohe Erträge und verspricht hohe Gewinne. Das ist ein Problem, denn für seinen Anbau zerstören Unternehmen großflächig den Regenwald.

In grauer Vorzeit diente es als Grabbeigabe. In der traditionellen afrikanischen Medizin wird es verwendet, um Schmerzen zu lindern. Und es steckt in knapp 40 Prozent aller Produkte, die wir heute für den täglichen Bedarf im Supermarkt kaufen können. Ob Donut, Shampoo, Kartoffelchips, Make-up oder Eiscreme - sogar in den Tanks unserer Autos steckt Palmöl.

Eins ist Palmöl ganz sicher, und das ist vielseitig. Das wissen Menschen schon sehr lange. Wahrscheinlich steht Palmöl auf unserer Speisekarte, seit wir als Jäger und Sammler durch die Wälder zogen. Unsere Vorfahren erkannten, dass in den etwa pflaumengroßen Früchten, die dicht gedrängt an der Afrikanischen Ölpalme wachsen, sehr viel mehr Fett steckt, als in jeder anderen Pflanze. Von der Erkenntnis zehren wir noch heute.

Die Verarbeitung von Palmöl lässt sich dank archäologischer Funde 5000 Jahre zurückverfolgen. Erst war es eine einfache Handelsware auf dem afrikanischen Kontinent, heute wird es überall auf der Welt verkauft. Den Startschuss dazu gab die erste Palmölplantage in Indonesien. Gegründet wurde sie von den Briten im ausgehenden 19. Jahrhundert.

Ein Mann geht durch eine Palmöl-Plantage mit Palmfrüchten in den Händen (Bjoern Kietzmann)

Palmölproduktion muss nicht zerstörerisch sein: Es gibt kleine Farmen, die durchaus nachhaltig arbeiten, wie diese in Sierra Leone

In den vergangenen Jahren aber sind Produktion und Nachfrage explodiert. Laut US-Regierung hat sich der weltweite Verbrauch zwischen 1996 und 2017 von etwas über 17 Millionen Tonnen auf mehr als 60 Millionen Tonnen erhöht (siehe Grafik 1). Diese gewaltige Steigerung hinterlässt Spuren. Die Umweltbelastung durch Palmölplantagen ist enorm. Um Platz für neue Anbauflächen zu schaffen, werden gigantische Waldflächen gerodet. Die entwaldeten Flächen werden überwiegend in Monokulturen, also ausschließlich mit Ölpalmen, bewirtschaftet.

"Das erzeugt einen enormen Druck auf die betroffenen Regionen", sagt William Todts. "Das Tempo der Entwaldung ist massiv und wirklich unnötig", ergänzt der Chef der gemeinnützigen Organisation Transport & Environment aus Belgien.

Bedrohung für Arten und Klima?

An vielen Orten ist die Bewirtschaftung der Plantagen alles andere als nachhaltig. Urwald wird gerodet und durch Ölpalmen ersetzt. Insgesamt bedecken solche Plantagen heute laut Rainforest Alliance eine Fläche von 160.000 Quadratkilometern. Das ist mehr als die Fläche ganz Griechenlands. Andere Schätzungen gehen davon aus, dass jede Stunde eine Fläche von 300 Fußballfeldern gerodet wird, um Platz für neue Plantagen zu schaffen.

Infografik Palmöl weltweit Konsum DE

Hier wird der Lebensraum vieler Arten unwiderruflich zerstört. Auf Borneo und Sumatra etwa werden Nashörner, Tiger und Orang-Utans immer weiter zurückgedrängt. Ihr Lebensraum schrumpft und damit auch ihre Überlebenschancen. Einer aktuellen Studie zufolge sind seit 2009 mehr als 100.000 Orang-Utans auf Borneo getötet worden. Die Tiere fielen zum Teil Wilderern zum Opfer, zum Teil starben sie aber auch aufgrund der Rodung ihres Lebensraums für Papiermühlen und Palmölplantagen.

Die Abholzung des Regenwaldes für Plantagen dieser Art ist für 18 Prozent der vom Menschen verursachten Treibhausgase verantwortlich. Die Rodung der indonesischen Wälder ist insbesondere deshalb ein Problem, weil sie laut der US-amerikanischen Union of Concerned Scientists (UCSUSA) mehr Kohlenstoff pro Hektar speichern als der brasilianische Amazonas auf der gleichen Fläche. Grund dafür sind die kohlenstoffreicheren Böden Indonesiens.

Die Abholzung für den Palmölanbau war wohl auch mitverantwortlich für die verheerenden Waldbrände in Indonesien 2015. Gemessen an ihren Treibhausgasemissionen waren die Feuer eine der größten Klimakatastrophen der Welt. Die Brände setzten mehr Treibhausgase frei, als alle in einem Jahr in Deutschland verbrauchten fossilen Brennstoffe zusammen.

Blick aus der Luft auf ein riesiges Areal abgeholzten Regenwaldes (picture-alliance/Mint Images/F. Lanting)

Palmöl ist ein echter Regenwald-Killer: Riesige Waldflächen werden in Rekordgeschwindigkeit gerodet, um Platz für Plantagen zu machen

Indonesien versucht zu verhindern, dass sich so etwas wiederholt, sagt Rod Taylor, Leiter des Waldprogramms des World Resources Institute. Gelingen solle das mit der Förderung einer nachhaltigen Palmölproduktion.

