Notenbanken in der Falle | Wirtschaft | DW | 28.09.2013
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Wirtschaft

Notenbanken in der Falle

Seit fünf Jahren fluten Notenbanken die Finanzmärkte mit billigem Geld. Inzwischen werden die Nebenwirkungen sichtbar. Zeit, die ultralockere Geldpolitik zu beenden?

So etwas hat es in der Geschichte noch nie gegeben: Die Leitzinsen in den USA und in Japan liegen seit Jahren bei nahe null. Monat für Monat geben die Federal Reserve und die Bank of Japan viele Milliarden für Staatsanleihe-Käufe aus. Die Europäische Zentralbank ist etwas zurückhaltender. Aber auch sie hält den Leitzins auf dem historisch niedrigen Niveau von 0,5 Prozent und hat Papiere kriselnder Länder angehäuft. Insgesamt haben sich die Bilanzsummen der Notenbanken in den Industriestaaten von über drei Billionen Dollar Anfang 2007 auf knapp zehn Billionen fast verdreifacht.

"Sie wollten eigentlich Vertrauen in das System wiederherstellen. Und sie wollten verhindern, dass das System zusammenbricht", sagt Martin Hüfner, Chefökonom von Assenagon Investments in München. Wir erinnern uns: Nach der Lehman-Pleite versiegte der Interbanken-Handel, weil die Banken einander nicht mehr über den Weg trauten. Da halfen die Notenbanken nach, damit die Finanzkrise nicht die Realwirtschaft infiziert. Ist das Vertrauen denn inzwischen wiederherstellt?

Zombie-Banken und Zombie-Märkte

Dr. Martin Hüfner, Chefökonom von Assenagon (Foto: Assenagon) Mai, 2012

Marktgesetze sind ausgehebelt, sagt Martin Hüfner

"Nein, das Vertrauen ist nicht da. Insbesondere in Europa funktioniert der innereuropäische Geldmarkt noch überhaupt nicht", meint Hüfner im Gespräch mit der DW. Vor allem viele südeuropäische Banken sind abhängig vom EZB-Geld. Anders ausgedrückt, das billige Geld hält manche nicht mehr überlebensfähige Institute künstlich am Leben. Doch Ökonom Hüfner bereiten nicht nur die Zombie-Banken, sondern ganze Finanzmärkte Sorgen: "Wir haben heute nicht mehr vernünftige Finanzmärkte. Wir haben Zombie-Märkte, wo es keine Knappheit an Geld mehr gibt, was eigentlich Voraussetzung für eine Marktwirtschaft ist; wo der Preismechanismus nicht mehr funktioniert, weil die Zinsen bei null sind."

Für die Sparer kommt diese lockere Geldpolitik einer schleichenden Enteignung gleich, da die mickrigen Zinsen, die ihre Ersparnisse abwerfen, noch niedriger ausfallen als die Inflation. Viele suchen ihr Heil in Aktien, was bereits zu einer Blase an den Aktienmärkten geführt hat. Andere sehen in Immobilien eine rentable Anlage. Doch da wiederum besteht die Gefahr, "dass wir wieder eine Immobilienblase bekommen, die dann wieder platzt und dann haben wir wieder eine Krise", sagt Roland Vaubel, Geldpolitik-Professor an der Universität Mannheim. Für den Euroraum sieht er zudem die Geldmenge wachsen - ein Zeichen für Inflation.

Inflation ist bereits da

Prof. Roland Vaubel von der Universität Mannheim (Foto: Uni Mannheim)

Es ist an der Zeit, die Geldpolitik zu ändern, meint Roland Vaubel

"Das Geldmengeaggregat M1 wächst zur Zeit mit einer Jahresrate von 7,5 Prozent", sagt Vaubel im Interview mit der DW. "M" steht in der Geldpolitik natürlich für "money". "M1" beinhaltet Bargeldumlauf und alle Einlagen von Kunden bei den Banken, die sofort zu Geld gemacht werden können. Die EZB achtet bei ihrer Geldpolitik vor allem auf "M3", jene Geldmenge, bei der auch langfristige Guthaben und Einlagen berücksichtigt werden. "Das ist ein sehr träges Geldmengeaggregat, das erst viel später die Probleme anzeigt", sagt der Experte aus Mannheim. Dass die Inflationsrate mit einer Verzögerung von zwei bis drei Jahren auf die Geldpolitik reagiere, habe die EZB selber in einer Studie festgestellt.

Seiner Ansicht nach müssten die Notenbanker noch in diesem Jahr, aber spätestens in der ersten Jahreshälfte 2014 das Ruder herumreißen. Doch glaubt der Geldtheoretiker nicht daran, dass die Zentralbanken das schaffen. Denn zu viele sind bereits von der süßen Droge des billigen Geldes abhängig: die Finanzmärkte, die Banken und auch die überschuldeten Staaten. Gerade wollte Fed-Chef Ben Bernanke den Einstieg in den Ausstieg der lockeren Geldpolitik einleiten, doch im letzten Moment bekam er kalte Füße und beließ alles beim alten. Auch in der EZB sieht Vaubel kein Anzeichen für eine Umkehr, "weil in der EZB eine Mehrheitskoalition existiert aus südeuropäischen Ländern, angeführt von Frankreich, die nicht schnell umsteuern wird. Und ein bisschen Inflation ist aus der Sicht der überschuldeten Staaten, vielleicht sogar auch des deutschen Staates, gar nicht so unattraktiv, weil dadurch ja die Staatsschulden real entwertet werden."

Vaubel geht davon aus, dass es in Europa in der zweiten Hälfte dieses Jahrzehnts durchaus Teuerungsraten von über fünf Prozent geben wird. Und wenn eine Inflation diese Höhe erreicht, dann könnte eine negative Spirale aus noch höheren Inflationserwartungen und weiter steigender Inflation einsetzen.

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