Neuer Siemens-Chef will zupacken - vorsichtig | Wirtschaft | DW | 07.11.2013
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Wirtschaft

Neuer Siemens-Chef will zupacken - vorsichtig

Siemens soll sich wandeln, aber mit Bedacht. Wie das künftige Profil genau aussehen soll, verrät der neue Vorstandschef Joe Kaeser bei seinem ersten großen Auftritt noch nicht. Baustellen gibt es reichlich.

Siemens-Chef Joe Kaeser versucht sich an einem Kunststück. Der neue Konzernlenker will nach aufreibenden und hektischen Jahren Ruhe in den verunsicherten Giganten bringen. Zugleich muss der Manager den früheren Stolz der deutschen Industrie umbauen und ihn besser, schneller und vor allem profitabler machen. Wie umfangreich die Neuaufstellung des verzweigten Konzerns ausfallen wird, verrät Kaeser bei der Vorlage der Bilanz 2012/13 am Donnerstag (07.11.2013) in Berlin noch nicht. "Wir müssen unsere Firma nicht neu erfinden", sagt Kaeser. Doch Baustellen hat der zupackende Niederbayern genug. Im Mai will er präsentieren, wie Siemens in Zukunft aussehen wird.

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Vorsichtiger Kurs bei Siemens (07.11.2013)

Derzeit sei Siemens an vielen Stellen nicht gut genug. Peinliche Probleme wie die Lieferverzögerungen bei ICE-Zügen für die Deutsche Bahn oder teure Fehlschläge wie der verlustreiche Kurzausflug ins Solargeschäft sind dabei nicht die größten Schwierigkeiten. An vielen Stellen hinkt der Konzern Wettbewerbern wie GE oder ABB hinterher, vor allem verdienen die Münchner im Verhältnis zum eingesetzten Kapital zu wenig Geld - und das soll sich ändern. "Das hat nichts mit Gier zu tun", sagt Kaeser, der angesichts von Stellenabbau und Sparprogramm nicht den Eindruck erwecken mag, zu sehr vom Kapitalmarkt getrieben zu werden. Nur eine hohe Ertragskraft sichere aber die Fähigkeit, neue Technologien zu entwickeln, die dann Arbeitsplätze erhalten.

"Offenheit, Bescheidenheit, Disziplin"

Zudem müsse Siemens künftig sorgsamer mit seinem Kapital umgehen. "In der jüngeren Vergangenheit war unser Risikoappetit offensichtlich zu groß", sagt der neue Finanzvorstand Ralf Thomas. Etliche Projekte entwickelten sich in den vergangenen Jahren schlechter als erhofft, Siemens verkalkulierte sich, Kosten liefen aus dem Ruder. Milliarden musste der Konzern in den Wind schreiben. "Sonderbelastungen wie diese haben immer wieder unser Ergebnis geschmälert. Das muss aufhören", erklärt Thomas. Verhindern wollen Kaeser und Thomas das mit besserem Risikomanagement, aber auch mit einer größeren Portion Vorsicht und "Offenheit, Bescheidenheit und Disziplin".

Ein Beispiel: Bei Zu- und Verkäufen machte Siemens zuletzt keinen guten Schnitt. Analysten der US-Bank JP Morgan rechneten aus, dass der Konzern Unternehmen im Schnitt für den dreifachen Wert ihres Umsatzes kaufte - beim Verkauf aber lediglich die Hälfte des Umsatzes als Kaufpreis bekam. Ohnehin will Kaeser schwächelnde Geschäftsfelder künftig eher zu neuem Erfolg trimmen, als sie vorschnell abzugeben. Nur wenn eine Trendwende nicht mit Bordmitteln zu stemmen ist, soll verkauft werden, bevor es zu spät ist und Werte zerstört werden, machte er klar.

Umbau des Umbaus

Doch auch an die bestehende Struktur dürfte Kaeser herangehen. Dabei ist der letzte Umbau nicht lange her. Seit 2011 gibt es einen vierten Sektor, in dem die Geschäfte mit Infrastruktur und Städten gebündelt sind, darunter das Bahngeschäft. Kritik an diesem Kunstprodukt gibt es seit dem Start. Kaeser betont, dass Veränderungen dort jetzt keine Priorität haben. Schließlich würde eine bloße neue Zuordnung der einzelnen Geschäfte deren Margen auch nicht verbessern. Ausschließen mag Kaeser einen Umbau des Sektors aber nicht. Zum Start in das Geschäftsjahr 2014/15 soll die neue Struktur stehen.

Bei seinem ersten Auftritt als Konzernchef widmete sich Kaeser aber noch selbstkritisch den Zahlen der Vergangenheit und vor allem denen des jüngst zu Ende gegangenen Geschäftsjahres. Das Gewinnziel von 4 Milliarden Euro hat Siemens um 200 Millionen Euro überboten. "Können wir damit zufrieden sein? Leider nicht wirklich", sagt Kaeser. Denn gleich zweimal hatte Siemens dieses Jahr seine Prognose kassieren müssen, am Ende musste Kaesers Vorgänger Peter Löscher gehen. Kaeser, bis dahin als Finanzvorstand durchaus für die Malaise mitverantwortlich, übernahm und machte rasch klar, dass vieles künftig ganz anders laufen müsse. "Silos müssen sich öffnen, Barrieren verschwinden", sagt der Manager.

Der Teamgeist ist dem Manager besonders wichtig. "Die Stimmung im Unternehmen war ja viel schlechter als die Lage", sagt Kaeser mit Blick auf die Monate vor dem wenig würdevollen Chefwechsel im Sommer. Er lege Wert darauf, mit Mitarbeitern wieder mehr zu sprechen und sie einzubeziehen. Ob die Siemensianer ihm als jahrelangem Vorstand den Neuanfang abnehmen, könne er nicht beantworten. "Da müssen sie die Mitarbeiter fragen. Ich habe aber das Gefühl, dass die Leute auf einen gewartet haben, der wieder mit ihnen spricht."

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