Olympia-Beteiligung Nordkoreas - Na und? | Asien | DW | 25.01.2018
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Asien

Olympia-Beteiligung Nordkoreas - Na und?

Südkorea bereitet sich auf seine ersten Olympischen Winterspiele vor. Dass auch nordkoreanische Athleten mit von der Partie sein werden, erfreut nicht unbedingt jeden. Fabian Kretschmer aus Pyeongchang.

Für Bae Seong-han, einen 40-jährigen Familienvater aus der Seouler Vorstadt, war es Ehrensache, dass er seinen diesjährigen Winterurlaub mit Frau und Kindern in Pyeongchang verbringen wird. Der Olympia-Ort liegt etwa 130 Kilometer östlich der Hauptstadt auf 700 Metern Höhe. Bae steht am Fuße des Skihangs in der Wintersportanlage Alpensia (Artikelfoto), wo schon bald die Biathleten um die Medaillen kämpfen werden. An diesem eisigen Januartag rasen jedoch nur seine zwei siebenjährigen Zwillinge durch den Schnee – auf neongelben Plastikschlitten.

 "Als ich im Alter meiner Söhne war, da fand bei uns in Seoul gerade die Sommerolympiade statt (1988 – Red.)", erinnert sich der Büroangestellte mit der schwarzen Baseballkappe. Aufgrund schleppender Ticketverkäufe habe die Regierung damals Eintrittskarten an die Grundschulen verteilt. "So konnte ich auch einmal dabei sein, das war rückblickend ein einschneidendes Erlebnis", sagt er. Zum ersten Mal seit dem Koreakrieg habe die Welt nach Südkorea geschaut – eine aufstrebende Wirtschaftsnation, dessen Bevölkerung kurz zuvor ihrer Militärregierung freie Wahlen abgerungen hat.

Olympische Flamme trifft in Südkorea ein (Getty Images/C. Sung-Jun)

Die südkoreanische Eiskunstläuferin You Young bringt die olympische Flamme nach Inchon

Tauwetter dank Winterspielen?

In diesem Jahr jedoch sorgt vor allem der nördliche Nachbar für Schlagzeilen: Noch vor wenigen Monaten galt Nordkorea als Unsicherheitsfaktor, der drohend über einer erfolgreichen Ausrichtung der Olympischen Winterspiele in Pyeongchang schwebte. Unter ausländischen Wintersportverbänden regte sich Unbehagen bei dem Gedanken, ihre Athleten ins 80 Kilometer von der innerkoreanischen Grenze entfernte Pyeongchang zu schicken. Die französische Sportministerin Laura Flessel erwog im letzten September gar einen Olympia-Boykott.

Seit seiner Neujahrsansprache hat Nordkoreas Diktator Kim Jong Un das Blatt jedoch gewendet  und einen regelrechten PR-Coup gelandet: Die beiden Korea haben sich nicht nur während den ersten gemeinsamen Gesprächen seit zwei Jahren über Nordkoreas Olympia-Teilnahme geeinigt, sondern werden auch ein gemeinsames Frauen-Eishockeyteam ins Turnier schicken und unter derselben "Einheits-Flagge" einlaufen. Der Bob-Weltverband regt zudem ein gemeinsames Viererbob-Team an.

Herrn Bae verärgert das: "Um ehrlich zu sein, weiß ich gar nicht, was die Nordkoreaner sich überhaupt von den Winterspielen erwarten. Letztendlich geht es doch um den Sport, und da haben die doch eher mittelmäßige Athleten". Tatsächlich hat sich nur ein nordkoreanisches Eiskunstlauf-Paar regulär qualifiziert, die restlichen Teilnehmer sind auf Wildcards des IOC angewiesen.

Südkorea Gespräche zwischen Nord- und Südkorea in Panmunjom (picture-alliance/dpa/YNA)

Innerkoreanische Gespräche zum Jahresbeginn brachten olympische Annäherung

"Wir beschäftigen uns wenig mit Nordkorea”

Von Südkoreas linksliberaler Regierung wurden die sportdiplomatischen Avancen des Nordens jedoch mit offenen Armen aufgenommen. Präsident Moon Jae-in spricht gar von symbolischen "Friedensspielen" in Pyeongchang, die einen historischen Wendepunkt auf der koreanischen Halbinsel darstellen könnten.

In Pyeongchang scheint sich derzeit niemand um einen militärischen Konflikt während der Spiele zu sorgen. Die Studentin Han Eun-hee sagt, Nordkoreas-Teilnahme sei prinzipiell eine gute Sache. In rotweiße Skianzüge gekleidet, huscht die 19-Jährige mit zwei Freundinnen über den Hauptplatz der Alpensia-Anlage in Richtung Mensa. Als freiwillige Helferin wird sie während der Winterspiele die sozialen Netzwerke mit Foto-Schnappschüssen und lustigen Anekdoten befeuern.

"In unserer Generation beschäftigen wir uns im Grunde wenig mit Nordkorea. Eine Wiedervereinigung wollen die wenigsten", sagt Han. Viele ihrer von Jugendarbeitslosigkeit geplagten Altersgenossen würden sich zuallererst sorgen, dass eine Wiedervereinigung große Opfer mit sich bringen würde. "Ich glaube allerdings, dass es längerfristig eine gute Sache ist", sagt sie.

Freiwillige im südkoreanischen Olympia-Ort Pyeongchang (DW/Fabian Kretschmer)

Diese Studentinnen sollen während Olympia mit Social-Media-Aktionen die Stimmung anheizen

Frustrierte Taxifahrer

Einen Steinwurf entfernt zeigt die benachbarte Ortschaft Daegwallyeong sich von ihrer schönsten Seite: Einstöckige Backsteinhäuser säumen verkehrsberuhigte Straßen, ein zugefrorener Bach schmiegt sich um den Ortskern. Die Restaurants servieren "Hwangtae" – in den Winterluft getrockneten Seelachs.

Der 53-jährige Kim Ik-ne kann der dörflichen Idylle jedoch nur wenig abgewinnen. Mit seinen Kollegen sitzt er in der örtlichen Taxizentrale, trinkt Pulverkaffee aus Pappbechern und wartet auf Kundschaft. Die bleibt an diesem Nachmittag jedoch aus. "Normalerweise machen wir während der Wintersaison den meisten Umsatz", sagt er in schwerem Lokaldialekt. Herr Kim trägt eine getönte Brille, sein Gesicht wird von tiefen Furchen gezogen. "Dieses Jahr jedoch kommen kaum Touristen, denn das Skiresort ist für die Öffentlichkeit gesperrt. Für uns bedeuten die Olympischen Spiele vor allem ein saftiges Minus", sagt er. Und wenn die Besucher der Spiele endlich eintreffen? "Der IOC hat über tausend Shuttle-Busse organisiert, die zum nächsten Bahnhof fahren. Wir werden kaum gebraucht", sagt der Taxifahrer. Seine Kollegen nicken stumm. 

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