"Es gibt in Indonesien den Vorstoß, die Nutzung von Torfböden zu vermeiden und bereits trockengelegte Torfböden zu vernässen, damit sie wieder Kohlenstoff aufnehmen können", so Taylor. "Die Frage ist nun, wie weit sich die Uhr zurückdrehen lässt und ob man eine Art Gleichgewicht zwischen Landschaft und Produktion finden kann."

Mehr zum Thema: Macht Korruption gigantische Palmöl-Plantagen in Peru erst möglich?

80 Prozent des weltweit produzierten Palmöls stammt aus Indonesien und Malaysia (siehe Grafik 2). Je stärker die Nachfrage steigt, umso eher tendieren Firmen heute dazu, auf andere Länder auszuweichen. In den Fokus rücken nun westafrikanische Länder wie der Kongo. Und auch der Amazonas sei nicht immun, sagt Dirk Embert, Biologe und Südamerika-Experte bei der Umweltorganisation WWF.

"Wir haben Berichte aus immer mehr Ländern, in denen gerade die ersten Palmölplantagen angelegt worden sind. Wenn Sie sich andere tropische Wälder ansehen, dann erkennen Sie, dass das immer der Auftakt zur anschließenden Entwaldung war", so Embert.

Infografik Palmöl weltweit Produzenten DE

Warum ist das Öl so beliebt?

Ölpalmen sind vor allem deshalb so beliebt, weil sie effizienter sind als jede andere bekannte Ölpflanze. Für die Produktion einer Tonne Palmöl braucht man wesentlich weniger Fläche als für die Herstellung der entsprechenden Menge Öl aus Soja, Sonnenblumen oder Raps (siehe Grafik 3).

Die Produktion des Öls trägt einen erheblichen Teil zum Bruttoinlandsprodukt der Erzeugerländer in Asien, Afrika und zunehmend auch in Südamerika bei. Gleichzeitig erfüllt sie die große Nachfrage nach billigem Pflanzenöl zum Kochen und als Brennstoff in Industrie- und Entwicklungsländern, einschließlich China, Indien und Europa.

Infografik Palmöl Ölpflanzen DE

Palmöl wird oft in Lippenstiften verwendet, weil es besonders gut die Farbe hält und fast keinen Geschmack hat. Hersteller von Shampoo verwenden es, um die Austrocknung der Haare zu verhindern, welche durch andere Inhaltsstoffe des Shampoos verursacht werden. Selbst in Bäckereien ist Palmöl verbreitet, weil es bei Raumtemperatur eine feste Konsistenz hat, preiswert und einfach zu verarbeiten ist.

Eine nachhaltige Zukunft?

Gerade weil Palmöl viele positive Eigenschaften hat und ein nachhaltiges Produkt sein kann, will es niemand wirklich verbieten. Stattdessen sei das langfristige Ziel, die Umweltbelastung des Öls zu verringern, sagt Frans Claassen, Vorsitzender derHandelsgruppe European Palm Oil Alliance.

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"Nachhaltigkeit bedeutet, dass wir keine Abholzung mehr haben wollen. Die Frage ist natürlich, wie man das anstellt, wenn gleichzeitig die Produktion ansteigt", sagt Claassen. Eine Antwort sei, die Produktivität der bestehenden Plantagen zu steigern. Aber gleichzeitig gehe es auch um Haftungsfragen und Transparenz in der gesamten Lieferkette der Palmölproduktion, fügt er hinzu.

Ein Mann geht durch eine Palmöl-Plantage mit Palmfrüchten in den Händen (Bjoern Kietzmann)

Palmölproduktion muss nicht zerstörerisch sein: Es gibt kleine Farmen, die durchaus nachhaltig arbeiten, wie diese in Sierra Leone

Tatsächlich gibt es bereits Industriestandards für "nachhaltig produziertes" Palmöl. Der sogenannte Runde Tisch für nachhaltiges Palmöl (RSPO) ist ein Beispiel. Dahinter verbirgt sich das vielleicht am häufigsten genutzte Zertifizierungssystem für Palmöl, auf das sich Produzenten, Verarbeiter und Hersteller von Produkten berufen. Trotzdem ist heute nur rund ein Fünftel des weltweit produzierten Palmöls durch den RSPO zertifiziert. Und die Zertifizierung ist nicht unumstritten. Gruppen wie die UCSUSA sagen, sie lasse Schlupflöcher zu, weil sie nur Primärwälder - also  vom Menschen unberührten Wälder - schütze, andere aber nicht.

Der RSPO sei trotzdem ein ernsthafter Versuch, die schlechten von den guten Praktiken zu unterscheiden, sagt Taylor. Er selbst hat 12 Jahre lang in Indonesien im Bereich nachhaltige Forstwirtschaft gearbeitet. Außerdem hätten Verbraucher eine Menge Möglichkeiten, um sich abzusichern. Smartphone-Apps zum Beispiel, die Barcodes auf Produkten scannen, um nachhaltiges Palmöl zu identifizieren.

"Ich würde nie sagen, dass man Palmöl boykottieren soll. Stattdessen muss man positive Ansätze belohnen. Das ist der bessere Weg. Und die beste Option für einen Verbraucher ist, Teil dieses Lösungsansatzes zu sein", sagt Taylor.

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