Neue Heimat für umstrittenes Gomringer-Gedicht | Kunst | DW | 20.04.2018
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Kunst

Neue Heimat für umstrittenes Gomringer-Gedicht

Nach der Debatte um Eugen Gomringers angeblich sexistisches "Avenidas" in Berlin hat das Gedicht in Bielefeld eine neue Heimat gefunden - an der Fassade eines Privathauses. Aber auch der Hauptstadt bleibt es erhalten.

Helen und Marcus Knauf aus Bielefeld (Foto oben) sehen in "Avenidas" schlicht Poesie. "'Avenidas' hat vieles, was große Kunst ausmacht", so Marcus Knauf. Es sei leicht verständlich, zeitlos und schön. Das Ehepaar verfolgte die Sexismus-Debatte über das Gedicht und setzte sich mit dem Dichter in Verbindung. Der Vorwurf sei absurd, finden beide: "Wer sich an solchen Zeilen aufhängt, ohne sich um die echten Probleme zu kümmern, diskreditiert das Anliegen von Feminismus geradezu." Als Zeichen für die Kunstfreiheit prangt das Gedicht nun seit dieser Woche auf zwölf Quadratmetern Fläche an der Fassade ihrer Jugendstil-Villa.

Schlüsselwerk der Konkreten Poesie

Seit 2011 stand das Gedicht des Alice-Salomon-Poetik-Preisträgers Eugen Gomringer an der Fassade der gleichnamigen Hochschule in Berlin. Der bolivianisch-schweizerische Dichter Eugen hat es 1951 verfasst und 1953 erstmals veröffentlicht. Der heute 93-Jährige gilt als Begründer der Konkreten Poesie und "Avenidas" als eines ihrer Schlüsselwerke. Vor zwei Jahren dann hatten Studierende der Hochschule die Verse in einem offenen Brief als frauenfeindlich kritisiert.

Das Gedicht Avenidas steht auf der Fassade der Alice Salomon Hochschule in Berlin.

Noch bis Herbst schmückt "Avenidas" die Hochschulfassade, dann wird es übermalt

Der Allgemeine Studierendenausschuss der Alice Salomon Hochschule kam zu dem Schluss, Gomringers Gedicht reproduziere eine "klassische patriarchale Kunsttradition, in der Frauen ausschließlich die schönen Musen sind, die männliche Künstler zu kreativen Taten inspirieren". Die Verse erinnerten darüber hinaus "unangenehm an sexuelle Belästigung, der Frauen alltäglich ausgesetzt sind".  Nach einer langen öffentlichen Diskussion hatte das Hochschulparlament im Januar beschlossen, "Avenidas" bei einer Fassadenrenovierung im kommenden Herbst zu übermalen.

Zeichen der Solidarität auch andernorts

Die Entscheidung hatte bundesweit für Kritik gesorgt. Kulturstaatsministerin Monika Grütters sprach von einem "erschreckenden Akt der Kulturbarbarei", die Präsidentin der PEN-Zentrums Deutschland, Regula Venske, nannte es "barbarischen Schwachsinn" und Gomringer selbst bezeichnete die Entscheidung als "Eingriff in die Freiheit von Kunst und Poesie".

Das sahen auch andere so: Deshalb konnte man die umstrittenen Zeilen wochenlang auf einer Leuchttafel des Berliner Springer-Hochhauses lesen. Und das Gedicht wird Berlin voraussichtlich auch weiter im öffentlichen Raum erhalten bleiben, und zwar  im Bezirk Marzahn-Hellersdorf, in dem auch die Alice Salomon Hochschule liegt. Anfang des Monats kündigte die Wohnungsgenossenschaft "Grüne Mitte" an, das Werk an einem ihrer Wohnblocks anbringen zu wollen. Ein Vertrag mit Gomringer sei bereits unterzeichnet. Auch Gomringers Wohnort Rehau in Nordbayern will solch ein Zeichen setzen und das Gedicht großflächig anbringen.

Der Lyriker Eugen Gomringer steht an ein Treppengeländer gelehnt, eine Hand auf die Brüstung gestützt.

Eugen Gomringer sprach vom Eingriff in die Kunstfreiheit

Die spanische Originalfassung des Gedichts lautet übersetzt: "Alleen/ Alleen und Blumen/ Blumen /Blumen und Frauen /Alleen / Alleen und Frauen /Alleen und Blumen und Frauen und ein Bewunderer." An der Fassade der Hochschule soll ab Herbst ein Vers der Poetik-Preisträgerin 2017, Barbara Köhler, stehen, danach soll die Mauer alle fünf Jahre neu gestaltet werden.

tla/suc (dpa, edp)

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