Nothelfer bauen Lager in Frankreich | Europa | DW | 18.02.2016
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Europa

Nothelfer bauen Lager in Frankreich

Frankreich hat das Flüchtlingselend bislang weitgehend ignoriert. Jetzt greifen die "Ärzte ohne Grenzen" ein. Die Hilfsorganisation baut ein großes Flüchtlingslager - erstmals in Europa. Von Bernd Riegert, Dünkirchen.

500 weiße Zelte für jeweils sechs Personen stehen entlang einer schnurgeraden Lagerstraße. Aufgestellt werden sie zwischen der Eisenbahnlinie und der Autobahn unweit von Grand Synthe, einem Stadtteil der französischen Stadt Dünkirchen an der Kanalküste. Das Flüchtlingslager ist noch nicht ganz fertig. Im März sollen 2500 Migranten einziehen, die jetzt einige hundert Meter entfernt in einem wilden Camp im Schlamm ohne ausreichende Toilettenanlage und Heizung ausharren müssen.

Auf den ersten Blick erinnert das neue Lager an ähnliche Camps, wie es sie in der Türkei oder Syrien gibt. Dieses hier steht aber mitten im reichen EU-Mitgliedsland Frankreich. Die internationale Hilfsorganisation "Ärzte ohne Grenzen" (MFS) baut und betreibt das Lager. Es ist das erste seiner Art in der Europäischen Union. Bislang hatten die "Ärzte ohne Grenzen" in Griechenland und Bulgarien in kleineren Einsätze Flüchtlinge medizinisch versorgt. Ansonsten konzentriert sich die Nichtregierungsorganisation auf arme Staaten in der Dritten Welt.

Die MFS um Hilfe gerufen hatte der Bürgermeister von Grande Synthe, der Grüne Damien Careme. "Ich habe es einfach nicht mehr ertragen, diese Kinder so zu sehen", sagte Careme in einem Zeitungsinterview.

Frankreich in Not?

Das wilde Camp war im vergangenen Herbst auf einem Baugelände angewachsen - mitten in einem Wohngebiet. Hunderte irakische Kurden hatten das Areal besetzt. Sie waren zuvor aus dem "Dschungel von Calais" geflohen, einem ebenfalls wilden Camp in der 40 Kilometer entfernten Hafenstadt. Dort hatte es zunehmend Auseinandersetzungen mit arabischen Flüchtlingsgruppen und auch der Polizei gegeben, berichten Migranten im Lager von Grande Synthe.

Ärztin Caroline Gollé - Foto: Bernd Riegert (DW)

Ärztin Grollé: "Zunächst Masern- und Grippeimpfungen"

Das neue Flüchtlingslager entsteht nun auf einem Areal, dass der Bürgermeister den "Ärzten ohne Grenzen" überlassen hat. Geld zum Betreiben der Anlage hat Damien Careme nicht. Die übergeordneten französischen Behörden würden das Problem einfach ignorieren, klagt die Stadt Grande Synthe. "Ärzte ohne Grenzen" behandelt Frankreich jetzt wie einen Notfall, sagt dazu der MFS-Projektleiter für Kriseneinsätze, Laurent Sury. Die Zustände jetzt seien unmenschlich.

Und einen Zaun um das neue Lager finanziert die Stadtverwaltung. Das sei aber nur zum Schutz für die Flüchtlinge. Sie könnten das Lager jederzeit betreten oder verlassen, versichern die "Ärzte ohne Grenzen". Wichtig sei, dass die Migranten, darunter auch viele Kinder, regelmäßige ärztliche Betreuung erhalten. Deshalb habe die Hilfsorganisation auch mit einer Impfkampagne gegen Masern und Grippe begonnen, sagt Ärztin Caroline Gollé.

Erhebliche Verbesserungen

Verglichen mit den derzeitigen Zuständen erwarten die Migranten im neuen Lager von Grande Synthe ab März erhebliche Verbesserungen. Es werde beheizbare Zelte, feste sanitäre Anlagen, ein Lazarett und eine Küche geben. Außerdem werde das Lager nachts beleuchtet sein, um die Sicherheit zu erhöhen, sagen die Mitarbeiter der "Ärzte ohne Grenzen" auf dem Baugelände. Es wird sogar Handy-Ladestationen geben: Steckdosen in einer alten Scheune, an denen die Migranten ihre Smartphones kostenlos aufladen können.

