Noch ein langer Weg zur Normalität | Europa | DW | 16.12.2013
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Europa

Noch ein langer Weg zur Normalität

Im Kosovo leben Albaner und Serben. Während die Politik die Annäherung schon besiegelt hat, sieht die Realität in manchen Orten noch ganz anders aus. Gerade junge Menschen sind aber optimistisch.

Straße zum Dorf (Foto: DW/Bahri Cani)

In Plementina gibt zwei Gemeinden - Kontakt haben sie so gut wie keinen

Man streitet darüber, wie viele Menschen in dem Dorf Plemetina unweit der kosovarischen Hauptstadt Pristina leben. Serben sprechen von 1500 Dorfbewohnern, Albaner gehen von etwa 2000 aus. Der Grund für die unterschiedlichen Zahlen: es gibt hier zwei parallele Gemeinden, eine albanische und eine serbische. Sie sprechen sich gegenseitig die Legitimität ab. Kontakte finden nicht statt.

Die große Mehrheit der Serben betrachtet das Kosovo immer noch als Teil Serbiens, obwohl der Staat Kosovo seit 2008 unabhängig ist und von 105 Ländern, darunter auch der Mehrzahl der EU-Mitglieder, anerkannt wurde.

"Ich wünsche mir ein normales Leben"

Nenad Andric( Foto: DW/Bahri Cani)

Nenad Andric will für die Kinder eine friedvolle Zukunft

Die Nichtregierungsorganisation GAIA bringt junge Serben, Albaner und und auch Roma zusammen. Der 22-jährige Nenad Andrić hat GAIA mitgegründet. Er ist "stolz auf seine serbische Herkunft", jedoch habe er "nie jemanden gehasst, nur weil er einer anderen Nation angehört", betont Andrić. "Ich war immer bereit, mit den anderen zusammen zu arbeiten. Vielleicht bin ich ja verrückt, aber ich glaube an meine Zukunft hier im Kosovo, egal wie der Staat, der Präsident oder der Premier heißt."

Andrić wünscht sich "nur ein normales Leben. Ich möchte nicht, dass unsere Kinder das erleben, was wir erlebt haben: Kriege, Bombenanschläge und solches Leiden". Andrić gehört mit seiner offenen Einstellung gegenüber Albanern immer noch zu einer Minderheit unter den Serben im Kosovo. Er ist überzeugt von seiner Arbeit bei GAIA und hofft auf mehr internationale Unterstützung, nicht nur finanziell, sondern auch personell. Er schätzt die Arbeit der jungen deutschen Volontärin Lotte Twenhöven sehr. Auch sie versucht seit zwei Jahren hier in Plementina Serben, Albaner und Roma an einen Tisch zu bringen und Vorurteile zwischen den Bevölkerungsgruppen abzubauen. "Sie hilft uns sehr, Kontakte zu knüpfen und zu pflegen", so Andrić.

Hindernisse und Hoffnungen

Kosovo hat rund 1,7 Millionen Einwohner, von denen 90 Prozent Albaner und 5 bis 6 Prozent Serben sind. Ganz anders ist die Situation in der geteilten Stadt Mitrovica am Fluß Ibar sowie im Norden des Kosovo. Hier gibt es vier fast ausschließlich von Serben bewohnte Kommunen. Viele der Albaner sind aus dem Norden in den Süden geflüchtet. Die Regierung in Pristina hat hier keinerlei Kontrolle, nicht einmal die internationale Polizei der EU-Mission Eulex kann sich hier frei bewegen. Von einem Zusammenleben zwischen Serben und Kosovo-Albanern kann keine Rede sein.

Stadtansicht Mitrovica (Foto: DW/R. Alija)

Mitrovica: geteilte Stadt unter der Aufsicht der internationalen KFOR-Truppe

Politiker in Pristina, Brüssel und Belgrad hoffen jedoch, dass sich die Situation bald ändern wird. Unter der Vermittlung der EU haben sich im April 2013 in Brüssel die Premierminister von Serbien und Kosovo, Hashim Thaci und Ivica Dačić, geeinigt, eine Normalisierung der Situation auch im Norden des Kosovo anzustreben. Ein erster Schritt waren die Kommunalwahlen, die im November stattgefunden haben. Eine wichtige Geste dabei: Die Regierung in Belgrad hatte zum ersten Mal alle in Kosovo lebenden Serben aufgerufen, an solchen Wahlen teilzunehmen. Allerdings gab es Probleme bei der Wahl in Mitrovica, sodass die Wahl hier wiederholt werden musste. Serbische Nationalisten waren gewaltsam in Wahllokale eingedrungen und hatten die Wahlurnen zerstört.

Dies stützt die These des serbisch-kosovarische Anwalts Ljubomir Pantović: Eine schnelle Annäherung und Zusammenarbeit zwischen den Serben im Nordkosovo und der Zentralregierung in Pristina sei nicht zu erwarten. "Irgendwann wird es ein Abkommen über die Normalisierung der Beziehungen geben, aber das wird nicht ohne große Widerstände passieren." Auch der albanisch-kosovarische Politologe Behlul Beqaj ist skeptisch: "Ich erwarte, dass nach den Lokalwahlen die vier serbischen Kommunen im Norden eine Einheit bilden und dann eine Abspaltung von Kosovo und eine Vereinigung mit Serbien verlangen."

EU-Außenbeauftragte Catherine Ashton, Hashim Thaci, Ministerpräsident Kosovo und Ivica Dacic, Ministerpräsident Serbien (foto: European External Action Service) Rechte: European External Action Service

Historische Einigung unter EU-Vermittlung zwischen Serbien und Kosovo

Beqaj befürchtet, dass die Kluft zwischen Serben und Albanern im Norden immer größer wird. Eine Perspektive für ein Zusammenleben könne sich nur eröffnen, wenn die Regierung in Belgrad ihre bisherige Politik ändere, so der albanisch-kosovarische Politologe. "Serbien muss auf seine mythologisierende Politik und auf territoriale Ansprüche verzichten. Es muss also eine Art Katharsis [Läuterung] der serbischen Mentalität stattfinden. Zweitens: In Serbien müsste eine starke Persönlichkeit wie etwa [der frühere französische Präsident] Charles de Gaulle, Konrad Adenauer oder Willi Brandt [deutsche Bundeskanzler] an die Macht kommen, die sich für die Verbrechen gegen die Kosovo-Albaner entschuldigen kann. Erst danach können wir auf eine Versöhnung zwischen Serben und Albanern hoffen".

Nenad Andrić sieht das anders - wesentlich optimistischer: "Die Menschen leben hier seit mehreren Jahrhunderten zusammen. Die Probleme werden öfter mal ohne Grund größer gemacht, als sie sind. Ich hoffe, dass die Menschen die Augen aufmachen und in Frieden zusammenleben werden."

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