Oktoberfest: Die dunkle Seite der Wiesn | Kultur | DW | 04.10.2019
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#MeToo

Oktoberfest: Die dunkle Seite der Wiesn

Oktoberfest: Bier, Blasmusik, Party. Im Überschwang fallen schon mal Grenzen - nicht nur gegenüber weiblichen Gästen - auch gegenüber Mitarbeiterinnen. Unsere Autorin arbeitet als Rosenverkäuferin auf der Wiesn.

Ein Oktoberfest-Tag beginnt für mich, wie wahrscheinlich für viele andere Wiesn-Mitarbeiterinnen auch, immer mit dem gleichen Ritual: mich hübsch herzurichten. Zuerst die täglich größer werdenden Augenringe kaschieren, dann mit allerhand Make Up das Gesicht schminken, die Lippen nachzeichnen, Bluse und Strumpfhose anziehen, ins Dirndl schlüpfen, die Schürze links oder rechts binden, Dekolleté zurechtrücken, Trachtenschal umlegen und schließlich in die Radlerhose schlüpfen.

Moment: Warum eine Radlerhose unterm Dirndl? Die Frauen, die draußen arbeiten, nehmen sie gerne zum Schutz vor der Kälte. Für die Bedienungen in den Festzelten aber können sie eine Schutzbarriere gegen Grapscher sein. Der "Radler" unterm Kittel ist an den sensiblen Stellen gepolstert - und dennoch so eng, dass sie unsichtbar ist. Verirrt sich eine Männerhand dorthin, heißt es für ihren Besitzer sofort: kein Rankommen.

Auf dem Oktoberfest geht es schon vormittags in die Vollen

So präpariert gehen Kellnerinnen, Blumen- und Brezn-Verkäuferinnen und andere Mitarbeiterinnen täglich auf die Wiesn - zwei Wochen lang - jetzt noch bis zum 6. Oktober. Noch vor dem Mittag laufen Gäste, Bedienungen, Köche und Verkäufer zur Hochform auf. Es wird konsumiert, was Küche und Schänke hergeben.

Auf einem Anstecker steht offizielle Dekolletékontrolleure

Männlicher Wiesn-Humor: Offizielle Dekolletékontrolleure

Die Stimmung steigt und Fremde werden zu Freunden, Besucher aus aller Welt liegen sich in den Armen. In der alkoholgeschwängerten Verbrüderung schrumpft die Komfortzone - es wird enger zwischen den Gästen - und manche Finger gehen auf Wanderschaft. Nicht nur Taschendiebstahl, sondern auch sexuelle Übergriffe sind auf der Theresienwiese leider an der Tagesordnung. 

25 sexuelle Übergriffe in acht Tagen

Egal ob Mitarbeiterinnen oder Besucherinnen, Frauen sind auf dem Oktoberfest vor Belästigungen nicht sicher. 25 Sexualdelikte, davon drei Vergewaltigungen, verzeichnete das Polizeipräsidium München bereits zur Halbzeit des diesjährigen 186. Oktoberfests. Insgesamt waren es 465 Straftaten (außer Sexualdelikten auch Diebstahl, Vandalismus etc.) in acht Tagen.

Das Erfreuliche: Die Sexualdelikte nehmen seit dem Allzeithoch 2017 etwas ab. 67 sexuelle Übergriffe wurden damals gezählt, ein Jahr später waren es noch 45, bestätigt Polizei-Sprecherin Claudia Künzel gegenüber der Deutschen Welle.

#MeToo: Mehr Anzeigen

Ungeachtet der Zahlen ist jeder Vorfall, der Besucher gleichermaßen wie Oktoberfest-Angestellte treffen kann, einer zu viel. Unsittlichkeiten wurden in der Vergangenheit als Kavaliersdelikt "toleriert" oder auch ganz einfach totgeschwiegen - oftmals aus Scham.

Frauen in Dirndln besuchen in München das Oktoberfest 2019

Die sexuellen Übergriffe auf dem Oktoberfest nehmen ab

Das ist seit der #MeToo-Debatte anders. Die Opfer sexueller Übergriffe sind mutiger und selbstbewusster geworden. Frauen - und auch vereinzelt Männer - lassen Übergriffe nicht mehr über sich ergehen, sondern zeigen die Täter bei der Polizei an.

Andere öffentliche Wahrnehmung

Den Po der Bedienung tätscheln, der Blumenverkäuferin über die Wange streicheln oder mal kurz die Fremde links auf der Bierbank küssen - so etwas bleibt längst nicht mehr ohne Folgen - denn in der öffentlichen Wahrnehmung werden derlei Körperlichkeiten inzwischen ganz anders bewertet.

Daraus ergeben sich mehr komplexe Fragen als einfache Antworten: Was darf sich ein Mann erlauben? Was darf sich eine Frau erlauben? Wie nah darf ich einer Frau generell kommen und wo sind ihre Grenzen? Dürfen Firmenchefs noch Rosen an die Mitarbeiterinnen verschenken? Werden vermeintlich harmlose Zeichen der Zuneigung immer öfter falsch gedeutet? Breche ich einen Verhaltenskodex, wenn ich Signale setze, die das Gegenüber als "Anmache" oder als erotisch interpretiert?

Enge in den Festzelten auf dem Oktoberfest 2019

Enge in den Festzelten sorgt auch für ungewollte Anmache

Dunkelroter Lippenstift soll abschrecken

Manche Oktoberfestgäste sind tatsächlich sensibler geworden und denken lieber zweimal darüber nach, ob sie sich bei der Nachbarin wirklich einhaken zum Schunkeln - oder es lieber lassen. Der überwiegende Teil der Oktoberfest-Besucher wird jedoch weiterhin die lockere, zum Schunkeln verleitende Bierzelt-Atmosphäre zum schonungslosen Anbandeln nutzen.

Gegen die "Kussjäger" - Männer, die am Ende des Tages das ganze Gesicht voller Lippenstift verschiedenster Wies'n-Schönheiten haben wollen - verwenden viele Wiesn-Kellnerinnen ein einfaches Rezept: Sie schminken sich ihre Lippen dunkelrot, weil dies eine abschreckende Wirkung auf Männer haben soll. Genau so mache ich es als Rosenverkäuferin auch - und bin bisher gut damit gefahren.

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