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"Obwohl es dich gibt": Die Künstler und die Militärs

Kersten Knipp28. März 2014

Nach dem Putsch von 1964 versuchten die brasilianischen Militärs auch Literatur und Musik zu kontrollieren - vergeblich. Denn damals schufen Künstler und Intellektuelle die Basis der brasilianischen Gegenwartskultur.

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Demonstration gegen die Militärherrschaft 1964 (Foto: AP)
Bild: picture-alliance/AP Photo

Seit Jahren haben sie den Staat in der Hand, und ihre Macht wächst ohne Unterlass. Erlasse, Dekrete, Gesetze vergrößern ihre Befugnisse, und den Bürgern, den oppositionellen zumal, bleibt immer weniger Raum. Widerstand ist dringend geboten.

Doch wie? "Tentar fazer uma coisa" – "versuchen, etwas zu tun": der Gedanke, der brasilianischen Militärherrschaft etwas entgegenzusetzen, klang zunächst noch etwas hilflos. Ende März 1964 hatten die Generäle in einem – unblutig verlaufenem – Putsch den damaligen Präsidenten João Goulart gestürzt. Doch erst einige Jahre später entschlossen sich Teile der brasilianischen Gesellschaft, den Machthabern in Uniform entgegenzutreten. In den späten 1960er Jahren formierte sich der Widerstand, vor allem an den Universitäten des Landes.

Arbeit am Bewusstsein

Der Widerstand inspirierte sich vor allem an der europäischen und nordamerikanischen Protestkultur. Was man in Paris, London, Frankfurt und San Francisco las, füllte auch die Buchläden in Rio de Janeiro und São Paulo: Mao, Gramsci und Adorno wurden ebenso zu Bestsellern wie die deutlich verhaltener argumentierenden Soziologen Émile Durckheim und Max Weber. Die französischen Philosophen – Bataille, Barthes, Foucault – hielten Einzug, und auch die Klassiker des revolutionären Bewusstseins brachten es zu neuen Ehren: Karl Marx, Leo Trótzky, Isaac Deutscher. Der Philosoph Fanklin Leopoldo e Silva, damals Professor an der Universität von São Paulo, erinnert sich:"Wir lasen Brecht, Marcuse und Lukács, die Zeitschriften Civilização Brasileira und Paz e Terra. Gleichzeitig öffneten wir uns dem restlichen Lateinamerika: Che Guevara, Régis Debray, Camilo Torres."

Entsprechend intensiv verliefen die Diskussionen. "Einige Unterhaltungen wurden lautstark geführt, andere leise und verschwörerisch, was damals noch nicht nötig war, aber sehr reizvoll", beschreibt der Journalist Fernando Gabeira die Situation des Jahres 1968.

Eine kleine ideologisch-kulturelle Infrastruktur breitete sich so um die Universitäten aus: Programmkinos, Theater, Konzertsäle, Kneipen: alles, was es brauchte, die Ideologie abzurunden und noch mehr die Phantasie anzuregen. Der literarisch-philosophischen Zaubertrank inspirierte die Leser zu kühnen Träumen. „Wir waren überzeugt, eine bessere Welt zu schaffen", erinnert sich der Regisseur Cacá Diegues. „Mit unseren Filmen und Theaterstücken würden wir die Menschheit erlösen."

Ausstellung zum Gedenken an die Militärdiktatur, 6. 8. 2013 (Foto: AFP / Getty Images)
"Nieder mit der Diktatur": Foto in einer GedenkausstellungBild: AFP/Getty Images

Und wenn das Ganze noch nicht zur direkten Aktion gereift war, so drängte es unterschwellig doch in diese Richtung. "Nicht nur die Filme, Bühnenstücke Lieder wurden nach politischen Kriterien beurteilt, auch Liebesverhältnisse wurden einer ideologischen Prüfung unterzogen", notiert rückschauend der Schriftsteller und Journalist Ruy Castro.

Politische Wettervorhersage

Die Militärs gingen rigoros gegen diese politische Gegenkultur vor. Sie wollten ihr konservatives, streng katholisch geprägtes Weltbild ebenso erhalten wie ihre Entscheidungsmacht in sämtlichen politischen Fragen. Verhaftungen an den Universitäten waren an der Tagesordnung.

Die Menschen verschwanden in den Gefängnissen. Doch die Ideen blieben weiter präsent. Um auch sie zu besiegen, setzten die Militärs auf Zensur im großen Stil. Zeitungsredaktionen mussten ihre Texte vorab prüfen lassen. Durch kam nur, was genehm war – oder so subtil formuliert, dass es übersehen wurde. Das "Jornal do Brasil" etwa kleidet seine Kritik im Dezember 1968 in die Form einer Wettervorhersage: „Tempo negro“, stand da zu lesen, „schwarzes Wetter“ (oder auch: „schwarze Zeit“). „Die Luft lässt sich kaum atmen. Höchsttemperatur: 38 Grad in Brasília. Tiefsttemperatur: 5 Grad in Laranjeiras.“ Die Leser verstanden: 38 war die Nummer eines damals erlassenen Aktes, der die Auflösung des Kongresses verfügte. Und Laranjeiras war der Ort, an dem der damalige Präsident, General Artur da Costa e Silva, den Ato Institucional 5,kurz AI-5, angekündigt hatte, einen Erlass, der die Bürgerrechte auf drastische Weise beschnitt.

