Overthrust - Botschafter des afrikanischen Metal | Musik | DW | 13.08.2016
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Musik

Overthrust - Botschafter des afrikanischen Metal

Es sind vier Jungs aus Botswana, die sich aufgemacht haben, der Welt ihren Death Metal zu präsentieren. Die DW hat Overthrust beim Wacken Open Air getroffen. Dort haben sie gezeigt, wo in Afrika der Hammer hängt.

Cool fläzen sie sich beim Interview auf dem Sofa. Natürlich gucken sie auch böse - denn das ist ihr Job, als Metaller. Ein bisschen genervt sind sie auch, das Wetter in Wacken ist nass, trüb und kühl - für sie ist es wie Winter. Frontmann Tshomarelo Mosaka, genannt Vulture Thrust, redet als erster. Plötzlich guckt er gar nicht mehr böse, als er davon schwärmt, wie toll es ist, auf so einem Festival spielen zu dürfen: "Wacken - das ist, wo wir hingehören." Es sei nicht einfach für afrikanische Bands, nach Europa zu kommen, erzählt Vulture. "Ich glaube, wir und unsere südafrikanischen Brüder von 'Zombies Ate My Girlfriend' sind die einzigen Afrikaner, die auf Wacken sind. So sehen wir uns hier als Botschafter für den afrikanischen Metal. Jetzt schreiben wir Geschichte."

Vulkanausbruch

Auf der Bühne ist der Name Programm, "Overthrust" kann man mit "Überdruck" übersetzen: Wie ein ausbrechender Vulkan donnert die Band ihre Musik ins Publikum: wild, roh und dreckig. Der Schlagzeuger, genannt Suicide, bearbeitet fast ununterbrochen die Double Bass Drum, der Bass spielt mit schnellen Läufen mit, darüber brutal verzerrte Gitarrenriffs und dazu Vultures tiefes Growlen.

Wacken - Gitarrist Dawg Thrust rockt auf der Wasteland Stage des W:O:A, (Foto: dpa)

Gitarrist "Dawg Thrust" rockt auf der Wasteland Stage des W:O:A

Die Texte handeln von Tod, Folter, Fegefeuer, menschlichen Abgründen und Dingen, die andere sich nicht trauen auszusprechen. Der kompromisslose, temporeiche Beat mit Vultures düsterem Gebrüll erinnert an die schwergewichtigen Death-Metaller Cannibal Corpse, aber manchmal hört man auch ein bisschen Motörhead. Kein Wunder: Lemmy Kilmister ist ihr unangefochtener Gott. Overthrust lehnen ihr Outfit an Lemmys Look an, gerne nennen sie sich "Death Metal Cowboys".

Overthrust kommen aus Ghanzi, einer kleineren Stadt im Nordwesten Botswanas. An der Polizeischule in der Haupstadt Gaborone lernte Vulture den Gitarristen Shalton Monnawadikgang alias Spencer kennen. Nach einer Jam-Session funkte es sofort musikalisch zwischen den beiden. Sie beschlossen, eine Band zu gründen. Zu Hause in Ghanzi hatte Vulture noch zwei Kumpels. Die machten mit, und so startete die Band 2010.

Selbstbewusste Metal-Szene in Südafrika

In Südafrika gibt es eine große Metalszene. Die meisten Metalheads dort sind weiß. Botswana dagegen, der kleine Nachbar mit zwei Millionen Einwohnern, hat nur eine überschaubare, aber stetig wachsende und selbstbewusste Metalszene. Fast alle Metaller dort sind schwarz. Man steht auf Oldschool Death Metal. Die Mode dazu: schwarzes Leder, Cowboystiefel oder Biker-Boots, Fransen, Nieten und ein bisschen Western-Style. Manche schmücken sich mit Tierknochen. Botswana ist ein Land der Bauern und Landwirte, viele Metalheads kommen aus kleinen Dörfern und tragen mit ihrem Outfit zusammen auch ihre Herkunft und Identität mit sich. Oft wirkt es so, als wollten sich die botswanischen Metaller darin messen, wer am bösesten, am brutalsten wirkt. Von Exotik keine Spur. Der Fotograf Frank Marshall hat die botswanische Szene 2011 besucht und viele Metalheads porträtiert.

Gewöhnungsbedürftige Musik

Viele große Death-Metal-Bands gibt es nicht in Botswana, nennenswert sind neben Overthrust unter anderem Wrust und Crackdust. Eine Handvoll weitere Bands haben sich im gemäßigteren Heavy-Metal-Bereich einen Namen gemacht, darunter Skinflint oder Amok.

Anfangs, erzählt Gitarrist Spencer Thrust, sei es sehr schwer für sie und die anderen Bands gewesen, diese Musik zu spielen. "Die Leute brauchten Zeit, und wir merkten, dass wir ihnen die Musik vorsichtig näher bringen mussten." Die Leute sollten lernen, dass Metal und Rock einfach nur Musikrichtungen sind, die mit Mode, aber nichts mit Religion zu tun haben.

Familienbande

Die Szene sei aufregend, so Vulture, jeder habe eine große Leidenschaft für das, was er da tut. Und alle halten zusammen. Das zeigt sich auch im Verhältnis zwischen Bands und Fans. Auf der Overthrust-Community-Facebook-Seite hatte Vulture im Juni die Hochzeit des Gitarristen Lepololang Malepe alias Godfather verkündet und alle 500 Fans und Freunde eingeladen, "mit unserem Bruder" zu feiern.

Die Band veranstaltet jährlich das "Overthrust Winter Metal Mania Fest", ein Festival von und für die Metalszene im südlichen Afrika. 2010 wurde es ins Leben gerufen, um die Szene zusammenzubringen. Mittlerweise ist auch eine Charity-Veranstaltung daraus geworden, die nicht nur den Metal-Nachwuchs in Botswana unterstützt sondern auch Gelder für die lokale Aids-Hilfe sammelt.

Overthrust touren durch Deutschland und die Schweiz. Ihr Auftritt auf dem Wacken Open Air hat die Metalszene aufhorchen lassen. Am kommenden Mittwoch (17.08.2016) endet ihre Minitour in Hamburg auf dem internationalen Sommerfestival Kampnagel. Dort treffen sie auf die Kölner Black-Metal-Ungetüme von Ultha - für "Normalos" sicher das Tor zur Hölle - für die Metaller aus Afrika ein Riesenspaß. Wenn sie wieder nach Hause fliegen, werden sie viel Erfahrung, neue Kontakte und die Gewissheit im Gepäck haben, dass die Welt nun weiß, was Metal aus Afrika bedeutet.

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