Im wilden Lager von Grande Synthe gibt es das alles nicht. "Die Zustände hier sind schlimmer als das, was ich im Irak-Krieg teilweise gesehen habe", sagt Chris Bailey während er im Schlamm Decken und Gummistiefel verteilt. Bailey gehört zu einer Gruppe britischer Veteranen, die aus Hertfordshire regelmäßig über den Ärmelkanal kommen, um in Wochenschichten im wilden Lager zu helfen.

Auch deutsche Freiwillige hat es nach Grand Synthe verschlagen. Sinan von Stietencron vom Hilfsverein "Volxküche" ist mit seiner Gulaschkanone aus der bayerischen Landeshauptstadt gekommen. "In München kommen nicht mehr so viele Flüchtlinge an. Hier werden wir jetzt gebraucht. Ich habe gedacht, bevor die Flüchtlinge zu uns kommen, kommen wir lieber zu ihnen."

Gulaschkanone der Volxküche - Foto: Bernd Riegert (DW)

Gulaschkanone der "Volxküche": "Hier werden wir jetzt gebraucht"

In der Nachbarschaft des alten Lagers sind die Anwohner geteilter Meinung, was die Flüchtlinge angeht. Auf der Straßenseite direkt gegenüber dem matschigen Camp wäscht ein älterer Herr seinen Wagen vor seinem schmucken Haus. Er beklagt sich über die Gefahren, die von den Migranten ausgehen. "Hier gab es schon Schießereien", erzählt er empört.

Das wird von den zwei Polizisten bestätigt, die vor dem Eingang zum Camp Posten bezogen haben. Die Polizei müsse vor allem abends eingreifen, wenn es zu Auseinandersetzungen zwischen Schlepperbanden und verschiedenen Volksgruppen komme. Die örtlichen Supermärkte haben zusätzliches Sicherheitspersonal vor ihre Eingänge gestellt. "Mir tun ja die Kinder leid da drüben", sagt eine Frau auf der Straße, die zum Lager führt. Allerdings ist sie dagegen, dass die Flüchtlinge länger bleiben sollen.

Endstation Grande Synthe?

Der grüne Bürgermeister, Damien Careme, macht sich keine Illusionen. Er weiß, dass die Mehrheit der Bewohner von Grand Synthe gegen ein permanentes Flüchtlingslager ist. Das werde ihn wohl irgendwann sein Amt kosten, glaubt er. Der Zustrom an neuen Flüchtlingen und Migranten könnte in den nächsten Wochen sogar noch zunehmen, denn im benachbarten Calais soll ein Teil des "Dschungel"-Flüchtlingscamps geräumt werden.

Flüchtling Lizman - Foto: Bernd Riegert (DW)

Flüchtling Lizman: "Schlepper verlangen 5000 Euro"

"Gut möglich, dass dann mehr kommen", meint die freiwillige Helferin Denise, die in der behelfsmäßigen Küche des alten Lagers Tee ausschenkt. "Das mache ich hier schon seit zehn Jahren", erzählt sie. So lange gebe es schon Flüchtlinge hier. Nicht so viele, aber vor zehn Jahr war in Calais schon einmal ein großes Lager am Kanaltunnel geräumt worden. "Und irgendwo müssen die Leute ja hin", sagt die französische Helferin, die selbst in Grande Synthe wohnt.

Die Migranten wollen fast alle weiter nach Großbritannien. Die meisten wissen nicht wie. Lizman, ein Kurde aus dem Irak, sagt, er habe schon dreimal am Hafen versucht auf eine Fähre zu kommen. Er wurde aber immer wieder erwischt. Die bis zu 5000 Euro habe er nicht, die Schlepper inzwischen für einen Platz in einem Lkw nach England verlangten. Ihm bleibt nur abwarten. In Grand Synthe haust Lizman seit drei Monaten.

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