Ein bitterer Kelch

Ebenso versuchten die Militärs auch die populären Sänger des Landes unter Kontrolle zu bekommen. Anlass dazu hatten sie. Denn in Zeiten, in denen es keine politischen Parteien gab, durch die sich das Gros der Bevölkerung hätte artikulieren können, fiel es den Künstlern, und hier insbesondere den Sänger zu, die Anliegen ihrer Landsleute aufzugreifen und in Formen zu kleiden, die ganz besonders griffig waren. So erreichten die populären Sängerinnen und Sänger ihrer Zeit – Chico Buarque, Caetano Veloso, Gilberto Gil, Gal Costa, Maria Bethania, um nur ein paar zu nennen – ein Millionenpublikum. Alle sind sie Repräsentanten des tropicalismo, jener musikalisch-politischen Bewegung, die seit den späten 1960er Jahren die kulturelle Szene Brasiliens beherrschte.

Der brasilianische Sänger Chico Buarque, 15.2. 2006 (Foto: dpa)
Obwohl es dich gibt, wird morgen ein neuer Tag sein: Chico BuarqueBild: picture-alliance/dpa

Manche der Stücke provozierten die Militärs sehr stark. Chico Buarque etwa musste erleben, dass fünf seiner Stücke in Teilen und drei in Gänze zensiert wurden – darunter das gemeinsam mit Gilbero Gil geschriebene "Cálice – "Kelch". Mit diesem Kelch war derjenige gemeint, von dem Jesus Christus hofft, sein göttlicher Vater möge ihn an ihm vorüber gehen lassen. Schon das ließ sich als Anspielung auf die harten Jahre der Diktatur verstehen. "Vater, erspare mir diesen Kelch von rotem Blut", heißt es in dem Stück. Denn wie solle man den Inhalt des Kelches genießen, wie "den Schmerz hinunterschlucken, wie die Mühsal verdauen", wie es in dem Lied weiter heißt? Doch neben der schweren, geradezu neutestamentarischen Bedeutung hatte der Titel eine andere, leichtere und freche Bedeutung: Denn es fällt nicht schwer, hinter "Cálice" auch noch die Aufforderung "cale-se" –"Schweig!" zu verstehen. Die Bürger, so deutet Buarque es an, hatten zu schweigen, durften den Mund nicht aufmachen. Und durch ihr Schweigen ergab sich jene gespenstische Stille inmitten der Großstadt, die das Lied dann erwähnt.

Die aufkommende Zivilgesellschaft

Und als wollte er sich mit dieser Stille nicht abfinden, sondern sie im Gegenteil mir aller Macht vertreiben, schrieb Buarque 1970 ein Lied, das zur Hymne der Widerstandsbewegung wurde: "A pesar de você / Amanhã há de ser outro dia" – "Obwohl es euch gibt, wird morgen ein neuer Tag sein". Der Text des Liedes schien vom Ende einer unglücklichen Liebesbeziehung zu handeln – tatsächlich war er gemünzt auf den Machthaber der damaligen Zeit, Präsident Emílio Garrastazu Médici. Der oder seine Zensoren reagierten umgehend: Das Stück wurde mit sofortigem Aufführungsverbot belegt. Zum fünfzigsten Jahrestag präsentiert die Zeitung O Globo in ihrer online-Ausgabe dieses und andere Lieder oppositioneller Musiker in Videofilmen der damaligen Zeit.

Aufarbeitung: Brasiliens Präsidentin Dilma Rousseff gedenkt mit Mitgliedern der Wahrheitskommission der Opfer der Militärs, 16.5. 2012 (Foto: dpa)
Aufarbeitung: Brasiliens Präsidentin Dilma Rousseff gedenkt mit Mitgliedern der Wahrheitskommission der Opfer der MilitärsBild: picture-alliance/dpa

Trotzdem: Auf Dauer ließ sich die neue Kultur nicht unterdrücken. Die mit der Chiffre "1968" verbundenen neuen Lebensstile und Verhaltensweisen fanden ihren Weg in immer weitere Bevölkerungskreise, die sie zumindest in Teilen aufnahmen. Lässige Kleidung, lange Haare, ein permissives Weltbild: All das passte in die anbrechende Zeit der Freiheit, die sich zunächst kulturell und einige Jahre später dann auch politisch durchzusetzen begann.