″Osteuropäer erwarten nicht, dass etwas Gutes passiert″ | Europa | DW | 30.01.2019
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Rumänien

"Osteuropäer erwarten nicht, dass etwas Gutes passiert"

Migration kann schmerzhafte Folgen haben - das weiß die rumänische Autorin Lavinia Braniște aus eigener Erfahrung. Doch was müsste sich in Rumänien ändern, damit nicht mehr so viele Bürger dem Land den Rücken kehren?

Deutsche Welle: Die Protagonistin Ihres Romans "Null Komma Irgendwas", Cristina, ist eine einsame junge Philologin, die in einer Bukarester Baufirma als Sekretärin arbeitet. Sie leidet sehr darunter, dass ihre Mutter in Spanien arbeitet. Arbeitsmigration und Braindrain gehören schon seit langem zu den Problemen Ihres Heimatlandes, das zurzeit den EU-Ratsvorsitz hat. Seit Rumänien 2007 der Europäischen Union beigetreten ist, verlassen noch mehr Bürger ihr Land als zuvor - vor allem, um in anderen EU-Ländern zu arbeiten. Auch in Ihrem neusten Kinderbuch greifen Sie das Thema Arbeitsmigration auf: Es geht um eine traurige kleine Schnecke, deren Mutter auf der anderen Seite der Straße arbeitet. Wieso beschäftigen Sie sich literarisch so intensiv mit diesem Thema?           

Lavinia Braniște: Ich habe der Protagonistin meines Romans sehr vieles aus meinem eigenen Leben "ausgeliehen". Diese Erfahrung ist auch meine, denn meine Mutter arbeitet seit 15 Jahren im Ausland. Das Kinderbuch über die kleine Schnecke war eine Auftragsarbeit für einen Verlag aus der Republik Moldau: Der Verleger kannte meine Sensibilität für das Thema Migration, weil ich es bereits in früheren Kinderbüchern aufgegriffen hatte - in einer Serie über ein kleines Schweinchen namens Rostogol. 

Welche Erfahrungen haben Sie gemacht, als Ihre Mutter Rumänien verlassen hat, um im Ausland zu arbeiten?

Als meine Mutter nach Spanien gegangen ist, war ich schon im zweiten Studienjahr an der Uni - ganz anders als viele Kinder in Rumänien, die schon sehr früh bei den Großeltern zurückbleiben und völlig verwirrt sind, wenn die Eltern ins Ausland gehen. Doch auch für mich als Erwachsene war es sehr schwierig - genau wie für meine Großeltern. Meine Mutter lebte eine Zeit lang illegal in Spanien, ohne die nötigen Papiere, und konnte damals nicht nach Rumänien reisen - auch dann nicht, als mein Großvater sehr krank wurde. Als sie nach Spanien ging, wusste sie nicht, dass sie ihren Vater nie wieder sehen würde. Es war eine sehr schmerzhafte Erfahrung für die ganze Familie. Erst nach mehreren Jahren hatte meine Mutter die nötigen Papiere und konnte uns in den Ferien besuchen.

Direkt nach meinem Studienabschluss dachte ich auch darüber nach, nach Spanien auszuwandern. Ein Jahr habe ich dort verbracht - begleitet von dem Gefühl, mein Leben sei weder dort, noch hier. Ich schien nirgendwo zu sein, und verstand weder, was zu Hause geschah, noch was im anderen Land vor sich ging. Ich glaube, bei Migranten, die schon lange fern der Heimat leben, verschwindet dieses Gefühl mit der Zeit, vermutlich finden sie irgendwann ihren Frieden. Aber vielleicht bleiben Spuren dieses Gefühls ein Leben lang: dass dein Platz weder hier, noch drüben ist.  

Was müsste sich in Rumänien ändern, damit nicht mehr so viele Menschen das Land verlassen?

In erster Linie braucht man bessere Löhne, alles beginnt mit der Wirtschaft. Wenn du genug Geld hast, um dir keine Sorgen darüber zu machen, wie du irgendwie durch den nächsten Tag kommst, folgt alles andere: der Zugang zur Kultur, zur Bildung, zur Freizeitgestaltung usw. 

Auf politischer Ebene brauchen wir Leute, die sehr gut qualifiziert sind für die Bereiche, die sie verantworten. Sie müssen intelligent, kompetent und gebildet sein, brauchen guten Willen, Visionen und langfristige Strategien.

Rumänien, Vitoriei: Demonstranten am Vicgtory Platz (picture-alliance/J. Arriens)

Demonstranten in Bukarest: "Die Bürger spüren, dass sie eine Stimme haben"

Im Rahmen der Reihe "Literatour d'Europe", initiiert von der Vertretung der EU-Kommission in der ehemaligen Bundeshauptstadt und dem Literaturhaus Bonn, haben Sie in Bonn aus Ihrem Roman gelesen. Auf die Frage, ob Sie sich als Europäerin definieren, antworteten Sie auf der Lesung in Deutschland, Sie würden sich als "Osteuropäerin" sehen. Wieso sind "Osteuropäer" aus Ihrer Sicht denn anders als "Westeuropäer"?

Typisch für uns Osteuropäer ist eine gewisse Bescheidenheit und Demut, man erwartet nicht, dass etwas Gutes passieren könnte. Im Laufe der neueren Geschichte ist etwas in uns zerstört worden, vor allem während der kommunistischen Diktatur: die Hoffnung auf etwas Gutes. Und dann besteht deine Überlebenstechnik darin, mit dem Schlechten irgendwie klar zu kommen. Das ist so ziemlich alles, was du dir vornimmst: dich irgendwie durchzuwursteln...  

Beim Treffen mit Ihren deutschen Lesern sagten Sie aber auch, dass Sie noch Hoffnungen für die Zukunft Rumäniens haben.

Ja, denn es gibt neue Parteien und Menschen mit neuer Energie, die diesen beitreten - hauptsächlich junge Leute, aber auch ältere. Wenn die politische Landschaft Rumäniens erneuert wird, gibt es Hoffnung auf positive Veränderungen. Das braucht aber seine Zeit. 

Schon seit Anfang 2017 gibt es in Rumänien immer wieder Demonstrationen gegen Korruption, gegen die aktuelle Regierung und für europäische Werte, bei den Protesten sind auch EU-Flaggen zu sehen. Auch die Zivilgesellschaft ist in den letzten Jahren aktiver geworden als früher. Sehen Sie darin auch einen Grund zur Hoffnung?  

Ja, denn es entsteht eine Protest-Kultur. Die Menschen erkennen, dass sie das Recht haben, zumindest Erklärungen zu fordern für das, was passiert, statt einfach nur alles zu akzeptieren. Es ist gut, dass die Bürger protestieren und spüren, sie haben eine Stimme. Auch die Kultur des Ehrenamts, der freiwilligen Arbeit, ist etwas Neues für Rumänien. Ich glaube, schön langsam lösen wir uns von jenem übertriebenen Individualismus, den die kommunistische Diktatur hervorgebracht hatte: Jeder versuchte, sich einzeln zu retten, die anderen interessierten ihn nicht. Heute haben wir ein Bewusstsein dafür, dass wir in einer Gemeinschaft leben, und dass uns das Gemeinwohl interessieren muss.

Die rumänische Schriftstellerin und Literaturübersetzerin Lavinia Braniște lebt und arbeitet in Bukarest. Ihr Buch mit dem rumänischen Originaltitel "Interior zero" wurde 2016 in Rumänien zum besten Roman des Jahres gewählt. 2018 erschien die deutsche Übersetzung im Verlag Mikrotext, unter dem Titel "Null Komma Irgendwas".

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